Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : Angst vor Tieffliegern und ständig Hunger

Die Familie von Auguste Dannehl (r.) Der Mann blieb im Krieg.
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Die Familie von Auguste Dannehl (r.) Der Mann blieb im Krieg.

Rita Meier aus Boddin erinnert sich an ihre Flucht 1945 von Ostpreußen ins Mecklenburgische / Sie sah Tote in Straßengräben und hörte Gespanne im Eis einbrechen

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13. August 2016, 00:00 Uhr

Rita Meier stammt aus Rastenburg in Ostpreußen. Sie war sechs Jahre alt, als sie mit ihrer Mutter und den vier Geschwistern vor der heranrückenden Roten Armee floh.

Am 29. Januar 1945 bekamen wir den Befehl, unsere Heimatstadt Rastenburg in Ostpreußen sofort zu verlassen. Die Tage vor der Flucht waren geprägt durch das Heulen der Sirenen. In dieser Zeit gingen wir stets mit unseren Sachen zu Bett, damit meine Mutter es schaffte, mit fünf Kindern den Luftschutzkeller aufzusuchen.

Wir, Werner (8), Inge (7), ich (6), Dagmar (4) und Monika (2), jammerten und weinten, wenn wir durch Fliegeralarm aus dem Schlaf gerissen wurden. Hilfe bekamen wir oft von unserer Nachbarin. Sie eilte zu unserer Wohnung und nahm uns drei „Großen“ in den Schutzraum mit.

Am 29. Januar gingen wir zunächst zu Fuß nach Braunsberg. In einem Rucksack steckten ein paar Lebensmittel. Wir marschierten ohne zu klagen. In eisiger Kälte, eingekeilt in Flüchtlingstrecks. Rücksicht, Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit, diese Worte waren in diesen Tagen bei den meisten Menschen verloren gegangen. Alle wollten nur weg.

Zeitweise wurden wir von russischen Tieffliegern beschossen. In den Straßengräben lagen bereits viele Menschen, Tiere und Fahrzeuge. Dass darunter auch Tote waren, erzählte meine Mutter uns erst später. Als wir wieder Schutz unter den Straßenbäumen gesucht hatten, hielt ein Fahrzeug der deutschen Wehrmacht und nahm uns bis Stablack mit. Die Nacht verbrachten wir auf dem Truppenübungsplatz. Am Morgen schenkten die Soldaten uns noch etwas Essen, darunter ein Säckchen mit Würfelzucker. Der sollte für lange Zeit unsere eiserne Ration werden. Tapfer hielten wir bis Braunsberg durch. Dann ging es weiter bis Frauenburg. Uns taten die Füße weh, es wehte ein eiskalter Wind, an meinen Zehen zeigten sich Erfrierungen. Ich weinte vor Schmerzen, Erschöpfung, Angst und Hunger. Meinen Geschwistern ging es nicht viel besser.

Die Nacht verbrachten wir in einer Kirche. Viele Flüchtlinge drängten sich hinein und stießen uns immer wieder beiseite. Schließlich fanden wir einen Platz an der Tür. In der Nacht wachten wir durch das Sirenengeheule auf. Wir hörten nur: „Rasch, rasch. Beeilt euch, wir müssen hier raus!“ Wie gut, dass wir in der Nähe der Tür geschlafen hatten, denn die Kirche hatte einen Treffer abbekommen.

Im Morgengrauen zogen wir weiter bis zum Frischen Haff. Was wir hier sahen, war kaum zu beschreiben. Hunderte von Menschen zu Fuß oder mit Pferden zogen übers Eis. Am Ufer lagen abgeworfene Dinge, die wohl zu schwer waren. Frauen und Männer saßen da, sie sahen mutlos und verzweifelt aus. Die elf Kilometer lange Strecke übers Eis war zu viel für sie. Wir hörten schreckliche Angstrufe und das Knacken des Eises.

Am schlimmsten waren die russischen Tiefflieger. Sie schossen auf alles, was sich bewegte. Viele Pferde ließen sich nicht mehr beruhigen und gingen durch. Das hielt die Eisdecke nicht aus. Sie brachen ein und versanken. Und mit ihnen viele Menschen. Diese entsetzlichen Bilder bin ich nie mehr losgeworden.

Schließlich fand die Schreckensfahrt ihr Ende. In Pillau erhielt meine Mutter die Nachricht, dass sie mit dem Schiff „Willhelm Gustloff“ mitfahren könnte. Soldaten bemühten sich um uns und boten Hilfe an. Einer hob mich hoch, ein anderer nahm meine Schwester Dagmar auf den Arm. Doch wir beide begannen zu schreien und zu weinen. Wir wollten zu unserer Mutter zurück, die noch am Ufer stand und zögerte. Ihre panische Angst vor dem Wasser war stärker. Sie bat die Soldaten, uns wieder runter zu lassen. Ihre Entscheidung rettete uns das Leben, denn das Schiff wurde später von russischen Torpedos getroffen.

