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Rostock : Auf den Spuren eines Reformators

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Joachim Slüter trieb als Kaplan von St. Petri im 16. Jahrhundert die Durchsetzung der neuen Lehre in Rostock voran

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erstellt am 25.Feb.2017 | 00:00 Uhr

Am 1. April 1531, einem Palmsonntag, wurde nach jahrzehntelangem Ringen zwischen Rat, katholischer und evangelischer Geistlichkeit in den vier Hauptkirchen Rostocks die protestantische Kirchenordnung unter Ratssyndikus Johann Oldendorp (1480-1567) durchgesetzt. Die Reformation war besiegelt.

Die ersten reformatorischen Bewegungen ab 1520 wurden ausgelöst durch den Kaplan Sylvester Tegtmeier an der St. Jakobikirche und den Franziskanermönch Stephan Kempe. Sie predigten nach den neuen Lehrsätzen von Martin Luther (1483 - 1546). Nach deren Weggang unterrichtete ein junger Priester in der Kirchspielschule südlich der St. Petrikirche Kinder aus Handwerker- und Krämerfamilien, die in der hanseatischen Altstadt lebten. Dieser Priester hieß Joachim Slüter. Gebürtiger Rostocker war er nicht, wie das erste Dokument aus dem Jahr 1517 zeigt und ein zweites – die Immatrikulation an der Rostocker Universität ein Jahr später – ebenfalls belegt. Aber woher kam der Reformator der Hansestadt?

Wir folgen dem Biografen Nikolaus Gryse (1543-1614), der in seiner „Historia van der Lere, Leuende und Dode“ 1593 als Erster den Spuren Joachim Slüters nachging. Diese führen uns 1490 nach Dömitz, seinen Geburtsort. Dort, an der Unterelbe, arbeitete sein Vater Kutzer als Fährmann und Joachim wurden früh die übersetzenden Menschen, die Höckerinnen, Bettelmönche, fahrenden Scholaren, umherziehenden Gesellen vertraut. So bunt wie die über den Fluss setzende Schar, so vielfältig waren die Dialekte. Am Fähranleger jedoch hörten sie eine Sprache, das Niederdeutsche. Joachim sprach es bis zum frühen Tod seines Vaters und auch dann noch, als seine Mutter sich wieder verheiratete und er den neuen Familiennamen Slüter erhielt. Damit machte er deutlich, was Latein nicht vermochte: Sorgen, Freuden, Not und Pein des menschlichen Alltags.

Drei Jahre lang studierte Joachim Slüter in Rostock, von 1518 bis 1521, Theologie, Altsprachen und Kirchenrecht an der „Leuchte des Nordens“. Nur wenige Schritte von seinem Kolleg entfernt, druckten die Brüder vom gemeinsamen Leben im Michaeliskloster Flugschriften der neuen Kirchenlehre aus Wittenberg. Waren die Bibelauslegungen in deutscher Sprache nicht viel verständlicher für Zuhörer als das Lateinische, das nur eine Minderheit kannte? Die jungen Rostocker Studenten griffen danach, verschlangen die Texte gegen das Veto ihrer Mentoren und verbreiteten sie. Als Martin Luther (1483-1546) vor dem Reichstag in Worms 1521 dem Inhalt der 95 Thesen seiner neuen Lehre abschwören sollte, aber standhaft blieb, schloss Joachim Slüter sein Studium ab.

Wieder unterrichtete er in der Kirchspielschule St. Petri. Lesen, Schreiben, Rechnen, Religion und Singen zogen nach den Vorschlägen von Philipp Melanchthon (1497-1560) zur Umgestaltung des Schulwesens ein. Der Zulauf von Schülern war so groß, dass Herzog Heinrich V. (1479 -1552), der seit der Luther-Übersetzung des Neuen Testaments 1521 den Neuerungen zugetan war, Joachim Slüter zum Kaplan an St. Petri berief. Slüters niederdeutsche Predigten, legendär geworden durch das Jahrhunderte später entstandene Gemälde „Slüter predigt unter der Linde“, sind nicht erhalten, jedoch seine Veröffentlichungen seit 1525. Darunter befinden sich die „schöne und sehr nützliche Unterweisung“ des Katechismus und sein erstes Gesangbuch. Auch seine Hochzeit mit der Tochter eines altstädtischen Kleinschmieds, Katarina Gelen, ist als Eintrag in das Kirchenregister 1528 belegt. Erzürnt über die Brechung des Zölibats, verweigerte der Anteil der Altgläubigen gegen die Träger der neuen evangelischen Vorsätze im Rat die Festtagsmusik mit Ratsmusikanten. Schnell sprangen Zuhörer und Zuschauer singend ein und weithin erklangen Melodien zum Hochzeitsgeläut von St. Petri.

Ausgestattet mit einem Hauswesen schuf Joachim Slüter in der kurzen Zeit von 1528 bis zu seinem frühen Tode 1532 weitere Schriften. Herausragend ist das „dubbelde Gesangbok“ – es gilt als das älteste mecklenburgische Gesangbuch – mit Liedern aus dem Luther-Gesangbuch, Texten von Hans Sachs, Thomas Müntzer, Nikolaus Decius und Nachdichtungen von Joachim Slüter ins Niederdeutsche. Wieder druckte es Ludwych Dietz und wegen des nachhaltigen Bedarfs musste es 16 Mal neu aufgelegt werden. Die Ausgaben erschienen nach Rostock in Stettin, Greifswald, Barth, Lübeck, Parchim, Wittenberg und Magdeburg. Sie bildeten die Grundlage für die einsetzende Hamburger Gesangbuchtradition.

Über die deutschen Grenzen hinweg finden wir eine Übersetzung des Slüterschen Gesangbuches in Malmö/Dänemark als ältestes dänisches Gesangbuch. Das erste evangelische veröffentlichte Mikel Coverdale 1536 in Englisch in London. Weitere Übertragungen und Herausgaben folgten in Reval und Leiden.

Joachim Slüter bereitete in seinem kurzen, bewegten Leben von nur vier Jahrzehnten den Weg für die Reformation, die weit über die Türme Rostocks hinausreichte. Den Spuren seines Wirkens können Besucher im Reformationsjahr 2017 in Ausstellungen, Führungen und Gesprächen in der Hansestadt folgen.
 

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