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Stadtgeschichte Schwerin : Bei Kücken am Pfaffenteich

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Komponist des Liedes „Ach, wie ist‘s möglich dann?“ erarbeitete sich mit viel Fleiß eine glanzvolle Karriere

svz.de von
erstellt am 21.Jan.2017 | 00:00 Uhr

In Schwerin ein Date? Kein Problem: Ecke Friedrichstraße. Pfaffenteich. An der Kücken-Stiftung.

Die Villa mit der goldenen Inschrift und dem markanten Kopf auf einem Sockel ist zu keiner Jahres-, Tages- oder Nachtzeit zu verfehlen. Diese Adresse kennt der Schweriner und fast jeder eingereiste Stadtspaziergänger. Der Hausherr wäre über so zahlreiche Gäste unter den Sonnenschirmen in seinem kleinen Vorgarten hoch erfreut gewesen. Er liebte buntes Treiben, den Wirbel lebhafter Unterhaltungen, Geselligkeiten jeder Art – er genoss das Leben. Fiel nach dieser Maxime das Gebäude des Kücken-Wohnhauses so imposant aus?

Folgen wir einigen Stationen in der Chronologie des Lebenslaufs, überrascht uns die Großzügigkeit, die der letzte Wohnsitz des Friedrich Wilhelm Kücken bis heute ausstrahlt, keineswegs. Auch das vor dem von Säulen getragenen Haupteingang von Ludwig Brunow (1843-1913) geschaffene Standbild, im Sommer 1885 drei Jahre nach dem Tod des Geehrten eingeweiht, wundert uns nicht. Unsere Urgroßeltern lasen bereits darüber in der „Mecklenburgischen Zeitung“: „Fahnen wehten im Wind, der Pfaffenteich lag blitzend im Sonnenschein und die Liedertafel intonierte… nach Beendigung der Festrede die gemütvollen Liederweisen des Verstorbenen… sonderlich das beliebte ,Ach, wie ist’s möglich dann‘…“

Ja, wie war es möglich: Ganz überraschend war Friedrich Wilhelm Kücken gestorben, wo er es sich doch gerade Ecke Friedrichstraße, Pfaffenteich in Schwerin so recht von Herzen gut ergehen lassen wollte. Nach jahrelangem Fleiß und opfervollem Streben – besonders deshalb, weil die Arbeit für den jungen Kücken, der am 16. Dezember 1810 geboren wurde, schon in jungen Jahren begann. Ihm blieb keine andere Wahl, als zu beweisen, dass er ein ganz anderes Metier zu beherrschen gewillt war, als sein Vater, der in Bleckede an der Elbe Scharfrichter war. Dessen Nachfolge zu entgehen, fuhr Friedrich Wilhelm mit Schwester und Schwager Friedrich Lührss nach Schwerin, als letzterer dort seinen Dienst als Organist in der Schlosskirche und Musikdirektor der Hofkapelle antrat. Lührss hatte bei dem vierjährigen Friedrich Wilhelm eine außergewöhnliche Musikalität entdeckt, die er mit Ernst und Nachdruck instrumental und kompositorisch auszubilden begann. Der Erfolg stellte sich früh ein: Kücken wurde erster Flötist in der Hofkapelle des Großherzogs Paul Friedrich und wenig später 1. Violinist. Sogleich darauf, als 19-Jähriger, erhielt er Order, den Prinzen Klavierunterricht zu erteilen. Erfolgreich und interessant für Lehrer und Schüler. Nebenher komponierte er eine Reihe Lieder, die mit Beifall aufgenommen wurden. Die Prinzen sangen sie und spielten die Klavierbegleitung. „Ach, wie ist‘s möglich dann...“

Bereits zwei Jahre später bittet der junge Musiker, ihm einen Studienaufenthalt in Berlin zu gewähren. Zehn Jahre intensives Studium bei berühmten Lehrern folgen. Die Oper „Flucht in die Schweiz“ entsteht, wird am Königlichen Hoftheater einstudiert und 14 Mal mit großem Erfolg aufgeführt. Obwohl Kücken inzwischen ein berühmter Musiker ist, komponiert und unterrichtet er weiter. Zu seinen illustren Schülern zählt der in Berlin lebende Prinz George of Cumberland.

Aber Kücken weiß auch, das Lernen findet kein Ende. Er geht nach Wien zu einem weiteren Lehrer, um sich noch gründlicher in moderner Kompositionslehre unterweisen zu lassen. Ein Jahr, dann hält es ihn nicht länger in der Donaustadt. Er zieht mit Zwischenhalt in der Schweiz nach Paris, wohlgelitten und mit offenen Armen von dem berühmten Jacques Halevy empfangen. Er lernt Giacomo Meyerbeer kennen und bewundert ihn. Kückens neuste Oper „Der Prätendent“ kommt mit nachhaltigem Erfolg auf die Bühne. Danach ist er als Dirigent sehr gefragt. Sonaten, Lieder entstehen, im nunmehr gereiften Stil der Spätromantik. Kücken ist nun wohlhabend.

41-jährig heiratet er und folgt einer Einladung nach Stuttgart. Hofkapellmeister wird er und sesshaft könnte er werden. Mit seinem Kollegen Lindpaintner führt er das Theater von Erfolg zu Erfolg. Die Einnahmen steigen. Die Freundschaft zu Meyerbeer gestattet ihm die Uraufführung von dessen Oper „Der Nordstern“.

Aber genug ist genug, sagt Kücken und hängt seinen Taktstock an den Nagel. Was nun, wird seine Familie ihn gefragt haben und er könnte freudig ausgerufen haben: „Nach Schwerin!“ Mit den ehrenvollen Titeln Hofkapellmeister und Hofkompositeur lässt er sich am Pfaffenteich als Rentier nieder. Ein Lied verfolgt ihn und bringt ihm nichts als Ärger ein: „Ach, wie ist‘s möglich dann?“ Artikel musste er verfassen, um zu beweisen, dass nur ihm die Melodie einfiel und keinem anderen. Missgönnte man ihm, Friedrich Wilhelm Kücken, als Sohn eines Scharfrichters geboren, seinen glanzvollen Aufstieg? Bei genauem Hinsehen stehen hinter seinem Ruhm und Reichtum unermüdlicher Fleiß und ein klein wenig Glück. Also dann, wo treffen wir uns? Am Pfaffenteich vor der Kücken-Stiftung.

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