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Schloßstraße Schwerin : Architekt zwischen zwei Weltkriegen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Paul Nehls prägte mit seinen markanten Backsteingebäuden die Schweriner Schloßstraße

Friedhöfe sind geeignete Orte, um das historische Gedächtnis einer Stadt zu bewahren. Aus diesem Grund bemüht sich der Förderverein Alter Friedhof Schwerin, auf Persönlichkeiten hinzuweisen, die in der öffentlichen Wahrnehmung zu verblassen drohen, obwohl sie Spuren hinterlassen haben. Im Fall von Paul Nehls sogar unübersehbare: Den Gebäuden des Architekten begegnen Schweriner noch heute auf Schritt und Tritt, denn in der Zeit zwischen den Weltkriegen nahm Nehls großen Einfluss auf das Baugeschehen in der Stadt.

1882 in Mannhagen im Amt Schönberg geboren, besuchte er die Baugewerkeschule in Lübeck und bestand 1903 die Abschlussprüfung mit dem Prädikat „gut“. Als frischgebackener Bautechniker erwarb er in den folgenden sieben Jahren auf unterschiedlichsten Arbeitsstellen vielfältige Kenntnisse auf allen Gebieten des Bauwesens, um sich später, ohne je eine akademische Ausbildung genossen zu haben, als freischaffender Architekt einen Namen zu machen. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, dass ihm nach nur dreimonatiger Tätigkeit 1909 von keinem Geringeren als dem Großherzoglichen Baudirektor Paul Ehmig der Besitz aller Eigenschaften eines tüchtigen Bauführers, der auch in der Büroarbeit Ausgezeichnetes leistet, bescheinigt wird. Von 1910 bis 1922 ist Paul Nehls erst als Baukontrolleur und dann als 1. Stadtbauführer in der Schweriner Bauverwaltung tätig, unterbrochen nur vom Militärdienst in den Jahren 1916 bis 1918. Als er auf eigenen Wunsch den städtischen Dienst verlässt, ist in seinem Zeugnis zu lesen: „Herr Nehls ist ein Architekt mit ausgezeichneter Befähigung. Klares Urteil, große Arbeitskraft und energisches, schnelles Handeln sind die hervorstechenden Merkmale. Besonders erwähnt werden müssen auch das flotte Entwerfen und die guten Kenntnisse in der Berechnung von Holz-, Eisen- und Eisenbetonkonstruktionen.“ So einer ist gefragt auf einem Markt, der wegen überaus großer Nachfrage nach preiswertem Wohnraum durch staatliche Förderung gestützt wird. Seine großen Entwürfe werden gewöhnlich von Bauunternehmern aus Schwerin umgesetzt, die zugleich auch die Bauherren sind. Beispielhaft dafür sind seine beiden herausragenden Wohn- und Geschäftshäuser in der Schlossstraße Nr. 32/34 (1928) und Nr. 39 (1931), die der Zimmermeister und Bauherr Gustav Niemann errichtet. Mit der Verwendung von Backstein greift Paul Nehls auf einen traditionellen norddeutschen Baustoff zurück, versteht es aber, mit ihm auf expressionistische Art Akzente zu setzen. Durch plastisch herausgehobene Ziegellagen werden die repräsentativen Erdgeschosszonen betont oder, wie in der Nr. 39, Fenster zu Bändern zusammengefasst. Die Nr. 32/34 besticht durch die im 1. Obergeschoss von kräftigen Gesimsen und Pilastern aus Beton eingefassten Fenster. Zwischen den hellgrauen Pilastern stehen vor dunkelrotem Backsteinhintergrund allegorische Figuren aus blaugefärbtem Kunstbeton. Sie sollen Leben, Natur, Baukunst, Zeit und Tod verkörpern. Diese expressionistischen Skulpturen sind das Werk des aus Böhmen stammenden Bildhauers Maximilian Preibisch.

Zuletzt wohnt und arbeitet Paul Nehls in seinem 1934 gebauten Haus in der Puschkinstraße 8, das reich mit Baukeramik versehen ist. Er stirbt 1960 und wird auf dem Alten Friedhof bestattet.

Burkhart Stender

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