Wir wählten den beschwerlichen Weg zu Fuß nach Elbing. Unterwegs hörten wir, dass die Stadt bereits von der russischen Armee eingenommen war. Wir wechselten die Richtung und marschierten nach Danzig. Wir wohnten dort in der Siedlung Erdenglück und blieben zehn Tage. Die Erfrierung an meinen Füßen hatte zugenommen. Einen Arzt fanden wir nicht, aber eine alte Frau konnte mir helfen. Um für uns zudem etwas zu essen aufzutreiben, ging meine Mutter von Haus zu Haus. Bei den meisten Menschen war die Not genau so groß, aber sie gaben immer etwas ab.

Als die Bombenangriffe immer öfter geschahen, machten wir uns wieder auf den Weg. Scheune war unser nächstes Ziel, dann Stolp. Kurze Zeit später sammelten sich alle Flüchtlinge auf dem Bahnhof. Hier wurde uns der Sack mit den Federbetten gestohlen. Mit Güterwagen ging es weiter bis Schlawe. In diesem Ort „überrollte“ uns die Rote Armee. Noch heute höre ich die fremd klingenden Stimmen, sehe russische Soldaten Menschen zusammentreiben und sie mit Gewehren bedrohen.

Unsere Familie lief in ein leerstehendes Haus. Hier saßen wir eng aneinandergedrängt und klammerten uns an unsere Mutter. Ein Augenblick später flog mit großem Krach die Tür auf und ein fremder Soldat stand auf der Türschwelle. Er bedrohte uns und schrie. Wir verstanden ihn nicht und begannen zu weinen. Er durchwühlte unsere Habseligkeiten, fand aber nichts, was er gebrauchen konnte. Nun entdeckte er den Ehering am Finger meiner Mutter. Den wollte er haben. Schnell streifte sie ihn ab und gab ihm den Ring. Es reichte ihm nicht, er wollte noch mehr haben. Aber was? Wir besaßen keine wertvollen Dinge. Nun zielte er direkt auf meine Mutter. Plötzlich schrie sie los: „Ja, ja, erschieß uns alle, dann haben wir endlich Ruhe!“ Ob der Soldat meine Mutter verstanden hatte oder von ihrer Wut überrascht war, weiß ich bis heute nicht. Er drehte sich um und verließ das Zimmer.

Jetzt begann eine sehr schwere Zeit für uns alle. Die Frauen mussten in der Küche und im Kuhstall für den Russen arbeiten. Ein Glück, dass meine Mutter auf dem Lande aufgewachsen war. Da sie ihre Arbeit verstand, musste sie die unerfahrenen Frauen anleiten. Sie erhielt dadurch einige Lebensmittel mehr. Später zogen sich die Russen zurück und die Polen übernahmen die Bauernhöfe samt des Inventars. Nun arbeiteten die deutschen Menschen für die polnische Besatzungsmacht aber unter härteren Bedingungen.

Eines Tages war es wieder soweit, wir mussten packen. Wir waren wohl immer noch nicht angekommen. Erneut ging es mit Güterwagen voran. Mit dem Zug fuhren wir über Stolpe nach Mecklenburg. Unsere erste Station war das kleine Städtchen Laage. In diesem Lager wurden wir auf Ungeziefer untersucht, namentlich aufgenommen und ein paar Tage später auf Dörfer und Städte verteilt. Wir kamen nach Schwaan und schließlich nach Göldenitz. Auf dem hiesigen Bauernhof erhielten wir eine Stube. Darin befanden sich einige Betten und andere Möbel. Von da an bekamen wir jeden Tag etwas zu essen.

Zu Weihnachten brachte der Bürgermeister uns Decken und ein Federbett, diese Sachen mussten einige andere Bauern abgeben. Freiwillig gaben sie uns nie etwas. Diesen Geiz bekamen wir in den nächsten Jahren noch oft zu spüren. Für das Essen sollte meine Mutter beim Bauern im Stall arbeiten. Wenn sie abends müde von der Arbeit nach Hause kam, warteten wir auf sie. Hatte sie uns versorgt, nähte sie aus alter Kleidung für uns etwas zum Anziehen.

1949 zogen wir von Göldenitz nach Rukieten. Hier waren wir endlich angekommen. Ich erlebte meine Kindheit. Sie war glücklich und schön, obwohl wir oft wenig zu essen hatten. Doch wir konnten ruhig schlafen, unbekümmert spielen und zur Schule gehen. Ich höre heute noch die Worte meiner Mutter: „Lernt Kinder! Ergreift einen Beruf und helft mit, dass kein Krieg mehr kommt.“ Das tat ich, in dem ich 1960 Lehrerin wurde.

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