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Bützow : Bücherschatz auf Pferdewagen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wie Oluf Gerhard Tychsen als Professor in Bützow wirkte – und wie er die Bände für die erste bürgerliche Freihandbibliothek in die Stadt holte

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erstellt am 05.Nov.2016 | 00:00 Uhr

Wir sind in Bützow, der kleinen, reizenden Stadt an der Warnow, die sich einst Universitätsstadt nannte. Wir schauen auf das Schloss, das 29 Jahre lang der Lehranstalt Unterkunft bot. Als es zwischen dem Rostocker Senat und dem Landesherrn Friedrich dem Frommen zu einem Streit kam, gründete der Herzog in Bützow die Friedrichs-Universität, die Academica Fridericiana.

Im Bützower Schloss fehlte es an allem, an Professoren, Studenten, einem Auditorium, an Laboratorien, Büchern, ja, selbst ein Karzer war nicht vorhanden. Nur die älteren Rostocker Professoren waren bereit, eine Doppelrolle zu übernehmen. So warb Minister Johann Peter Schmidt im Auftrage Friedrichs über die Landesgrenzen hinaus und einer kam: Im „Krummen Haus“ gegenüber vom Schloss bezog der junge Oluf Gerhard Tychsen, 1734 in Tondern geboren, 1760 eine Wohnung. Er kam aus Halle an der Saale. Dort hatte er erfolgreich Theologie und Hebraistik studiert und anschließend in den Franckeschen Stiftungen gelehrt. Ein Zulauf vieler jüdischer und arabischer Studierender war ihm deshalb sicher, weil er sich sehr für ihre Rechte einsetzte. In der Warnowstadt angekommen, erwarb Oluf Gerhard Tychsen, sechsundzwanzigjährig, den Doktorhut und die Professur für Hebraistik. Er heiratete eine Bützowerin, zwölf Jahre älter zwar, jedoch von Adel und nicht unvermögend, auch sie zog ins „Krumme Haus“ ein. Keinen Tag ließ er verstrei-chen, sich nach Studenten umzusehen. Er fand sie unter Zugewanderten, wenn auch nicht zahlreich, jedoch, sie waren dankbare Hörer und seines Wohlwollens sicher. Der Landesherr Herzog Friedrich, frommer Pietist, war entzückt und so beeindruckt von seinem jungen Professor, dass er sich im Alter von 52 Jahren von Tychsen in Hebräisch unterweisen ließ, um Bibeltexte im Original lesen zu können.

An Büchern mangelte es immer noch, bis Tychsen einen Wink erhielt, wo er fündig würde, um mit Büchern und wissenschaftlichem Wirken im Warnow-Athen zu glänzen. Mit zwei Studenten und einem Bützower Kutscher fährt Oluf Gerhard Tychsen nach Schwerin und findet auf Dachböden der Staatskanzlei Sammlungen von vier Herzögen, achtlos zusammengebunden, ungeordnet und verstaubt. Die vier verlieren keine Zeit: Sie beladen den Pferdewagen und wiederholen die Tour etliche Male von Bützow nach Schwerin und zurück, bis auch die letzte Schrift Bützow erreicht. Aber wohin mit einem Bücherschatz von so vielen Bänden?

Neben dem „Krummen Haus“ steht ungenutzt ein noch älterer Pferdestall. Wie wäre es damit, ihn für eine Bibliothek zu nutzen? Bützower Tischler fertigen Regale. Lehrende und Lernende beginnen mit der Systematisierung und katalogisieren die Bände. Sie sind der Grundstock für die erste bürgerliche Freihand-Universitätsbibliothek in Mecklenburg. Und es bleibt nicht dabei: Tychsen forciert die wissenschaftliche Arbeit, bezieht seine inzwischen acht Studenten mit ein. Er selbst korrespondiert mit den ältesten Universitäten Europas, mit Oxford, Cambridge, Bologna, Padua. Tychsens hebräische Schriften werden in Kasan gelesen, Madrid gehört, Padua verlegt. In Bützow beginnt Tychsen, die „Bützower Nebenstunden“ zusammen zustellen. Und er arbeitet als streitbarer Wissenschaftler unermüdlich daran, sein Fach, die Hebraistik, umfassend zu lehren und wissenschaftliche Neuerscheinungen für die Bibliothek zu gewinnen. Münzen aus den arabischen Ländern trägt Tychsen zusammen. Wunderschön anzusehen, wertvoll bis zum heutigen Tag und ein besonderer Schatz der Rostocker Universität.

1789 ist der Pferdestall am „Krummen Haus“ in Bützow mit Büchern übervoll – und die Academica Fridericiana im Tal der Warnow am Ende. Zu geringe Studenteneinschreibungen, überalterte Professoren. Nach Verhandlungen zwischen Senat der Hansestadt und Herzog sind die ehemals verstrittenen Parteien wieder bereit, mit dem Bützower Torso nach Rostock zu ziehen. Professor Döderlein wird Rektor, Tychsen Vize und Bibliotheksdirektor und der gesamte Bützower Buchbestand zieht ins Weiße Kolleg. Auch die Sammlung muslemischer Münzen, die ständig erweitert wird.

In Rostock vertieft Tychsen seine Studien zur Geschichte der Juden, sammelt Berichte über Gebräuche, erwirbt Kompositionen zu Hochzeitsmusiken und vielen anderen Festen. Die Ergebnisse sind der Grundstock, dass der reformfreudige Herzog Friedrich Franz I., Nachfolger von Friedrich dem Frommen, 1813 die „Judenconstitution“ verabschiedet. Sie sichert die Rechtsgrundlage für die Anerkennung der jüdischen Bevölkerung in Mecklenburg nach dem Grundgedanken, dass niemand fremd bleiben sollte in dem Land, das er zur Heimat wählt. Ein Credo, das Tychsen bereits in Halle, dann in Bützow und nun in Rostock in vielen Gutachten begründete. Diese brachten ihm nicht nur Freunde: Erbittert bekämpften seine Gegner die Schriften, so dass 1817 die Judenkonstitution zurückgenommen werden musste. In den vier Jahren zuvor war jedoch vielen Juden die Assimilation gelungen.

In Rostock bewohnte Tychsen mit seiner Familie und Studenten von 1789 bis zu seinem Tode 1815 das heutige Fünfgiebelhaus am Hopfenmarkt.

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