Musikfestspiele 1909 : Damenhüte? Nicht erwünscht!

Der Marstall auf einer historischen Postkarte: In der großen Halle des Gebäudes fanden die Konzerte statt.
Der Marstall auf einer historischen Postkarte: In der großen Halle des Gebäudes fanden die Konzerte statt.

Die 13. Mecklenburgischen Musikfestspiele 1909 in Schwerin waren ein Ereignis von hohem gesellschaftlichen Rang

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16. Juni 2017, 13:34 Uhr

Die Kleinen haben es schwer, sich im Wettbewerb mit den Metropolen der Welt zu behaupten. Schwerin hat sich wacker gehalten, sowohl in der bildenden, insbesondere aber in der darstellenden Kunst. Bedeutende Persönlichkeiten der Musikgeschichte haben ihre Spuren hinterlassen. Wagner und Brahms waren hier, die schwedische Nachtigall, Jenny Lind, trat auf, Felix Mendelsohn Bartholdy kam, um das zweite Norddeutsche Musikfest 1840 in der Stadt zu leiten. Aus der Tradition der Norddeutschen Musikfeste gingen die Mecklenburgischen Musikfeste hervor. Von 1860 bis 1922 kam es zu 15 Veranstaltungen in Rostock, Güstrow und Schwerin.

Das letzte vor dem ersten Weltkrieg, 1909 in Schwerin, stand unter der Leitung von Willibald Kaehler, einem geborenen Berliner. Kaehler, seit 1906 Hofkapellmeister in Schwerin, hatte bereits glänzende Erfolge, unter anderem als Dirigent der Prager Festspiele, gefeiert. Als Konzertsaal diente die für ihre vortreffliche Akustik bekannte große Halle des Marstalls. Chöre mit mehr als 500 Sängern traten auf, die Hofkapelle war auf über 90 Musiker verstärkt worden. Die Bevölkerung zeigte großes Interesse. Binnen kurzer Zeit waren alle drei Abende ausverkauft. Um noch mehr Musikliebhabern Zutritt zu verschaffen, wurden an der Seitenwand des Parketts zusätzliche Plätze errichtet. Auch die drei Hauptproben waren dem Publikum zugänglich.

Die große Anzahl der Mitwirkenden verursachte Probleme bei der Unterbringung. Ein eigens gegründetes Einquartierungskomitee warb in der Bevölkerung um Freiquartiere. Potentielle Quartiergeber konnten sich aus einer Liste einen ihnen genehmen Gast auswählen.

Gleich der erste Festtag, an dem auch die großherzogliche Familie anwesend war, war ein Erfolg. Die Beethovenschen Chor- und Orchesterwerke „Missa solemnis“ und die „Neunte Symphonie“ begeisterten. Der zweite Tag stand im Zeichen Brahmscher Musik. Am dritten erklang die Chorkantate „Paria“ für Soli, Chor und Orchester. Der Komponist, Professor Arnold Mendelssohn, war anwesend, und wurde stürmisch gefeiert. Er selbst zeigte sich begeistert von der Leistung des Chores und der Solisten. Mit Henri Marteau hatte man einen Geigen-Virtuosen von Weltruf gewinnen können. Marteau, 1874 in Reims geboren, war Professor für Violine an der Hochschule für Musik in Berlin, zuvor hatte er auf Tourneen die ganze Welt bereist. Fünf Jahre später, während des ersten Weltkrieges, wurde Marteau wegen seiner französischen Staatsbürgerschaft interniert und verlor seine Berliner Professur.

Eine andere Künstlerin stand noch am Beginn ihrer Weltkarriere: Frieda Hempel, in Berlin als des „Kaisers Lerche“ zu frühem Ruhm gelangt, war seit zwei Jahren in
Schwerin engagiert. Gastauftritte hielten sie häufig von Schwerin entfernt. Schon bald holte der Kaiser seine „Lerche“ in die Reichshauptstadt zurück. 1912 wurde sie an die Metropolitan nach New York berufen, wo sie mit Enrico Caruso und anderen Weltstars auftrat.

Einen glänzenden Abschluss fand das Musikfest durch einen Festball im Hoftheater. Der Bühnenraum war in Szenenbilder aus Figaros Hochzeit verwandelt. Eine Gartenlandschaft mit Springbrunnen, Grotten, Teehäusern und Laubhütten lud zum Umherwandeln ein. Eine große, mit Blattpflanzen geschmückte Freitreppe führte über die Mittelloge des ersten Ranges in den Konzertsaal. Getanzt wurde bis 3 Uhr in der Früh.

Auch gesellschaftlich hatte die Veranstaltung einen hohen Stellenwert. Natürlich nutzten hauptsächlich Damen die Gelegenheit, um Wohlstand und sozialen Status zu präsentieren. Die Frisuren waren zu förmlichen Haartürmen hochgesteckt, während die enorm großen Hüte durch lange Haarnadeln gehalten wurden. Verziert waren sie reich mit Blüten, Bändern und exotischen Federn. Da nimmt es kein Wunder, dass so mancher Musikliebhaber um freien Blick auf die Bühne bangte. So beeilte sich denn auch das Festkomitee bekannt zu geben, dass ausreichend Garderoben vorhanden seien, insbesondere für Damenhüte. „So darf man wohl erwarten, dass überall im Zuschauerraum eine durch Kopfschmuck nicht getrübte freie Aussicht nach dem Musikpodium vorhanden sein wird“, hieß es. Trotzdem schienen die Herren des Festkomitees dem Frieden nicht zu trauen und schalteten am 22. Mai sicherheitshalber noch eine Anzeige in der Zeitung. „Die Damen werden gebeten, zu den Garderoben und Konzerten ohne Hut zu erscheinen.“ Ein frommer Wunsch, zu einer Zeit, als kaum eine Dame von Stand ohne Hut aus dem Hause ging.

Über ein Jahrzehnt sollte es dauern, bis sich die Musikliebhaber wieder zusammenfanden. Dazwischen lag ein schrecklicher Krieg, und viele, denen Musik Lebensinhalt geworden war, fanden in ihr jetzt Trost für Verlust und Leid.

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