Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : „Das Trauma verfolgt mich noch immer“

Bruno Tiede im Alter von zehn Jahren
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Bruno Tiede im Alter von zehn Jahren

Bruno Tiede kehrte nach der Flucht mit Mutter und Schwester auf den heimatlichen Hof zurück und wurde einige Wochen später wieder verjagt

svz.de von
22. April 2017, 00:00 Uhr

„Ich bin Zeitzeuge und habe mit 15 Jahren die Flucht vor der Roten Armee und die Vertreibung bewusst miterlebt. Von diesem Trauma werde ich nach 72 Jahren nachts oftmals noch verfolgt und habe Erinnerungen, als ob ich es gestern erlebt hätte“, schreibt Bruno Tiede. Er lebt seit 1972 in Schwerin. Der Agrar-Ingenieur-Ökonom, der an der Hochschule in Bernburg sein Diplom ablegte, ist seit 63 Jahren verheiratet, hat drei Töchter, sechs Enkel und vier Urenkel. „Wir haben hier glückliche Jahre gehabt“, sagt er heute über sein „zweites Leben“ in Mecklenburg.

Ich wurde am 27. Januar 1929 in Karolinenhorst geboren und bin 87 Jahre alt. Nach der Kapitulation haben sich meine Mutter, Schwester Gertrud und ich, Bruno, nur noch so schnell wie möglich bemüht, am 10. Mai 1945, trotz der vielen negativen Gerüchte, wieder auf unseren Bauernhof zu kommen. Vater Karl und Bruder Karl waren in Gefangenschaft. Wir haben unseren Fluchtwagen wieder mit einem Teil unserer mitgenommenen Lebensmittel, Futter für unsere beiden Pferde, einem Teil Wäsche, Eigentumsnachweisen und Wertgegenständen beladen – der größte Fehler, den wir gemacht haben.

Hinter der Scheune wären Bruno und seine Mutter beinahe erschossen worden.
Hinter der Scheune wären Bruno und seine Mutter beinahe erschossen worden.
 

Auf der Fahrt von Glien bei Friedland über Anklam, Torgelow, Pasewalk, Löcknitz und Stettin nach Karolinenhorst wurden wir von Sowjetsoldaten bis Stettin fünfmal und hinter Stettin von Polen zweimal beraubt. Wir durften nur überwiegend Feldwege befahren, die durch Wälder führten. Neben der Straße 104 in Höhe von Grünwald, 15 Kilometer vom Wohnort entfernt, mussten wir in den Wald fahren, damit man uns ausrauben konnte. Die beiden treuen Pferde mit Wagen einschließlich dem, was wir noch nach der ständigen Plünderung hatten, wurden uns mit Gewalt abgenommen. Wir mussten zusehen, wie unser wertvolles Eigentum vernichtet wurde. Dann wurden wir aus dem Wald getrieben und kamen auf unserem Bauernhof ohne Hab und Gut, ohne Nahrungsmittel, hungrig an. Bis auf kleine Schäden an den Dächern von Haus, Stall und Scheune war der Hof insgesamt noch erkennbar. Meine Mutter hat bitterlich geweint über den verwahrlosten Zustand des Bauernhofes, auf dem sechs Generationen mit dem Namen Tiede gearbeitet hatten. Im Haus waren alle Türen von Schränken aufgebrochen. Noch vorhandenes Geschirr war zertrümmert, Wäsche, Bilder, Andenken, Papiere als Fußabtreter benutzt. Die Türen von den Ställen und der Scheune waren ausgehebelt und lagen auf dem Hof. Ratten und Mäuse haben sich sehr wohlgefühlt. Totes Vieh haben wir entsorgt und einfach tief eingegraben. Der Gestank war fürchterlich. Die noch brauchbare Wäsche hat Mutter gewaschen und in die Schränke gelegt. Lichtleitungen und Zählertafeln waren aus der Halterung gerissen und für die Zukunft nicht mehr verwendbar. Strom gab es nicht. Das Wasser von der Holzpumpe war nicht verunreinigt und konnte als Trinkwasser verwendet werden.

Von Mitte Mai bis zum Tag der Vertreibung hatten wir das Grundstück „besenrein“ erarbeitet. Ein Deutsch sprechender Sowjetoffizier von der sowjetischen Kommandantur kam uns täglich besuchen, er hat uns beschützt und auch meine Mutter und Schwester vor Vergewaltigung bewahrt.

Am 14. Juni 1945 kam der Tag der gewaltsamen Vertreibung. Zwei Polen in Zivil kamen mit einem großen Wortschwall auf meine Mutter zu, riefen nach mir und forderten uns auf, in zehn Minuten das Grundstück zu verlassen, die Türen zu schließen, den Schlüssel stecken zu lassen und nur das mitzunehmen, was wir ohne Hilfsmittel tragen könnten. Nun gab es von meiner Mutter ein Wortgefecht. Unter Tränen nahm sie mich in den Arm und sagte, wir gehen nicht, dann sollen sie uns auf unserem Grundstück erschießen. Sie trieben uns hinter die Scheune, meine Mutter nahm mich in den Arm und schrie den Polen an, wir sind bereit. Der Pole hatte seine MP durchgeladen und der andere Pole hat es im letzten Moment verhindert. So verloren wir unseren Bauernhof, den unsere Vorfahren nach der Trockenlegung des Odergebietes übernommen hatten und wurden vertrieben. Auf dem Bahnhof Karolinenhof trafen wir dann meine Schwester, die man am Morgen zum Rübenhacken geholt hatte.

In ständiger Begleitung wurden wir über die Oder getrieben. Wir waren jetzt völlig mittellos, ohne Ausweise und Papiere. Das war das Ende der Rückkehr.

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