Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : Das Nichtgesagte wurde zur größten Last

Maria, Thea und Hildegard (v.l.) in Dabel, aufgenommen ca. 1949. Im Jahr zuvor waren die Mädchen aus dem Lager entlassen worden und in Dabel bei Sternberg angekommen.
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Maria, Thea und Hildegard (v.l.) in Dabel, aufgenommen ca. 1949. Im Jahr zuvor waren die Mädchen aus dem Lager entlassen worden und in Dabel bei Sternberg angekommen.

Hildegard Ramisch aus Schwerin war dreieinhalb Jahre in einem Arbeitslager im Südural – über diese Zeit zu reden, ist ihr heute wichtig

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08. April 2017, 00:00 Uhr

„Diese schwere Zeit sollten wir nie vergessen!“ Dieser Satz steht in Handschrift auf der ersten Seite des Buches, das den Titel „Verschleppt ans Ende der Welt“ trägt. Hineingeschrieben hat ihn Hildegard Ramisch. Die Schwerinerin ist eine von elf Frauen, die der Autorin Freya Klier von ihren Schicksalen in sowjetischen Arbeitslagern erzählt haben. Das im Jahr 2000 erschienene Buch will anhand der Lebensgeschichten seiner Protagonistinnen an die Leiden tausender Frauen und Mädchen erinnern, die in der Fremde für Reparationen schuften mussten und nicht selten dabei ihr Leben ließen.

Es ist ein Kapitel, über dem viele Jahrzehnte ein Tabu lag – in Ost und West. In der DDR erfuhren die Betroffenen schnell, dass sie über diese dunkle Zeit ihres Lebens besser nicht sprachen: Die deutsche Schuld und die undifferenzierte Verehrung der Sowjetunion als Brudervolk verordneten Stillschweigen. So wurde das Nichtgesagte oft zur größten Last.

Hildegard Ramisch hat das erzwungene Schweigen selbst erlebt, so wie die meisten ihrer Schicksalsgefährtinnen. Heute tut es ihr gut, sich austauschen zu können. Für das Buch von Freya Klier hat sie erstmals ihre Geschichte öffentlich gemacht. Diese beginnt in der ostpreußischen Kleinstadt Rößel. Hier wird Hildegard Nieswandt 1929 als zehntes von elf Kindern geboren. Mit dem zweiten Weltkrieg bricht auch über Familie Nieswandt die Katastrophe herein: Fünf von Hildegards sieben Brüdern bleiben im Krieg: gefallen, vermisst, in der Gefangenschaft gestorben. Helmuth, Willi, Waldemar, Aloysius, Ewald. Nur Felix und der 1933 geborene Joseph, der Jüngste, überleben.

Der Vater, parteilos, arbeitet als Fleischermeister. Wegen seines Berufs darf er die Stadt nicht verlassen. Ohnehin gibt es immer noch keinen Evakuierungsbefehl, auch wenn im Januar 1945 schon zahlreiche Flüchtlingstrecks durch Rößel ziehen. Als Nieswandts aufbrechen, ist es zu spät. Sie erreichen noch ein wenige Kilometer entferntes Dorf, aber schon am nächsten Tag ist die sowjetische Armee da. Nachdem der Vater und eine Schwester von einem Verhör in Rößel nicht zurückkehren, werden einige Wochen darauf auch Hildegard, ihre Schwester Theresia und drei Cousinen mitgenommen. Theresia, genannt Thea, ist 17 Jahre alt, Hildegard 15.

Eigentlich durften nur 25 Wörter auf den Karten stehen. „Aber wir schrieben einfach mehr“, sagt Hildegard Ramisch.
Eigentlich durften nur 25 Wörter auf den Karten stehen. „Aber wir schrieben einfach mehr“, sagt Hildegard Ramisch.
 

Von Insterburg geht der Transport nach Russland. Die Frauen und Mädchen werden in Waggons getrieben, in denen es weder eine Heizung noch Stroh gibt. Sie sitzen auf blanken Brettern, werden während der Fahrt kaum versorgt. Wer keinen Becher besitzt, bekommt auch nichts zu trinken. Schon auf der Fahrt muss Hildegard miterleben, wie Mädchen ihres Alters sterben: an Fieber, Durst, den Folgen furchtbarer Vergewaltigungen.

