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Alexander III. in Mecklenburg : Besuch des Zaren legt Verkehr lahm

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Aufenthalt von Alexander III. in Mecklenburg im Oktober 1889 stellte Polizeikräfte vor eine große Herausforderung

svz.de von
erstellt am 10.Sep.2016 | 00:00 Uhr

Die Großherzöge von Mecklenburg-Schwerin verdankten es vor allem den guten Beziehungen zu den mächtigen russischen Zaren, dass sie Stürme der Neuzeit unbeschadet überstanden. Immer wieder hatten Angehörige der Familie jüngere Söhne und Töchter der Romanows geheiratet und weilten oft zu Verwandtenbesuchen in Russland. Gegenbesuche des Zaren in Mecklenburg waren hingegen äußerst selten. Nachdem 1716 Zar Peter der Große in Schwerin und Rostock gewesen war, sollte es mehr als 180 Jahre dauern, ehe wieder ein Herrscher aller Reußen mecklenburgischen Boden betrat.

Zwischen dem 11. und dem 13. Oktober 1889 hielt sich Zar Alexander III. zu einem großen Staatsbesuch bei dem gerade erst auf den Thron gelangten deutschen Kaiser Wilhelm II. in Berlin auf. Für den Zaren war dies ein schwieriger Termin. Die Beziehungen beider Länder waren angespannt und die sprunghafte Persönlichkeit des jungen Kaisers ging ihm sehr auf die Nerven. Alexander III. fuhr ihn schließlich an: „Hör auf wie ein Derwisch herumzuwirbeln, Willy, schau Dich doch mal im Spiegel an!“

Nach diesen anstrengenden Tagen benötigte der Zar dringend ein bisschen Ruhe. Am Abend des 13. Oktober traf er zum Besuch bei seinen mecklenburgischen Verwandten in Ludwigslust ein. Seine Cousine Anastasia war mit dem Großherzog Friedrich Franz III. und sein Bruder Wladimir mit dessen Schwester Marie verheiratet. Sie alle waren nach Ludwigslust gekommen, um ihn hier zu begrüßen. Einige Tage vorher war auch seine eigene Schwester, die Herzogin von Edinburgh, mit ihrem Ehemann und ihrem Sohn nach Ludwigslust gekommen. Der Zar konnte sich hier also ganz zu Hause fühlen.

An einer Begegnung mit der mecklenburgischen Bevölkerung hingegen war er in keiner Weise interessiert. Seit sein Vater 1881 von einem Attentäter ermordet worden war, lebte er in panischer Angst vor politischen Anschlägen. Während bei Staatsbesuchen in Mecklenburg die Fürsten sonst in einer offenen Kutsche durch die von jubelnden Menschenmengen gesäumten Straßen fuhren, kam so etwas in diesem Fall gar nicht in Frage. Nahezu die gesamte Gendarmerie des Landes war in Ludwigslust zusammengezogen worden und sperrte – unterstützt durch das Militär – seit den Mittagsstunden des 13. Oktober Schloss und Schlossgarten weiträumig ab. Schon mehrere Stunden vor der Ankunft des Zaren wurde das Betreten der Straßen, die der Zar befahren sollte, verboten und auch alle fahrplanmäßigen Züge angehalten. Das öffentliche Leben in Ludwigslust wie auch der Bahnverkehr kam komplett zum Erliegen. Zahlreiche Einwohner der Stadt durften über Stunden ihre Häuser nicht verlassen. Um 20.35 Uhr traf der kaiserliche Sonderzug schließlich am Bahnhof ein, wo ihn die großherzogliche Familie und eine Ehrenschwadron des Ludwigsluster Dragonerregiments erwarteten. Zu Ehren des hohen Gastes hatte der Großherzog eine russische Generalsuniform angelegt. Durch die leeren Straßen ging es dann zum Schloss, wo ein gemeinsames Abendessen eingenommen wurde. Am nächsten Tag wollte Alexander eigentlich in Jasnitz jagen, verzichtete aber wegen des schlechten Wetters darauf und ging stattdessen mit seinem Bruder Wladimir im Schlossgarten spazieren. Am Abend gab es dann ein festliches Diner für 58 Personen, zu dem freilich nur die absolute Elite des mecklenburgischen Adels geladen war. Der Zar saß neben seiner Schwester. Die Tafelmusik bestand im Wesentlichen aus russischen Stücken. Obwohl Friedrich Franz III. keine Mühe gescheut hatte, den Zaren so herzlich wie möglich willkommen zu heißen, scheint es nicht, als ob dieser seinen Gastgeber besonderer Aufmerksamkeit gewürdigt hätte. In erster Linie verbrachte Alexander seine Zeit in Ludwigslust wohl damit, sich mit seinem Bruder und seiner Schwester zu unterhalten. Am 15. Oktober schließlich fuhr der Zar vom Schloss in einer geschlossenen Kutsche, begleitet von vier berittenen Gendarmen, zum Bahnhof. Wie bei seiner Ankunft waren auch bei seiner Abreise schon Stunden vorher alle Straßen geräumt worden.

Um 18.15 Uhr verließ der Sonderzug Ludwigslust. Seine weitere Fahrt durch Mecklenburg Richtung Stettin verlief unter Sicherheitsvorkehrungen, die heute allenfalls beim Besuch des amerikanischen Präsidenten üblich sind.

In Malchin, wo die Lokomotive Wasser aufnehmen musste, sperrte eine ganze Artillerieabteilung den Bahnhof ab. Besonders aufwändig war die Durchfahrt durch Schwerin. Die gesamte durch die Stadt führende Bahnlinie wurde von Militär besetzt, jedes Überqueren der Gleise strikt verboten. Ministerialrat Langfeld notierte: „Als der kaiserliche Hofzug, ohne zu halten, Schwerin passierte, waren u.a. alle zur Bahn führenden Straßen und die Brückenübergänge abgesperrt. Still fuhr der Zug mit abgeblendeten Lichtern durch den Bahnhof. Ein peinlicher Anblick.“

Die Monarchie des 19. Jahrhunderts lebte von ihrer Sichtbarkeit. Ein ängstlicher Fürst, der sich hinter seinen Wachen versteckte und in einer Festung verbarrikadierte, unterminierte das Fundament der monarchischen Herrschaft.


 

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