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Kunst in MV : Banzkowerin verwandelt Spinnennetze in Kunstwerke

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Gudrun Schumann macht aus anmutigen Spinnennetzen haltbare Kunstwerke

svz.de von
erstellt am 21.Apr.2017 | 12:00 Uhr

Manchmal ist es gut, wenn man nicht locker lässt. Das hat Gudrun Schumann von den Spinnen gelernt. Geht bei denen mal ein Netz kaputt, wird eben ein neues gebaut. Also hat auch sie nicht aufgegeben. Zehn Jahre lang. Immer und immer wieder hat sich die Banzkowerin vor ein Spinnennetz gestellt, das ihr besonders gut gefiel.

Hat versucht, es vorsichtig an den äußeren Fäden zu lösen. Hat probiert, es auf ein Blatt zu legen. Hat geflucht, weil es nicht klappen wollte. „Es ging und ging nicht“, erinnert sich Gudrun Schumann, die mitten in der schönen Lewitz zu Hause ist. „Das Netz übersteht keine menschliche Berührung. Es geht immer kaputt.“ Sogar mit Haarspray versucht sie es, Leim und anderen klebrigen Dingen. Doch auch das geht schief. Zwischendurch gibt sie die Hoffnung auf, denkt, „die Spinne lässt sich nicht überlisten“. Reißt sich wieder zusammen.

Dann, eines Tages, probiert sie etwas ganz Simples aus – und es klappt. Juhuu! Geht doch ganz einfach. Es gelingt ihr zum ersten Mal, ein Spinnennetz schadlos zu präparieren. Endlich kann sie aus diesen imposanten Radnetzen, die uns überall in der Natur begegnen, Kunstwerke zaubern. Direkt unter freiem Himmel hält sie die farblosen dünnen Fäden auf Papier fest. Mal auf dunklem Untergrund, mal auf hellem.

„Lediglich jedes 50. Netz eignet sich dafür“, nimmt Gudrun Schumann den Gesprächsfaden wieder auf. „Es dürfen keine Fliegen drin sein und sie müssen so hängen, dass ich gut rankomme. Die meisten Netze finde ich im eigenen Garten. Kreuzspinnen bauen sie in Bäumen, an Zäunen und Fenstern. Die kleinen Spinnen und ihre Wunderwerke haben mein Mann und ich übrigens schon immer bewundert. Auch auf dem Balkon versuchten wir ihnen stets ihren Lebensraum zu lassen.“ Anfangs, als Gudrun Schumann endlich den Dreh raus hatte, traut sie sich nicht, jemandem ihre Bilder zu zeigen. „Es hat mich ganz viel Überwindung gekostet, an die Öffentlichkeit zu gehen“, erinnert sich die 73-Jährige.

Inzwischen hängt bei so mancher Nachbarsfamilie ein Spinnennetz von ihr in der guten Stube. Drei bis vier Banzkower klingeln sogar regelmäßig bei ihr durch, wenn sie bei sich im Garten ein be-sonders schönes und bis zu 40 Zentimeter großes Exemplar entdeckt haben. Mit der Zeit hat sich sogar ein richtiger Fankreis um Gudrun Schumann gesponnen. Gelegenheit, ihre Bilder zu sehen, gibt es für Außenstehende jedoch nicht viele. Denn Gudrun Schumann verlässt mit ihren Kunstwerken selten ihr eigenes häusli-ches Netz. Beim Weihnachtsmarkt im Schweriner Schleswig-Holstein-Haus ist sie seit drei Jahren dabei. Und zu Kunst offen (3.-5. Juni) schmeißt sie sich mit anderen Künstlern aus ihrer Region zusammen. Im Familien-Begegnungs-Zentrum des Störtal-Vereins e.V in Banzkow zeigen sie, was sie auf der Kirsche haben. An diesem Wochenende hat Gudrun Schumann dann auch andere Werke im Gepäck. Bilder, die ebenfalls aus Fäden entstanden sind, wenn auch nicht aus Spinnenfäden. Hierfür kocht, walzt und trocknet sie Gemüse wie Porree, Rote Beete oder Mangold. Die so gewonnenen Fäden arrangiert sie als Landschaften auf dem Papier. Noch bevor es mit den Spinnenbildern losging, hat Gudrun Schumann Bilder aus Pflanzenfasern gestaltet. Ein Hingucker sind sie beide, wenn auch die Blicke häufiger an den Netzen hängen bleiben. Es dauert, bis die Leute gerafft haben, dass es sich nicht um eine Fotografie, sondern ein Original handelt.

Und dann stehen sie und gucken ungläubig. Hin und wieder erzählt Gudrun Schumann dann, wie so ein Meisterwerk entsteht. Sie hat sich durch die Fachliteratur gehangelt und weiß allerhand. Zum Beispiel, dass jede Spinnenart ihrem Netz zum Schluss ein eigenes Aussehen gibt. Spinnenseide fester als Stahl, dehnbarer als Nylon und wasserfest ist. Forscher auf der ganzen Welt versuchen zu entschlüsseln, was die Netze so stabil macht. Jedoch scheiterten bis heute alle Versuche, dieses Wundermaterial künstlich herzustellen. Vielleicht sollten sie es noch zehn Jahre weiter probieren und nicht locker lassen, wie es Gudrun Schumann tat, bevor ihr das Präparieren gelang. Die freut sich derweil, dass der Winter dem Frühling ins Netz gegangen ist. Ihr Garten erwacht zum Leben und mit ihm die noch winzigen Kreuzspinnen. Deren Netze sind zwar noch recht klein. Das hindert Gudrun Schumann aber nicht daran, die Fäden in die Hand zu nehmen und sie in kleine Kunstwerke zu verwandeln.
 

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