Redentiner Osterspiel : Auferstehung und Höllenfahrt

Südansicht des Doberaner Münsters: Aus dem ältesten mecklenburgischen Kloster stammt das  „Redentiner Osterspiel“.  Repro: Gerds
Südansicht des Doberaner Münsters: Aus dem ältesten mecklenburgischen Kloster stammt das „Redentiner Osterspiel“. Repro: Gerds

Redentiner Osterspiel aus dem Jahr 1464 preist den christlichen Glauben – und nimmt gleichzeitig Missstände im Alltag aufs Korn

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18. März 2016, 00:00 Uhr

Eines der bedeutendsten literarischen Zeugnisse mittelniederdeutscher Sprachkunst ist das „Redentiner Osterspiel“. Es stammt aus dem ältesten mecklenburgischen Kloster, dem Zisterzienserkloster Doberan. Geschrieben wurde es 1464 und behandelt die Auferstehungsgeschichte. Wie ein Eintrag in der Handschrift bestätigt, ist das „Spil van de Upstandinghe“ auf dem zu Doberan gehörenden Klosterhof Redentin, nahe Wismar gelegen, von dem Mönch Peter Kalff verfasst oder bearbeitet worden. Jahrhundertelang harrte die Handschrift ihrer Wiederentdeckung. Aus Privatbesitz in Helmstedt gelangte sie 1786 in die Hofbibliothek Karlsruhe, und hier erfolgte 1846 die erste Textausgabe.

Der Zisterzienser Peter Kalff könnte nach Ansicht von Bibliothekar Carl Schröder (1840-1916) aus der Wesergegend stammen und von dort schon ein Osterspiel in ostfälischer Mundart mitgebracht haben. Die Bearbeitung und die Erweiterung, bezogen auf die hiesigen Verhältnisse, erfolgte dann in mittelniederdeutscher Sprache – in Platt sozusagen – sicherlich in einem kleinen Scriptorium in Redentin, etwa 30 Kilometer vom Mutterhaus in Doberan entfernt.

Weltliche Dichtung, wie beispielsweise die Minnelieder, war seit langem bekannt, ebenfalls die zahlreichen weihnachtlichen Krippenspiele, die vor allem im Süden Deutschlands ihren Ursprung hatten. Diese geistlichen Spiele, wie heute noch die berühmten Passionsspiele in Oberammergau, dienten vor allem der wirkungsvollen Propagierung der christlichen Glaubenselemente – der Sichtbarmachung von Auferstehung auf der einen Seite und der Höllenfahrt mit ewiger Verdammnis auf der anderen.

Aber das Redentiner Osterspiel geht über die Auferstehungsgeschichte noch hinaus, und der Verfasser muss sicherlich gut die seinerzeit beliebten Fastnachtsspiele gekannt haben und benutzte die unterhaltsamen und beim Volk bejubelten Gestaltungselemente dieses Genres. Solche Spiele wie die zur Fastnacht waren groß in Mode. Eines von ihnen stammt aus der Zeit kurz nach 1500 aus Röbel, aber leider nur noch in Bruchstücken überliefert. Der unvollständige Text war in einer Handschrift dem Gildebuch des Röbeler Wollweberamtes angefügt. Es behandelt unter anderem grob und lehrhaft zugleich eine Prügelei zwischen betrunkenen Stadtbewohnern und ebensolchen Bauern. So etwas wurde vom Publikum gern gesehen und fand vor allem auf großen Märkten, wie auf dem Rostocker Pfingstmarkt, dankbare und begeisterte Zuschauer. Diese Fastnachtspiele waren zum Teil derb und unflätig, und Carl Schröder bemerkte: „Die Roheit des Tones im Röbeler Spiel fällt selbst in dieser Umgebung unangenehm auf.“
Ob das Osterspiel in der Entstehungszeit in Rostock, Doberan oder im Umfeld aufgeführt wurde, ist nicht bekannt. Aber es könnte ähnlich wie in Lübeck gewesen sein, wo solche oder andere Stücke für die Zeit zwischen 1430 und 1515 verzeichnet sind, wie der Rostocker Bibliotheksrat Dr. Bruno Claussen (1880-1959), der sich intensiv mit den niederdeutschen Frühdrucken beschäftigte, 1930 in einem Beitrag im „Rostocker Anzeiger“ schrieb. Er fügte hinzu: „Die älteste Nachricht über Aufführungen in Rostock stammt aus dem Jahre 1503, wo der Rektor der Universität den Studenten den Besuch von Laienspielen während der Fastnacht verbietet… Wenige Jahre später haben die Veranstalter sogar durch ein gedrucktes Plakat zum Besuch ihrer Aufführung auf dem ,Middelmarket‘(heute Neuer Markt) aufgefordert, welches noch als kostbarer Schatz im Rostocker Ratsarchiv aufbewahrt wird.“ Dabei handelt es sich um einen der ältesten gedruckten Theaterzettel der Welt.

Peter Kalff stellte in seinem „Osterspiel“ unlautere Zeitgenossen öffentlich an den Pranger, zur Freude des Publikums. So wurde ein Wirt angeklagt, der das Bier mit viel zu viel Schaum ausschenkte, der Bäcker, weil sein Brot innen hohl war, und ein Schneider bekam „sein Fett weg“, weil er Stoff gestohlen hatte, ein Schuster, weil er mürbes Leder verarbeitete und seine Schuhe zu teuer verkaufte. Der Krämer führte falsche Gewichte und mengte faule Heringe unter die guten, der Schlachter machte schlechte Wurst und verkaufte das Fleisch einer kranken Sau für das eines Ferkels. Die Strafen waren drastisch – eine harsche Kritik an den wirtschaftlichen Zuständen der damaligen Zeit. Nichtsdestotrotz geht es aber in dem Stück neben allen Turbulenzen vor allem um die theologisch-moralische Belehrung und die Bedeutung des Osterfestes für die Christen.

Im vergangenen Jahrhundert wurde das Redentiner Osterspiel für die Bühne neu entdeckt und mehrfach aufgeführt, so unter anderem 1929 fünfmal in Wismar in der Heiligen-Geist-Kirche, 1919 an der Universität Rostock, dann in den achtziger und neunziger Jahren wieder in Rostock in der Kirche und im Theater sowie im Jahr 2000 in Wismar.
Eine der modernen Übersetzungen ins Hochdeutsche erfolgte 1874 durch den Parchimer Gymnasiallehrer Albert Freybe.

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