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Geschichte : Das Grab im Wald bei Gresse

vom
Aus der Onlineredaktion

Aus Angst vor Vergeltung ging der SS-Mann Theophil Weingärtner im Mai 1945 mit seiner Familie bei Boizenburg in den Freitod

Zu Kriegsende 1945 kam es zu Tausenden von Suiziden. Der wohl spektakulärste Massensuizid in Deutschland mit mehr als 600 Toten ereignete sich in Demmin. Ursachen waren Angst vor den sowjetischen Soldaten und deren Rache sowie bei bekennenden Nationalsozialisten die Furcht vor der Bestrafung durch die alliierten Behörden. Oft nahmen Eltern ihre Kinder mit in den Tod. So auch im Frühjahr 1945 im Wald bei Gresse. Dort starben Theophil Weingärtner, seine Ehefrau Frieda und die drei Kinder.

Die fünfköpfige Familie war mit zwei Pferdefuhrwerken und einem Landauer aus der Ukraine gekommen. Weingärtners flohen vor der heranrückenden Roten Armee und gelangten nach Gresse. Hier wurden sie im Haus der Familie Wiech vorübergehend untergebracht.

Theophil Weingärtner, ein studierter Theologe, hatte bei dem ortansässigen Pastor Paul Stübe (1878-1966) und der Kirchenverwaltung in Schwerin nachgefragt, ob er Stübe bei seiner Tätigkeit unterstützen könnte. Der damals 13-jährige Sohn der Familie Wiech, Jakob, erinnert sich noch heute daran, dass die Weingärtners aus „gehobeneren Verhältnissen“ stammten. In der Tat war der am 29. Juli 1909 in Teplitz in Bessarabien geborene Theophil Weingärtner nie als Pastor tätig gewesen. Er wurde frühzeitig Mitglied der SS, etablierte sich als führender NSDAP-Aktivist, wurde zuerst Sturmscharführer und war in der Gruppe der „Höheren SS und Polizeiführer“ im „Sonderkommando R (Rußland)“ wohl im Range eines Obersturmbannführers als Bereichskommandant aktiv. Das „Sonderkommando R“ mit seinen 7000 Männern hatte die Aufgabe, Juden, Partisanen und Kommunisten in der Ukraine und auf der Krim im Rücken der kämpfenden Truppen aufzuspüren, zu verhaften und zu erschießen. Allein beim Massaker von Simferopol wurden mehr als 14 000 Juden ermordet. Auf das Blutkonto der Einsatzgruppe D, der Weingärtner als Bereichskommandant angehörte, kommen mehr als 70 000 Tote. In einer Ereignismeldung wurde berichtet, „dass besonders kleine Orte judenfrei gemacht wurden. Im Berichtszeitraum wurden 3176 Juden, 85 Partisanen, 122 kommunistische Funktionäre erschossen.“

Als das Ende des Krieges absehbar war, flüchtete Weingärtner mit seiner Familie und gelangte so nach Gresse bei Boizenburg. Nach dem Durchzug der Engländer am 2. Mai und Amerikaner am 3. Mai 1945 besetzten Soldaten der Roten Armee Gresse und bereits einen Tag später „ereignete sich … ein trauriger Fall“, wie Stübe in seiner Kirchenchronik schrieb. Die Familie Weingärtner hatte sich erschossen.

Bürgermeister Hermann Dau wurde beauftragt, ein Grab im Wald auszuheben und Pastor Stübe sorgte für eine „ordentliche Bestattung, ließ ein Eisengitter errichten und ein Holzkreuz mit der Inschrift „Gott ist größer als unser Herz“.

Im Jahre 1960 wurden die Leichen umgebettet. Belastet durch seine Taten am Schwarzen Meer und der Angst vor der juristischen Verfolgung durch die Besatzungsmacht und der gerechten Strafe sah Theophil Weingärtner nur die Möglichkeit des Freitodes – für sich und seine Familie.

 

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erstellt am 02.Jun.2017 | 12:00 Uhr

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