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Ärzte in Boizenburg : Auf dem Rad zum Hausbesuch

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Dieter Greve erinnert sich an die engagierten Boizenburger Ärzte seiner Kindheit

svz.de von
erstellt am 07.Jan.2017 | 00:00 Uhr

Meine frühe Kindheit verlebte ich in der Boizenburger Mühlenstraße 1. Das Haus Kirchplatz 1, gegenüber gelegen, wurde seinerzeit von Dr. Johannes Heydemann bewohnt, der dort auch praktizierte. Zu ihm gab es damals ein fast familiäres Verhältnis. Wenn es irgendein gesundheitliches Problem gab, war der beflissene Mediziner sofort zur Stelle.

Aber das galt nicht nur über die Straße hinweg. Als bei Kriegsende alle Deutschen in der sowjetischen Besatzungszone ihre Kraftfahrzeuge an die Besatzungsmacht abliefern mussten, wurden auch die Hausärzte nicht verschont. Dr. Heydemann ließ sich dadurch trotz seines Alters – er war Jahrgang 1878 – nicht davon abbringen, seine Patienten in bis zu 15 Kilometer entfernten Dörfern aufzusuchen. Er fuhr dann mit dem Fahrrad zu seinen vielen Patienten.

Darüber hinaus leitete er über viele Jahre das Boizenburger Krankenhaus, das nach 1945 wegen der vielen seuchenhaft auftretenden Krankheiten besonders viel zu tun hatte – die Einwohnerzahl der Stadt war damals doppelt so groß wie gegenwärtig. Für seine Verdienste wurde er 1954 als „Verdienter Arzt des Volkes“ ausgezeichnet. Er war ein Haus- und Landarzt mit einem ärztlichen Ethos, wie man ihn sich heute wünschen würde. Auch sein Kollege Dr. Johann Kröger lässt sich in diese Kategorie einreihen. Als unsere Familie ab 1949 in Klein Bengerstorf wohnte, zehn Kilometer von Boizenburg entfernt, war auch er dort häufig bei seinen Patienten anzutreffen.

Er reiste mit einem Pferdegespann von Dorf zu Dorf. Auch er war gleichzeitig im Boizenburger Krankenhaus tätig. Ich erinnere mich daran, dass er dann oft bei „Tante Berta“, wie die Wirtin der Klein Bengerstorfer Gastwirtschaft Berta Wulf im Dorf genannt wurde, einkehrte und seine Zigarre rauchte.

Nicht in Boizenburg, aber in der Umgebung praktizierten Dr. Wilhelm Helmcke in Vellahn und Dr. Friedrich Backhaus in Neuhaus/Elbe. Dr. Helmcke war später als Landarzt auch für Klein Bengerstorf zuständig. Obwohl er kriegsversehrt war, zeichnete ihn eine hohe und ständige Einsatzbereitschaft für seine Patienten aus. Wurde er in späten Abendstunden gerufen, konnte man sich darauf verlassen, dass Dr. Wilhelm, wie er in Vellahn liebevoll genannt wurde, seinen Patienten versorgte.

Als ich später in Neuhaus und in Sumte bei Neuhaus meinen Wohnsitz hatte, lernte ich auch den dortigen Arzt Dr. Backhaus kennen. Wie alle genannten Ärzte hatte er einen großen Bereich zu versorgen, der sich von Kaarßen bis Neu Bleckede erstreckte. Zusätzlich war er der Chefarzt des kleinen Neuhauser Krankenhauses. Auch ihn zeichnete diese hohe und ständige Einsatzbereitschaft aus. Dadurch hatte Dr. Backhaus bei der Bevölkerung seines Versorgungsbereiches ein hohes Ansehen, das sich auch auf das kleine Neuhauser Krankenhaus übertrug. Dessen Ausstrahlung reichte bis weit in den Boizenburger und den Vellahner Bereich hinein. Wenn man heute die geringe Bereitschaft zur Übernahme einer Landarztpraxis beobachten kann, so muss dazu ganz allgemein kommentiert werden, dass die Übernahme dieser Praxen nicht nur als ein monetäres, sondern in erster Linie als ein ethisches Problem gesehen werden sollte. Nirgends erfährt ein Arzt so viel Anerkennung wie in einer Landarztpraxis.
 

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