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Schule in Ludwigslust : Barfuß zum Unterricht

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Ludwigsluster Hans Kenzler erinnert sich an die Schulzeit vor 70 Jahren

svz.de von
erstellt am 02.Sep.2016 | 10:20 Uhr

Nachdem 1945 nach Beendigung des Krieges keine Einschulungen stattfanden, wurde im September 1946 der Unterricht in Ludwigslust wieder aufgenommen. Am ersten Schultag hatten die Kleinen keine Schultüten. Sie kamen mit abgetragener Kleidung, auch in späteren Jahren zum Teil barfuß und mit hungrigen Mägen zur Schule. Auch den Lehrern dürfte es in mancher Hinsicht nicht besser gegangen sein. Irgendwie saßen wir damals alle in demselben Boot.

Unterrichtet wurden wir auch von Neulehrern. Da viele Lehrer gefallen waren oder sich in Gefangenschaft befanden, wurden jetzt Lehrer ohne Ausbildung eingesetzt. Oftmals blieben die Klassenräume im Winter ungeheizt, denn die Kohlen waren knapp. War es zu kalt, waren Kälteferien angesagt. Dann kam man vom Regen in die Traufe, denn auch zu Hause blieb die Wohnung oftmals kalt. In der Schule gab es keine Fibeln oder andere Schulbücher. Geschrieben wurde in den ersten Jahren mit Griffel auf einer Tafel, wer eben eine hatte, oder auf Zeitungsrändern.

Einige Schüler hatten sich, wie auch mein Bruder und ich, zum Schreiben Schieferstücke der Dachbedeckung von durch den Bombenangriff zerstörten Häusern mitgebracht. Später bekam ich in den Sommerferien von einer alten Frau, die auf dem Lande wohnte, eine Tafel geschenkt. Die Freude war groß. Nach den Ferien kam die Enttäuschung: Ab sofort wurde im neuen Schuljahr in Schreibhefte geschrieben.

Da unsere Schule einen Fußball besaß, spielten wir auf unserem Schulhof die ersten Jahre nach Kriegsende Völkerball. Aber dann wurde uns das des Namens wegen verboten. Die Toiletten befanden sich am Ende des Schulhofes und waren im Winter eiskalt.

Waschen konnten wir uns nur im Sommer. Zur Schulhofseite hatte man draußen wie Schweinetröge aussehende Behälter zum Waschen montiert. Im Sommer gingen die Schüler oft barfuß zur Schule, denn Schuhe waren knapp und es fehlte auch das Geld zum Kauf. Gegen Ende der vierziger Jahre wurde die Schulspeisung eingeführt. Es gab ein trockenes Brötchen.

Viele kamen auch noch zu dieser Zeit ohne Pausenbrote zur Schule. Zum Spielen gab es nach dem Krieg fast nichts zu kaufen. Unsere Oma hatte Lumpen umstrickt, aus denen dann ein Ball entstand, der aber nicht lange hielt.

Schon ihre beiden Söhne hatte sie während des ersten Weltkrieges und danach so mit Bällen versorgt. Die nach dem ersten Weltkrieg aufkommende Inflation verschlechterte die Lage der Familien damals noch weiter. So erging es in dieser Zeit damals vielen Kindern, die sich vornahmen, ihren Kindern später ein besseres Leben zu ermöglichen. Dann gab es erneut Krieg, den viele Familienmitglieder nicht überlebten und den Kindern von damals blieb ihr Traum verwehrt.

Wir Jungen spitzten uns nach dem zweiten Weltkrieg beidseitig ein Holzstück an, spielten damit Kippel Kappel und besaßen eine selbstgebaute Zwille oder eine Ballerbüchse (ausgehöhltes Holunderholz und Ladestock). Bücher gab es nicht zu kaufen, aber das Geld reichte ohnehin nicht dafür aus. Wer ein Buch aus der Vorkriegszeit besaß, war reich und hatte somit ein Tauschbuch. Aus alten verrosteten Fahrradteilen versuchten wir über viele Jahre hinweg, ein Rad zusammenzubauen, das wegen fehlender Teile nie fertig wurde.

Damals in der Schulzeit wussten wir nicht, ob am nächsten Tag die Banknachbarn oder Schulfreunde zum Unterricht erscheinen würden, denn viele Familien verließen in diesen Jahren die Ostzone, später die DDR. Es war ein ständiges Gehen. Aus Sicht der Kinder war dies das größte Übel. Noch heute betrachte ich oftmals die Schulbilder von damals. Ich sehe dann die plötzlich verschwundenen Klassenkameraden und Spielnachbarn vor mir, erinnere mich noch an deren Namen und denke an die geplanten, aber nicht mehr zu Ende gebrachten Spiele.

Heute gibt es genug Spielzeug zu kaufen. Die Schüler lernen in neuen Schulen und brauchen nicht barfuß und hungrig zur Schule zu gehen. Sie fahren mit Fahrrädern oder werden von den Eltern mit dem Auto gebracht. Was aber noch viel wichtiger ist, sie behalten ihre Schulkameraden und Freunde die ganze Schulzeit über und vielleicht auch noch danach.

So bleibt zu hoffen, dass ihren Kindern, die sie einst haben werden, die Bedingungen erspart bleiben, unter denen ihre Großeltern und Urgroßeltern aufgewachsen sind.

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