Nach zwei Wochen erreichen die Verschleppten das Lager Kolpeisk im Südural. Gleich nach der Ankunft wird Hildegard krank. „Meine Schwester hat mir geholfen, damit ich nicht aufgebe“, erinnert sie sich in ihrem Bericht. „Sie kam immer ans Fenster der Krankenbaracke und sagte: ,Iss und trink, sonst kommst du unter die Birken...’“ Dort waren die Massengräber, in denen all jene Frauen und Mädchen ihre letzte Ruhestätte fanden, die im Lager starben. Auch Hildegards Cousine Anni gehörte zu denen, die die Strapazen nicht überlebten.

Ende 1945 werden Hildegard und Thea zum Arbeiten auf eine Kolchose gebracht. Hier bekommt Hildegard Typhus und überlebt nur, weil sich eine mitgefangene Polin aufopferungsvoll um sie kümmert. Der Leidensweg führt die Mädchen weiter in die Sowchose Smolino, wo die Lebensbedingungen noch schlechter sind. Es gibt kein Wasser – die Frauen müssen sich im See waschen – und keine Elektrizität. Quälend ist vor allem der Hunger: Die Nahrung besteht aus dünner Kohlsuppe und ein bisschen Brot, manchmal ist auch kein Brot dabei. Hildegard ist von Natur aus zierlich, aber zu diesem Zeitpunkt wiegt sie nur noch 35 Kilogramm.

Später treffen die beiden Mädchen durch Zufall auf ihre älteste Schwester Maria, die zusammen mit dem Vater verschleppt worden ist. Sie erfahren vom Tod des Vaters, der schon die Zugfahrt ins Lager nicht überstanden hat. 1946 dürfen die Mädchen erstmals nach Hause schreiben. Da sie nicht wissen, wo sich ihre Mutter aufhält, wählen sie den Weg über den Suchdienst des Roten Kreuzes und können im März 1947 erstmals der Mutter in Mecklenburg Nachricht zukommen lassen. „Gesundheitlich geht’s gut“, schreiben die Mädchen – die Mutter soll sich nicht noch mehr sorgen und wer alles mitliest, ist auch nicht klar. Martha Nieswandt hat knapp zwei Jahre nach Ende des Krieges nur das jüngste ihrer elf Kinder bei sich.

Erst 1948, nach dreieinhalb Jahren, dürfen Hildegard und ihre Schwestern nach Hause – oder besser gesagt dorthin, wo die Mutter nach der Flucht aus Ostpreußen Unterschlupf gefunden hat: nach Dabel in Mecklenburg. Nachdem die Schwestern das Datum ihrer Ankunft mitgeteilt haben, wartet die Mutter die ganze Nacht auf dem Bahnhof in Sternberg. Als der Zug einfährt, springt sie hinein und fährt die letzte Station bis Dabel zusammen mit ihren drei Mädchen. In Dabel warten die Tante und der jüngste Bruder und auch die Nachbarn begrüßen die jungen Frauen herzlich und geben von dem wenigen ab, das sie haben.

Hildegard absolviert später einen Lehrgang für Stenographie und Maschineschreiben. Sie findet Arbeit, lernt ihren späteren Mann kennen und zieht nach Schwerin. Sie ist die Einzige der Familie, die in der DDR bleibt. Die Geschwister und später auch die Mutter gehen in den Westen.

Trotz ihrer schlimmen Erlebnisse im Südural weiß Hildegard Ramisch zu differenzieren und setzt sich für Verständigung ein. Als sie zu DDR-Zeiten in einer Zeitung auf eine Anzeige stößt, in denen deutsche Briefpartner gesucht werden, beginnt sie einen Briefwechsel mit einem Arzt in Tscheljabinsk. Es ist der Ort, in dem sich das Lager befand. Noch einmal dorthin zurückzukehren – das hat sich Hildegard Ramisch trotz der herzlichen Einladung ihres Briefpartners Wladimir nie getraut.

Wenn die 87-Jährige heute an ihre Leidenszeit denkt, ist es ihr wichtig, die Erinnerung daran wachzuhalten. Mit Interesse verfolgt sie die Serie im Mecklenburg-Magazin. Als im Februar der Bericht der Schwerinerin Elly Burchardt erschien, die ein ähnliches Schicksal erlitt, setzte sich Hildegard Ramisch umgehend mit ihr in Verbindung. Das Kennenlernen und die Möglichkeit, über das Vergangene reden zu können, taten beiden gut.

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