Historie : Das „Rauchhuhn“ als Steuer

Blick auf den Ratzeburger Dom: Das Zehntregister des Bistums Ratzeburg gehört zu den ältesten überlieferten Lehenregistern.
Foto:
1 von 2
Blick auf den Ratzeburger Dom: Das Zehntregister des Bistums Ratzeburg gehört zu den ältesten überlieferten Lehenregistern.

Die besondere Form der Abgabe ist in Mecklenburg bereits im 13. Jahrhundert überliefert. Der Vogel kam auch als Pfingsthuhn oder Erntehuhn vor.

svz.de von
19. Januar 2018, 00:00 Uhr

Von den einen begehrt, von den anderen gefürchtet: Der „Kirchenzehnte“ war ein Abgabentarif, der die Bauern drückte und der auch bei Gründung des Bistums Ratzeburg, dem seinerzeit der größte Teil des heutigen Westmecklenburgs gehörte, rechtsverbindlich bestimmt wurde.

Schriftliche Quellen aus dieser Zeit sind rar. Eines der wertvollsten Dokumente, welches zu den frühesten überlieferten Lehenregistern in Deutschland gehört, ist das Ratzeburger Zehntregister aus dem Jahr 1230. Dieses Dokument regelte u.a. die Abgabenanteile, welche die Bischöfe von dem ursprünglich ihnen allein zustehenden Zehnt durch Abtretungen und Verpfändungen an andere Landesherren bzw. Klöster, Domkapitel und Pfarren abzugeben hatten.

Die Bauern waren den Grundherren nicht nur abgaben-, sondern auch frondienstpflichtig, das heißt, sie mussten ihnen unentgeltlich sogenannte Hand- und Spanndienste leisten. Handdienste bestanden zum Beispiel darin, die landwirtschaftlichen Kulturen des Grundherrn anzulegen, zu pflegen und zu ernten. Spanndienste waren Arbeiten, die mit Zug- und Lasttieren zu erledigen waren. Im Zuge der Entstehung der Geldwirtschaft wurden die Frondienste schrittweise durch Geldzahlungen abgelöst. Mit der Bauernbefreiung im 18. und 19. Jahrhundert hatten sie sich dann endgültig erledigt.

Beim Kirchenzehnten wiederum wurde zwischen dem großen und dem kleinen Zehnt unterschieden. Während der große Zehnt in einer Scheffelabgabe an Getreide bzw. der zehnten Garbe von der Ernte bestand, waren dem kleinen bzw. „schmalen“ Zehnt nach das zehnte Stück von den neugeborenen Füllen, Lämmern, Kälbern, Kühen, Schweinen und Gänsen abzuliefern. In diesem Zusammenhang unterschied man zwischen dem „Feldzehnt“ und dem „Fleischzehnt“.

Eine besondere im Kirchenzehnten nicht erfasste Jahresabgabe war das sogenannte „Rauchhuhn“. Die Abgabe eines Rauchhuhns lässt sich ebenfalls bis in die Zeit der Kolonisation zurückverfolgen und könnte, so wird angenommen, ein Relikt germanischer Gepflogenheit sein. In Mecklenburg wird das Rauchhuhn in Urkunden erstmalig 1217 als „rohon“ erwähnt.

Dieses musste jeder Untertan abgeben, der eine Herdstelle bzw. einen Rauchfang sein Eigen nannte. Diese Abgabe war an die Grundherrschaft als Leistung für die über sie ausgeübte Gerichtsbarkeit abzugeben, also eine Art Rechtssteuer. Auch aus dieser zweckbestimmten Abgabe entstand im Laufe der Jahrhunderte bis ins 18. Jahrhundert eine allgemeine Steuerzahlung.

So heißt es in einem Kaiserlichen Rechtsbuch von 1751: Der Ursprung dieser Prästation (Abgabe, Leistung, R.R.) wird aus alten „teutschen“ Gewohnheiten hergeleitet. In Mecklenburg wurde das „Rookhohn“, wie es im niederdeutschen genannt wurde, als faktische Steuer 1549 durch einen Landtagsbeschluss erstmalig rechtlich festgeschrieben.

Somit zählt das Rauchhuhn wohl zu den ältesten Abgabeformen in Mecklenburg und wohl darüber hinaus. Während zunächst tatsächlich ein Huhn beim Grundherrn abgeliefert werden musste, konnte diese Art der Abgabe später auch in anderer Form wie halben Gänsen oder stattdessen einigen Pfund Fleisch oder Tauben bzw. einer Geldzahlung geleistet werden. In Anlehnung an das Rauchhuhn sprach man in diesem Fall vom „Rauchgeld“. Je nach der Jahreszeit der Fälligkeit oder nach dem Zweck waren auch die Bezeichnungen Fastnachtshuhn, Kindbetthuhn, Herbsthuhn, Pfingsthuhn, Erntehuhn, Sommerhuhn, Heuhuhn oder Voigthuhn gebräuchlich.

In einer Polemik des germanischen Rechts aus dem Jahr 1832 heißt es: „Das Rauchhuhn kommt nur als eine Abgabe vor, welche für den erteilten Schutz gegeben wird, als Schutzgeld, und es kann von der Leistung weder auf Gerichtsbarkeit überhaupt, noch auf die peinliche Gerichtsbarkeit geschlossen werden.“ Diese Form einer Sondersteuer war kein Zeichen der Leibeigenschaft, sondern wurde, obwohl sie eine persönliche Abhängigkeit bezeugte, auch von ganz freien Gütern eingezogen.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen