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Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : Barfuß über das Stoppelfeld gerannt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Während ihrer Flucht aus Ostpreußen erlebte Irmgard Grandt ein schweres Zugunglück mit / Familie erreichte nach mehreren Stationen Damm bei Parchim

Irmgard Grandt, geborene Morgenstern, stammt aus Ragnit in Ostpreußen. Dort wurde sie am 18. Januar 1933 geboren. Um dem Krieg zu entrinnen, floh sie mit Mutter, Oma und Geschwistern in Richtung Westen. Die alte Heimat hat sie schon viele Jahre wieder besucht und im heutigen Neman – dem damaligen Ragnit –eine gute Freundin gefunden.

Im August 1944 mussten wir unser vertrautes Zuhause verlassen. Wir Kinder ahnten damals nicht, wie es im Innern unserer Mütter, Omas, Opas und manchmal auch unserer Väter aussah. Von wie viel Sorgen und Bangen mussten sie umgeben sein? Ja, heute verstehen auch wir, warum sie so geweint haben.

Wir hatten die Möglichkeit, am 4. August 1944 mit dem Zug dem Krieg zu entrinnen, dachten wir. Oft musste der Zug in Waldgebieten halten, um von den feindlichen Flugzeugen, die auf Angriffsflügen waren, nicht gesehen zu werden. Unsere erste Endstation war Neidenburg. Von dort hatte man uns auf einem Gutshof einquartiert.

Ich erinnere mich noch ganz genau an den Tag unserer Ankunft. Das Insthaus lag unmittelbar an der Straße. Dort hatten mal vier Familien gewohnt. Nun bekamen wir eine Wohnung und neben uns gefangene Russen, die von einem deutschen Soldaten bewacht wurden. Die anderen Wohnungen waren leer. Erst haben wir uns unsere Bleibe angeschaut. Der Fußboden rote Ziegelsteine, im Zimmer auf dem Fußboden eine Bucht, mit Brettern abgeteilt, die war voller Stroh. Nebenan die gefangenen Russen. Hier sollen wir wohnen?, dachte ich. Zur Toilette mussten wir ein Stück weiter auf den Hof gehen, an den vergitterten Fenstern vorbei, dahinter stand ein Plumpsklo.

Meine Tante Edith, sie war nur fünf Jahre älter, und ich standen geschockt auf der Straße und mussten das alles erst verkraften. Wir schauten uns verängstigt um. Vor uns ein riesiges Stoppelfeld. Dort, aus Richtung Neidenburg, sahen wir einen schnaufenden Zug näher kommen. Die Gleise mussten also hinter dem großen Stoppelfeld liegen. Die Lok kam immer näher mit sehr vielen Waggons. Ein sehr langer Zug. Ich fing an, die Waggons zu zählen und war bis 60 gekommen, da wankte die Lok und plötzlich kippte sie um. Die Waggons schoben sich ineinander. Wir standen wie gelähmt, doch dann fingen wir an zu laufen in Richtung Unglücksstelle. Barfuß, über das große Stoppelfeld. Ein Bahnbeamter auf einem Fahrrad kam uns entgegen und schrie wie von Sinnen nur: „Telefon, Telefon!“ Wir kamen der Unglücksstelle näher. Die Lok lag auf der Seite und schnaufte und qualmte, als ob sie weiterfahren wollte. Wir sahen deutsche Soldaten, die man schon aus dem Zug geborgen hatte und die unmittelbar neben dem Zug auf der Wiese lagen. Einige riefen nach Wasser. In dem Zug, wie wir hörten, waren alles verwundete deutsche Soldaten. Es gab bei dem Zugunglück auch Tote.

Wie es dann dazu gekommen ist, dass wir nach einiger Zeit direkt nach Neidenburg zogen, weiß ich heute nicht mehr. Dort bin ich noch zur Schule und zum Gottesdienst gegangen. Habe Freunde gefunden, bis es dann eines Tages wieder hieß: flüchten! Wieder saßen wir im Zug und wollten dem schrecklichen Krieg mit seinen Folgen entrinnen. Irgendwann hielt der Zug auf einem Bahnhof und wir mussten aussteigen. Dort waren sehr viele Menschen. Ein Durcheinander, in dem meine Mutti und Oma zu tun hatten, uns zusammenzuhalten, denn wir waren vier Kinder. Über mehrere Stationen ging es in Richtung Westen.

Der Zug sollte nach Hamburg fahren. Meine Oma sagte: „In den Bombenhagel fahren wir nicht rein“ und als der Zug in Neubrandenburg hielt, befahl Oma uns auszusteigen. Von dort hat man uns dann weitertransportiert und so kamen wir nachts auf dem Bahnhof in Parchim an. Dort war alles verschlossen, nur ein Bahnbeamter empfing uns. Da er nicht wusste, wohin mit uns, nahm er uns mit zu sich nach Hause. Den nächsten Tag brachte man uns in die Diesterweg-Schule. Dort blieben wir einige Nächte, bis Bauern mit ihren Pferdewagen vorfuhren, um uns zu unserem neuen Zuhause zu bringen – nach Damm.

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