Flucht, Vertreibung und Neuanfang: Ihre Geschichte : Auf der Fahrt ins Ungewisse

Elsa Siewert aus Lübtheen musste 1946 mit ihrer Familie das Sudetenland verlassen. Erstes Zuhause in Mecklenburg hatte eineinhalb Zimmer

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03. Juni 2016, 00:00 Uhr

Elsa Siewert wurde im Sudetenland geboren. Nach der Ausweisung 1946 gelangte sie nach Lübtheen, wo sie noch heute lebt.

Ich stamme aus Merkelsdorf, dem Kreis Braunau im Sudetenland. Um die Jahrhundertwende wurde unser Dorf „Golddörfchen“ genannt, weil der Flachsanbau für Wohlstand sorgte. Haben Sie schon mal ein blühendes Flachsfeld gesehen? Das helle Blau ist eine Augenweide!

Kurz nach Kriegsende musste wir jungen Mädchen aus dem Dorf tschechische Uniformen waschen. So auch am 8. August 1945. Müde kam ich abends nach Hause. Die Deutschen mussten weiße Binden mit einem schwarzen „N“ tragen und durften sich nach 20 Uhr abends nicht mehr auf der Straße aufhalten.

Es kehrte keine Ruhe in mir ein. Ein Trupp bewaffneter tschechischer Soldaten zog durch unser Dorf. Gegen halb neun pochte es auch an unsere Haustür. Wir wurden aufgefordert, binnen zwanzig Minuten das Haus zu verlassen. Vater holte den kleinen Ziehwagen herein und wir packten die in Eile zusammengerafften Sachen. Dann warf er noch einen Blick in seine geliebte Werkstatt. Mutter weinte. Und schon schloss sich hinter uns die Tür. Nur das Plätschern unseres silberglänzenden Baches, der Mettau, begleitete uns zu einer Sammelstelle, wo bereits 88 Dorfbewohner waren.

Am nächsten Morgen ging es ins Arbeitslager nach Braunau. Anfangs waren wir mit bis zu 14 Personen in einem Zimmer mit Doppelstockbetten einquartiert. Wir versuchten Arbeit zu bekommen. Meine zwei jüngsten Geschwister waren noch Schulkinder. Ein Jahr lang konnten sie keine Schule besuchen. Wir waren auf den Tag genau ein Jahr im Lager mit dem schönen Namen „Heidesteg“.

Zum Ende der Lagerzeit sangen die jungen Mädchen am Abend häufig. Dafür waren die Menschen dankbar und die Tschechen ließen uns gewähren.

Am 8. August 1946 begann die große Fahrt ins Ungewisse. Als wir bei Bad Schandau über die Grenze fuhren, da wussten wir, dass wir in die sowjetische Zone kamen. Vier Tage und Nächte brauchten wir für die 600 Kilometer. Nachts standen die Waggons meist auf einem Bahnhof. In Dresden hielt der Zug lange. Diese Stadt war schon als Kind für mich etwas ganz Besonderes. Deshalb wollte ich mit einem Bekannten die Zeit nutzen, um in die Stadt zu gehen. Das schreckliche Grauen dieser zerstörten Stadt ließ mich erschauern und schnell wieder umkehren.

Endlich waren wir am Ziel. Wir waren in Mecklenburg, in der Griesen Gegend, angekommen. Unsere Endstation war Jessenitz bei Lübtheen. Nach vierzehntägiger Quarantänezeit kamen wir nach Lübtheen.

Eineinhalb Zimmer waren nun jahrelang unser Zuhause. Vom Arbeitsamt bekam ich drei Adressen. Zwei Bewohner traf ich nicht an, bei der dritten Adresse öffnete man mir die Tür einen Spalt. Als ich sagte, dass ich vom Arbeitsamt käme, sagte mir die Frau: „Zwei Häuser weiter wohnt ein Russe, der sucht ein Dienstmädchen.“ Was ich damals empfunden habe, weiß ich nicht mehr, aber vergessen habe ich es bis heute nicht. Ich fand dann eine Arbeitsstelle in einem Gemüseladen, musste dort hart und unter unwürdigen Bedingungen arbeiten und war ein Mädchen für alles. Nach einem Jahr konnte ich wieder in meinem Beruf als Schneiderin arbeiten. Ich lernte meinen späteren Mann kennen, einen echten Lübtheener. Wir heirateten und hatten zwei Kinder.

Ich bin in der Lindenstadt geblieben. Sie macht ihrem Namen alle Ehre und ich wohne gern hier. Ich singe gern. Deshalb war der Lübtheener „Gemischte Chor“ ein besonderer Glücksfall für mich. Ich fühlte und fühle mich dort sehr wohl. Er gab und gibt mir ein Gefühl des Dazugehörens und des Geborgenseins. In diesem Jahr werden wir das 40-jährige Bestehen des Chores feiern. Das Motto „Singen macht Freude, die Sorgen flieh’n…“ gilt für uns immer noch.

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