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Dargun : Ameisen fraßen sich tief in Hölzer

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Eine 150 Jahre alte Bausünde bringt Licht in Darguns Gründungszeit

svz.de von
erstellt am 07.Jan.2017 | 00:00 Uhr

Das Dach der Darguner Pfarrkirche war mehr als marode. Über mehrere Monate hinweg wurde es erneuert. Dabei kamen auch einige, gut 800 Jahre alte Geheimnisse aus der Entstehungszeit des Bauwerkes und des Ortes ans Tageslicht.

An die 250 000 Euro mussten die Christen der Kleinstadt einsammeln, damit das Dach ihrer Kirche komplett saniert werden konnte. „Länger hätten wir mit dem Bauen nicht warten dürfen“, blickt Pastor Alexander Uhlig zurück. Denn im Gebälk hatte sich reichlich unerwünschtes Getier eingenistet. Bis zu einem Meter tief fraßen sich Ameisen in einen der Deckenbalken hinein. „Die Kiefer muss ihnen wohl besonders gemundet haben“, kann Uhlig nur vermuten. Denn, auch wenn die Südseite des Kirchenschiffes Ende der 1980er-Jahre mit neuen Biberschwänzen gedeckt wurde, der Dachstuhl darunter wurde damals nicht angerührt.

Aber die hölzerne Konstruktion hatte es in sich. Dies zeigte sich schon vor zwei Jahren. Da mussten drei stark geschädigte Deckenbalken saniert werden. Dabei wurde der schlechte Zustand der Balkenköpfe deutlich. Wohl 1860/1861, als man die vormalige Röcknitzer Dorf- und heutige Darguner Pfarrkirche neugotisch umgestalte, wurden die Hölzer eingemauert. Dadurch konnte das organische Material nicht mehr atmen, geriet ins Schwitzen. Braunfäulepilz entstand, der Bunte Nagekäfer und die erwähnten Ameisen machten sich breit. Indes, mit der Dachsanierung haben sich zugleich einige Fragen um die Entstehung der Kirche und des Ortes geklärt. Erstmals erwähnt wurde die Kirche durch Bischof Berno von Schwerin 1178 – als eine sich noch im Bau befindliche „ecclesia de Rokiniz“, welche das Recht zur Seelsorge, der Taufe, des Krankenbesuches und der Bestattung der Toten erhielt. 1219 ist in einer Urkunde des Herzogs Kasimir von Pommern von einer Parochie Rokenitze, also einer Gemeinde mit Pastor, die Rede. 1232 weihte Bischof Conrad von Cammin die neue Kirche von Röcknitz ein. Von diesem wohl aus Eichenholz errichteten Haus stammen einige der im Chordach aufgefundenen Hölzer. Dendrochronologische Untersuchungen zeigten, dass die Eichen 1232 gefällt wurden. Das Gros des Chor-Daches ist aber mit Hölzern überdacht, welche im Winter 1294/1295 geschlagen wurden. Der Chor wurde demnach 1295 eingedeckt und fertiggestellt. Die brauchbaren Holzteile des Vorgängerbaus – die Gutachter zählten genau 41 – wurden für den nun steinernen Chor zweitverwendet. „Die dreiecksförmigen Abbund-Zeichen, mit der die Zimmerleute die Hölzer sowohl des Jahres 1232 als auch die von 1295 markiert haben, sind einzigartig in Mecklenburg“, loben die Bauingenieure. Die Reste einer Bretterverschalung auf der Westseite des Chores belegt, dass das Kir-chenschiff nicht sofort angefügt wurde. Verwitterungsspuren lassen eine mehrjährige Baupause vermuten. 1178, 1219 und 1232 bestand die Kirche von Röcknitz demnach nur aus Holz. Erst 1295 wurde der Chor als Steinbau geweiht. Damit scheint widerlegt, dass der spätromani-sche Chor schon vor 1200 entstand, wie manche Heimatforscher vermuten. Vielmehr scheint die 1178 als im Bau befindliche Kirche mit den kriegerischen Wirren um 1199 aufgegeben worden und verfallen zu sein. Damals verließen auch die Darguner Mönche ihr Kloster. Dieses wurde erst ab 1209 neu besiedelt. In diesem Zusammenhang scheint die Kirche von Röcknitz als Holzbau neu errichtet worden zu sein, wie die Urkunden von 1219 und 1232 sowie die dendrochronologischen Untersuchungen belegen.

Auf jeden Fall hatten die Christen des damaligen Fleckens Röcknitz ständig am Gotteshaus zu bauen. So klagte 1665 Pastor Daniel Livonius über ein schadhaftes Dach, da aus Mangel an Steinen die Reparaturen nicht durchgeführt werden konnten. 1666 war der Kirchturm derart „löcherig, also das es nicht nur auff die Glocken regnet und schneit“, sondern der ganze Turm großen Schaden nehmen könnte. Die eine Seite des Daches wurde erneuert, die andere nicht. Es mangelte an Holz und sicher auch an Geld in der immer noch an den Folgen des Dreißigjährigen Krieges leidenden Region. Laut der dendrochronologischen Untersuchung wurden 1709 Teile des Daches repariert. Doch wieder war es nur Flickwerk.

Aktuell sammelt die evangelisch-lutherische Kir-chengemeinde für die Sanierung des Daches über dem 1295 geweihten Chor. An die 125 000 Euro wird das kosten.

 

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