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Marina Nord Schwerin : Das Abenteuer kann beginnen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Um junge Leute aus der Bude zu locken, erwecken Vater und Tochter ein altes Kuttersegelboot zum Leben

svz.de von
erstellt am 07.Jul.2017 | 11:02 Uhr

Alter Schwede! Wie sieht der Kahn aus? Als hätte er Fußpilz. Ein Piks mit dem Finger und schon löst sich Holzstaub aus den kleinen Löchern. Rieselt auf Svenjas Füße, die das nicht merkt, weil sie sich gerade eine Staubmaske über die Nase stülpt.

Das Gewese um den altersschwachen Kutter zieht Schaulustige an. Vor allem altkluge Männer, die am kleinen Hafen Marina Nord des Schweriner Heidensees ihre Boote liegen haben. Und schon geht das „Geblubber" los. Sprüche werden gekloppt, wie: Ich hab doch gesagt, ich hol die Motorsäge und säg dir das Ding durch... Wird Zeit, dass die Kiste hier weg kommt.“ „Soll’n die doch reden“, denkt sich Svenja und raspelt die alte Antifoulingfarbe ab, die vom Bauch der „Pamir“ herunter blättert. „Wir werden das Ding schon schaukeln, was Papa?“, geht es ihr durch den Kopf, als ihr Blick auf einen Mann neben ihr fällt, der genauso entschlossen am Boot herumwerkelt wie sie. Muss er auch, schließlich ist die Idee, den Kutter wieder flott zu machen, auf seinem Mist gewachsen.

Pierre Kuhlmann stieß vor drei Jahren auf den Verein Marineclub e.V. Als er im Hafen mit Familie und Motorboot ankerte, wurde er auf dessen quirliges Treiben aufmerksam. Schließlich konnte er der Versuchung, auf einem Kutter zu fahren, nicht widerstehen. Inzwischen segelt er mit einer „reifen“ Männercrew auf der „Schnuppe“. Von deren Heimathafen aus ist es nur ein Katzensprung in den Schweriner See und den Ziegelaußensee. Zehn Regatten in der Saison gönnen sich die Herren. Neben ihrer Schnuppe gibt es im Marineclub e.V. noch fünf weitere Kuttersegelboote. Die Damen und Herren sind erfolgreich. Fünf Mal haben Kutterbesatzungen des Vereins in den vergangenen Jahren den Titel Deutscher Meister errungen. Ebenso erfolgreich ist die Mannschaft der „Weltenbummler“ – ein Kutter, der beim Schweriner Seglerverein von 1894 liegt. Seit Anfang des Jahres sticht nun noch eine Freizeitgruppe fröhlich in See, zu der überwiegend Frauen zwischen 30 und 70 Jahren gehören. Und sogar Schwerins Waldorfschule besitzt einen eigenen Kutter, auf dem sich Kinder den Wind um die Nase wehen lassen.

Äh – wir kommen vom Thema ab. Bald gibt es jedenfalls noch einen Kutter mehr beim Verein Marineclub. Für diejenigen, die nicht recht wissen, wie sie ihre Freizeit schaukeln sollen. So wie Svenja. Die Sechszehnjährige hat erst Handball gespielt, dann Hockey. Doch wegen einer Sache am Knie war Schluss mit dem Gerenne. „Kannst Du dir vorstellen, mit Freunden und anderen jungen Leuten auf einem Kutter zu segeln“, fragte Pierre Kuhlmann seine Tochter. Das konnte sie. Besser sich den Wind um die Nase wehen lassen, als im Sommer in der Bude zu hocken. „Kutter-Segeln verbindet“, geht Pierre Kuhlmann in die Tiefe. „Ein Motorboot oder eine Jolle kann man alleine segeln, aber beim Kutter muss man gemeinsam anpacken. Das schweißt zusammen. Hinzu kommt das Gefühl von Freiheit, das man schon bald nicht mehr missen möchte.“ Sinnvoll sei es auch, die alte Technik zu erhalten. Vor allem junge Leute könnten durch die Reparaturen eine Menge Handwerkszeug fürs Leben lernen. „Also kommt an Bord!“, sagt Svenja und schleift noch ein bisschen weiter. Bis die Arme müde werden. „Argh – ist das anstrengend.“ „Wir wollen aber auch allen anderen, die Lust aufs Kuttersegeln haben, dieses schöne Freizeitvergnügen schmackhaft machen“, schiebt Papa Pierre hinterher. „Wer also Bock drauf hat, kann sich gerne bei mir unter Telefon 01622125115 melden. Klar suchen wir auch Sponsoren, die uns bei diesem Projekt, das einige Kröten verschlucken wird, unter die Arme greifen.“

Wie geht es nach dem Schleifen weiter? Nachdem Svenja, ihr Vater und ein paar Freiwillige vom Verein die ersten Schichten heruntergekratzt haben, wandert der sieben Meter lange Holz-Kutter in die Werkhalle, wo sich ein Bootsbauer die nächsten zwei, drei Wochen darum kümmern wird. Die Pamir ist übrigens Baujahr 1969. Typ ZK-10. Zusammengezimmert wurde sie einst, wie die meisten anderen, als Marine-Ausbildungskutter für die ehemalige Gesellschaft für Sport und Technik (GST). Auffällig an der Pamir sind der schmale Bug und das schlanke Heck. Daher stammt bei diesem Bootstyp auch der Name „Cutter“, was Schneiden bedeutet. Kutter schneiden sich ihren Weg durchs Wasser.

Segelkutter aus Holz werden heute nur noch selten gebaut, der Pflege wegen. Ansonsten bleiben die Boote jedoch wie sie sind. Es tauchen nicht ständig neue Segel oder Rumpfformen wie bei anderen Bootsklassen auf. „Das macht gerade den Reiz aus“, ist sich Pierre Kuhlmann sicher. „Auf den Regatten gehen uralte Holzschiffe gemeinsam mit nagelneuen Kunststoffbooten an den Start.“

Spannend wird es jedes Jahr auf der Kieler Woche, wo seit mehr als 125 Jahren Marine-Kutter auf Wettfahrt gehen. Von überall kommen sie her, selbst aus Thüringen. Im Jahr 2003 ist auch die damalige Crew der Pamir, die Svenja und ihr Vater gerade flott machen, Deutscher Meister geworden. Solch einen Höhenflug wird die alte Lady wohl nicht noch einmal erleben. Muss sie auch nicht. Zum Glück gibt es viele kleinere Kuttersegel-Regatten. In Mecklenburg-Vorpommern sind es 15 bis 20 im Jahr. Und dann ist da ja noch die Grünkohlregatta, die die Schweriner im Herbst selber ausrichten.

Sollte Svenja bis dahin ein paar Seebären zusammen haben, ist sie vielleicht schon mit dabei. Sie legt das Werkzeug kurz aus der Hand, wischt sich den Schweiß von der Stirn und murmelt schmunzelnd was von „wäre schon cool.“
 

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