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Flucht, Vertreibung, Neuanfang : Das Grauen in Ostpreußens Hungerwinter

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Historiker Christopher Spatz untersucht eine der größten humanitären Katastrophen nach Ende des zweiten Weltkrieges

svz.de von
erstellt am 21.Jan.2017 | 00:00 Uhr

Ostpreußen war die erste deutsche Provinz, welche die Rote Armee bei ihrem Vormarsch nach Westen erreichte. Entsprechend war das Rache- und Vergeltungsbedürfnis der Soldaten. Nach der ersten Welle der Wut, die über die deutsche Zivilbevölkerung grausames Leid brachte, folgte eine humanitäre Katastrophe, die schleichend kam und die später in Ost und West totgeschwiegen oder dem Vergessen anheimgegeben wurde: der Hungerwinter 1946/47. In dem Buch „Nur der Himmel blieb derselbe“ hat der Historiker Christopher Spatz Überlebende dieser Zeit zu Wort kommen lassen.

Es sind Berichte, die sprachlos machen. Als bei Kriegsende der nördliche Teil Ostpreußens um die einstige Hauptstadt Königsberg unter sowjetische Verwaltung gestellt wurde, erklärte die Sowjetmacht das nun „Oblast Kaliningrad“ genannte Gebiet zum Sperrbezirk. Zu diesem Zeitpunkt, schreibt Spatz, befanden sich noch mehr als 220 000 Deutsche in dem Gebiet. Unter ihnen waren zehntausende Menschen, die im Winter erfolgreich geflüchtet waren und nach Kriegsende auf eine Normalisierung der Verhältnisse und die Rückkehr auf den eigenen Hof hofften. Allerdings ließen die neuen sowjetischen Machthaber keine bäuerliche Kleinwirtschaft mehr zu: Es entstand das Prinzip der Sowchose – und damit einer der Auslöser für die folgende Mangelwirtschaft, die in Deutschlands einstiger „Kornkammer“ bittere Hungersnot provozierte. Mehr als 100 000 Menschen starben bis zum Frühjahr 1947 an Unterernährung, Kälte, Entkräftung und Krankheiten. Die Überlebenden, oft Kinder, die sich nach dem Tod von Eltern und Geschwistern allein durchschlagen mussten, blieben Zeit ihres Lebens traumatisiert.

„Ostpreußens Hungerkinder erzählen vom Überleben“ lautet der Untertitel von Spatz’ Buch. Es fußt auf den Erinnerungen von mehr als 50 Überlebenden, die mit bedrückender Authentizität die Auflösung familiärer Bande und Entmenschlichung von Menschen in Zeiten größter Not schildern.

Es begann ein scheinbar nicht enden wollendes Sterben. Oft bleiben von großen Familien nur wenige zurück. Spatz schreibt: „Liselotte Werner, 19-jährig, lebte mit den Eltern und 9 Geschwistern in Königsberg ... 2 kleinere Geschwister, davon eines erst im Februar 1945 geboren, starben im April 1945 ... Im gleichen Jahr stirbt ein weiterer jüngerer Brüder. Kurz vor Weihnachten 1946 stirbt der Vater an Hunger. Januar 1947 verhungert der 10-jährige Bruder, im Februar 1947 die 4-jährige Schwester, im April 1947 die Mutter.“ Die Erinnerungen der Augenzeugen gleichen Chronologien des Schreckens.

Die ohnehin katastrophale Lage eskaliert, als 1946 russische Neusiedler das nördliche Ostpreußen in Besitz nehmen. Die Konkurrenz um die knappen Ressourcen Wohnraum und Lebensmittel ist schlagartig noch größer, die Deutschen sind die Verlierer.

Ab Oktober 1947 erfolgte die Deportation der verbliebenen Deutschen, zuerst in die Sowjetische Besatzungszone. Christopher Spatz berichtet in weiteren Kapiteln des Buchs von den Schwierigkeiten des Neuanfangs, von Überlebenden, die erfahren mussten, dass „ihre ohnehin nur bruchstückhaft geäußerten Erinnerungen von ihrem Umfeld nicht eingeordnet werden konnten und deshalb überhört, relativiert und nicht ernst genommen wurden“.

Christopher Spatz’ Anliegen ist es, auch den Ereignissen nach der großen Flucht aus Ostpreußen einen Platz in der deutschen Erinnerung zu sichern. „Zivile Todesquoten von 50 Prozent und höher“, schreibt er, „gab es nach dem Krieg in keiner anderen Region Europas.“ Somit sei die Verwandlung Nordostpreußens zur sowjetischen Oblast Kaliningrad mit einer sechsstelligen Zahl an Ziviltoten erkauft worden – „lange nachdem die Waffen des Zweiten Weltkriegs zum Schweigen gebracht worden waren.“


 

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