Luther und seine Thesen : Das neue Wort von der Kanzel

Das Eckhaus in der Schweriner Salzstraße 2 wurde in den 1960er-Jahren abgerissen.
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Das Eckhaus in der Schweriner Salzstraße 2 wurde in den 1960er-Jahren abgerissen. Repro: Zänger

Wie Luthers Lehren Schwerin und ganz Mecklenburg erreichten

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11. März 2016, 08:59 Uhr

Am 31. Oktober 1517 hatte Dr. Martin Luther seine 95 Thesen „wider den Ablass“ an die Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen. Dieses Ereignis stieß auch in Mecklenburg auf Resonanz, vornehmlich in der Person des Reformators Joachim Slüter (1491-1532), der in Rostock ab 1523 als Kaplan an der St. Marien wirkte. Slüter, Verfasser des 1525 in Rostock gedruckten ältesten niederdeutschen Gesangsbuches, verkündete das Wort Gottes in deutscher Sprache und predigte Luthers Lehre in Plattdeutsch.

In Schwerin fand die Reformation 1524 Eingang. Hier besonders durch die Hofprediger Heinrich Möller, Jürgen Westphal und Egidius Faber. Faber hatte 1530 als Magister an der Universität Wittenberg die Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon kennengelernt, kam 1531 als Prediger nach Schwerin und wurde 1534 Hofprediger Herzogs Heinrich V., des Friedfertigen (1503-1552). Seine Streitschrift von 1533 „Von dem falschen Blut und Abgott im Thum zu Schwerin“ leitete die Reformation in der Stadt ein.

Der Nürnberger Religionsfriede vom Juli 1532, den die deutschen Fürsten dem Kaiser abgezwungen hatten und der allen Reichsständen eine freie Religionsausübung gestattete, hatte Herzog Heinrich V. ermöglicht, seine religiöse Überzeugung in die Tat umzusetzen. Einer seiner ersten Schritte war, der evangelischen Lehre ein eigenes Gotteshaus zu errichten. Dieses Gotteshaus, das im November 1533 fertig gestellt war, „in welchem zuerst lutherischer Gottesdienst gehalten ist, stand an der Moor-Niederung“, also am heutigen Großen Moor. Aus der Niederschrift des Geheimen Archivrates Dr. Friedrich Lisch, um 1860, erfahren wir: „Die Forschung nach dem ersten festen Sitz des Luthertums in Schwerin, während der Dom mit dem Domkapitel bei seiner katholischen Verfassung gelassen ward, ist umso schwieriger, gewesen, als dieselbe über dreijahrhunderte umfasst, und das Stadtarchiv fast ganz entblößt von alten Urkunden und Akten ist. Jedoch ist die viele Jahre hindurch fortgesetzte Forschung endlich gelungen, und ich will hier gleich die Stelle bezeichnen, wo das Haus gestanden hat. Das Haus stand an der Salzstraße, wenn man von der Königstraße nach dem Kleinen Moor hinabgeht ...“

Der Lischschen Schrift ist ebenso zu entnehmen, dass es seit 1526 dem auf Luthers Empfehlung nach Schwerin berufenen Pfarrhelfer Martin Oberländer gestattet war, in der St.-Georgen-Kapelle der Vorstadt in der Rostocker Straße lutherisch zu predigen. Als die Kapelle des St.-Georgs-Hospitals vor dem Mühlentor, so auch genannt, nicht mehr ausreichte, wurde „eine Kanzel unter den Buden des Rosengartens“, an der heutigen Reiferbahn, errichtet. Als aber 1531 das ganze Spitalgebäude bei einem Sturm einstürzte und nur die St.-Georgs-Kapelle stehen blieb, beschloss man, auch diese abzubrechen und ihre Steine zum Aufbau des am 24./25. Juli desselben Jahres in der Salzstraße abgebrannten Hauses als lutherische Stadtkirche zu verwenden.

Schon 1534 hatte Hofprediger Westphal auch in der alten Nikolai-Kapelle auf der Schelfe lutherisch gepredigt, und seit 1539 sollen in der Vor-Kirche des Franziskaner-Klosters lutherische Predigten gehalten worden sein, „ohne dass die Mönche dabei in ihren Zeremonien gehindert wurden“.

Aufgeschlossen stand auch die Schwesternschaft der Beginen, einer halbklösterlichen Gemeinschaft, in den beiden Schweriner Spitälern Heilig-Geist-Haus und St. Jürgen in der Vorstadt, die noch lange Zeit weiter bestanden, der Reformation gegenüber. Herzog Heinrich hatte noch zu Weihnachten 1532 die katholische Messe gefeiert, im Jahr darauf aber auch schon das lutherische Abendmahl genommen und sich damit öffentlich zu dieser Konfession bekannt.

Einem späteren Bericht vom 4. August 1625 des mecklenburgischen Diplomaten, Historikers und Chronisten Andreas Mylius, Vertrauter und Berater Herzog Johann Albrechts, ist zu entnehmen, dass in dem Haus an der Ecke Salzstraße/Ritterstraße schon 1528 im Unterstock eine lutherische Kirche und im Oberstock eine lutherische Schule existierten.

Eine neue Zeit für Stadt und Land begann mit dem Einzug des Herzogs Johann Albrecht I. (1547-1576), der die alte Schweriner Burg seiner Vorfahren von nun an zu seiner Hauptresidenz gemacht hatte. Dieser Herzog war ein Förderer der Wissenschaften und Künste. Er vollendete die Reformation in Mecklenburg.

Als Geburtsstunde der mecklenburgischen Landeskirche gilt der Sternberger Landtag vom 19. und 20. Juni 1549 mit dem Bekenntnis der Herzöge Heinrich V. und Johann Albrecht I. an der Sagsdorfer Brücke. Herzog Johann Albrecht betrachtete es als eine seiner ersten Aufgaben, nachdem er die Regierung im Schweriner Landesteil angetreten hatte, die Organisation der lutherischen Landeskirche weiter auszubauen.

Mit dem Jahr 1548 war der Gottesdienst in der kleinen wohl eher provisorischen Schweriner Stadtkirche, die besonders zur Verkündung der neuen Reformation gedient hatte, eingestellt worden. Die evangelische Predigt wurde nun ganz in die von den Mönchen verlassene Klosterkirche verlegt. Hier blieb sie, bis im Dom eine würdige Stätte bereitet werden konnte. Das war um das Jahr 1556, als Johann Albrecht eine Begräbnisgruft für die mecklenburgischen Fürsten herrichtete, die Klosterkirche zerstört und das Haus der Kirche in der Salzstraße bereits in privaten Besitz gelangt war. Herzog Johann Albrecht beschenkte den Dom mit einer Orgel des Baumeisters Anton Mors aus Antwerpen, einer Kanzel und einem fürstlichen Stuhl.

An der Stelle der auf der Schlossinsel 1515 bis 1520 entstandenen neuen protestantischen Kapelle entstand die 1560 bis 1563 erbaute, der Nordseite des Schlosses eingefügte Schlosskirche, die heute mit ihrem seitlich stehenden Glockenturm und dem in der Mitte des 19. Jahrhunderts hinzugefügten Chor vom Burggarten aus erkennbar ist.

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