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Weltkriege und ihre Folgen : Als viele Glocken verstummten

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

In den Weltkriegen musste Metall aus Kirchen für die Rüstungsindustrie abgeliefert werden. Noch heute werden Lücken geschlossen.

svz.de von
erstellt am 04.Mär.2017 | 00:00 Uhr

Am 1. März 1917, also vor genau 100 Jahren, erschien der Regierungserlass Nr. 35, Rg.-Blatt 1917 über die „Beschlagnahmung, Bestandserhebung und Enteignung sowie freiwillige Ablieferung von Glocken aus Bronze“. Das Ergebnis: Im 1. Weltkrieg wurden in Deutschland mindestens 6500 Glocken für Kriegszwecke eingeschmolzen. Wie viele es im 2. Weltkrieg waren, ist nicht festzustellen, auch weil unzählige Kirchen zerstört wurden, mitsamt ihren Glocken.

Bei Kriegsbeginn 1914 hatte vielfach Glockengeläut den Hurra-Jubel untermalt, aber 1917 war die Begeisterung längst verflogen. Ein Ende des Krieges war nicht in Sicht, viele Familien hatten Gefallene zu beklagen, der Mangel an Gütern und Lebensmitteln zermürbte nicht erst im „Kohlrübenwinter“ die Menschen. Und nun sollten die Glocken aus den Kirchtürmen geholt werden, um „für Kaiser und Vaterland“ eingeschmolzen und zu Waffen verarbeitet zu werden. Denn Glockengießer und Kanonenzieher verwenden das gleiche Material: Bronze. Schon bald nach Kriegsbeginn war zu Metallspenden aufgerufen worden, die Rüstungsindustrie brauchte außer Eisen auch Buntmetalle wie Kupfer, Zinn, Zink. So gerieten die Glocken in Gefahr, aber auch die Metallpfeifen in den Kirchenorgeln und „Goldsachen“, wie Leuchter und Abendmahlsgefäße, sogar die Kupferdächer von Kirchen. Heute kann man sich nicht mehr vorstellen, welche Werte, auch unersetzbare Kunstwerke, damals verloren gegangen sind.

Die Kirchenglocken mussten in Meldebögen erfasst werden und wurden in vier Kategorien eingeteilt. Die Glocken der Kategorie A, meist nach der Mitte des 19. Jahrhunderts gegossen, waren sofort abzuliefern und wurden eingeschmolzen. Ältere Glocken stufte man je nach künstlerischem Wert als B- oder C-Glocken ein. Nur die Glocken von „überragendem Wert“, Kategorie D, durften zunächst auf den Türmen bleiben. Der damalige Schweriner Museumsdirektor Dr. Walter Josephi war als Landes-Kunstsachverständiger des Großherzoglichen Ministeriums in Mecklenburg für die Einstufung der Glocken und weiteren kirchlichen Inventars zuständig. Dr. Adolf Emge, Hofmusikdirektor und Organist der Paulskirche, wurde zum „Erachten des Musikwerts“ aufgefordert.

In Paragraph 8 des Regierungserlasses vom 17. März 1917 wurde für die Glocken ein Entgelt als Entschädigung festgesetzt. Danach sollten die Gemeinden das Geld auf Sparbüchern so anlegen, dass nach dem Krieg davon neue Glocken angeschafft werden könnten. Ein Beispiel: Die kleine Dorfkirche in Barnin bei Crivitz, 1869 geweiht, lieferte eine von zwei Glocken ab und erhielt dafür 776 Mark, für 30 Kilogramm Zinnpfeifen aus der Orgel wurden der Gemeinde 224 Mark gutgeschrieben. Doch nach dem verlorenen Krieg und der Inflation war von dem Geld nichts mehr übrig! Die Stadtkirche Crivitz musste 1917 zwei von vier Glocken abliefern. Erst Mitte der 20er Jahre hatte die Gemeinde das Geld für zwei neue Glocken wieder zusammen.

Das volle Geläut bleib nicht lange erhalten, denn im 2. Weltkrieg griff das Naziregime auf die Methode von 1917 zurück und beschlagnahmte Kirchenglocken in großer Zahl für die Schmelzöfen der Kriegsindustrie. Der Crivitzer Propst Lehnhardt konnte trotz aller Gegenwehr im März 1942 den Abtransport der großen Glocken nicht mehr verhindern, der Kirche blieb nur die „Kindtaufglocke“, die kleinste des Geläuts. Es ist ein Glücksfall, dass die sehr wertvolle mittelalterliche Glocke der Gießerei Mönckehagen der Vernichtung entging. Sie fand sich nach dem Krieg mit ca. 15 000 anderen Glocken auf dem „Glockenfriedhof“ in Hamburg-Veddel und kehrte 1949 in die Crivitzer Kirche zurück. Zwei neue große Glocken konnte die Kirchgemeinde Crivitz 2011 gießen lassen. Das Geld dafür war in einer großen Spendenaktion innerhalb von zwei Jahren zusammengekommen. Nun ist das schöne Geläut wieder vollständig, nicht nur zur Freude der Kirchgänger.

Eine neue Kirchenglocke – darum bemühen sich gegenwärtig viele Gemeinden und ihre Fördervereine in größeren und kleineren Kirchen unseres Landes. Denn die alten Wunden, geschlagen in den Kriegen des vorigen Jahrhunderts, sollen endlich geschlossen werden. Und für alle Glocken gilt das Wort von Friedrich Schiller: „Friede sei ihr erst Geläute!“


 

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