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Freilichtmuseum Mueß : Büdner, Schmied und Tagelöhner meistern den Alltag von 1916

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Interessengemeinschaft „Des Kaisers alte Kleider“ dreht im Freilichtmuseum Mueß die Zeit 100 Jahre zurück

Es ist Sonnabend, ein Nachmittag Ende Juli. Es regnet mal wieder. Der ganze Juni war schon viel zu nass und kalt. Auf den Feldern beginnen die Kartoffeln zu faulen. Soldaten sind auf Fronturlaub. Sie sitzen in der Schänke, diskutieren über die Auswirkungen der Seeblockade und den Kriegsverlauf. Die Kriegsbegeisterung hat nachgelassen. Die Nahrungsmittelversorgung verschlechtert sich. Auf den Höfen in Mueß sind die  Auswirkungen des Ersten Weltkrieges jedoch kaum spürbar. Zwar arbeiten Kriegsgefangene auf den Höfen und man trinkt „Muckefuck“, einen Ersatzkaffee aus Getreide. Aber Feld, Garten und Stall ernähren die Landbewohner.

Das am Stadtrand von Schwerin gelegene Freilichtmuseum Mueß ist der originale Kern des alten Domanialdorfes Mueß, einem Dorf, in dem früher Bauern und Fischer lebten. Anfang der 1970er-Jahre wurde dieser Teil des Dorfes ein musealer Ort. Er umfasst 18 Gebäude und veranschaulicht die Lebensweise der Landbevölkerung vom 17. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts. Auf dem idyllischen Gelände am Schweriner See stehen typische niederdeutsche Häuser, Schmiede, Backofen und Schule samt Schulgarten, ergänzt durch ein Café́und einen ansprechenden Kinderspielplatz. Die volkskundliche Sammlung umfasst mehr als 30 000 Objekte. Zeugnisse, die vom Landleben in vergangenen Jahrhunderten berichten.

Aber Museum geht auch anders. Die kühne Idee: den Gebäuden Leben einhauchen. Die Zeit einfach 100 Jahre zurückdrehen. Wie würde sich das anfühlen? Wie lebte man im Dorf Mueß? Wie wirkte sich die politische Weltlage auf die Einwohner aus?

Der Mueßerin Karola Beckmann, die in der Nähe des Freilichtmuseums wohnt, kamen diese Gedanken. Sie ließen sie nicht mehr los. Wenn man diesen Zeitabschnitt gründlich recherchiert und möglichst authentisch darstellt, könnte es das Leben der Vorfahren für viele Mecklenburger fassbarer und nachvollziehbar machen.

Das Ehepaar Beckmann engagiert sich seit etwa fünf Jahren in der Interessengemeinschaft „Des Kaisers alte Kleider“. Die Gruppe hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Leben, die Mühen und Sorgen unserer Vorfahren im frühen 20. Jahrhundert nachzuempfinden und erlebbar zu machen. Die Idee des Living History – gelebte Geschichte – kommt aus den USA und wird dort schon länger praktiziert. Auch in skandinavischen Ländern gehört gelebte Geschichte zur Museumsarbeit. Hierzulande werden eher Menschen in historisierender Bekleidung auf Mittelaltermärkten und nachempfundenen Kampfspektakeln mit Living History assoziiert. Die Interessengemeinschaft möchte hingegen fiktionale, historische Stoffe unter wissenschaftlichen Voraussetzungen aufarbeiten und zeigen. Die Museumschefin Gesine Kröhnert war anfangs ein wenig skeptisch. Die musealisierten Gebäude wieder beleben, ohne dass ein falsches Geschichtsbild projiziert wird? Und was ist mit den Sammlungsgegenständen wie Geschirr, Töpfe und Pfannen, die benutzt werden sollen? Familie Beckmann ließ nicht locker. „Sie haben mich überzeugt, die Gebäude mit viel Sachverstand und Sensibilität zu beleben. Mit großem Eifer haben wir dann auch gemeinsam authentische Alltagsgegenstände aus der Zeit um 1900 zusammengetragen, die nicht der Museumssammlung entstammen, so dass sie ohne Bedenken in Gebrauch genommen werden können“, sagt Gesine Kröhnert rückblickend. Es ist eine Chance, mit Menschen über die Geschichte der Region ins Gespräch zu kommen. Das Museum im wahrsten Sinne des Wortes zu beleben.

Nach der erfolgreichen Premiere des „Lebendigen Museums“ 2015 wird das Projekt „Gelebte Geschichte – Landleben 1916“ am 30. und 31. Juli fortgesetzt. Für die Gruppe „Des Kaisers alte Kleider“ ist Mueß ein ganz besonderer Ort. Sie richteten die Wohnungen im Gemeindehaus wieder denkmalgerecht her. Dieses Gebäude war zuvor nur eingeschränkt zugänglich. Es entstand eine Schänke.

Wie schon im Vorjahr werden 21 Mitglieder der Gruppe und Freunde im Alter von fünf bis 66 Jahren in Mueß dabei sein. Es wird gekocht, gegessen, gearbeitet. Büdner, Schmied, Fischer, Gastwirt und Tagelöhner meistern den Alltag eines Julitages 1916.

Frontsoldaten kommen auf Urlaub, Kriegsgefangene arbeiten im Garten. So oder so ähnlich könnte es in Mueß vor 100 Jahren zugegangen sein. Als besondere Aktion wird in diesem Jahr die Benagelung eines Kriegswahrzeichens durchgeführt.

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erstellt am 29.Jul.2016 | 00:00 Uhr

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