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Flucht, Vertreibung und Neuanfang: Ihre Geschichte : Als Pfand zurückgelassen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Erna Klewe aus Ludwigslust bekam die Schrecken der Flucht zu spüren und war nach der Ankunft in Mecklenburg früh auf sich allein gestellt

Ich wurde im April 1936 als drittes von sechs Kindern in Reetz/Neumark in Hinterpommern geboren. Mein Vater wurde noch im Februar 1945 zum Volkssturm eingezogen und wir haben ihn nicht wieder gesehen. Ich vermisse ihn heute noch.

Im April 1945 ist meine Mutter mit fünf Kindern, darunter ein behindertes, hochschwanger mit dem sechsten Kind, mit unserer armamputierten Oma und der Schwester unseres Vaters mit Pferd und Wagen geflüchtet. Auf der Oderbrücke bei Stettin wurde der Treck von Tieffliegern beschossen. Viele Tote lagen im Straßengraben. Im Mai 1945 kamen wir im Kreis Schwerin an und wurden in einem Dorf bei einem Großbauern in einer Feldscheune „untergebracht“. Wagen und Stroh waren unser Nachtlager.

Erst waren die Amerikaner als Besatzer im Dorf, dann die Russen. Ein russischer Kommandant hat dafür gesorgt, dass wir bei einem anderen Großbauern eine Stube zugewiesen bekamen – ein kleiner Raum für sechs Personen mit Toilette auf dem Hof. Unsere Oma und Tante bekamen ein Quartier im Schweinestall. In der Futterküche wurden zwei Betten aufgestellt. Im Juni 1945 ist das Baby geboren. Ein kleines Mädchen, das aber nur acht Wochen gelebt hat. Unsere Mutter hatte keine Nahrung. Eine zweite Schwester, das vierte Kind, ist mit neun Jahren 1947 gestorben.

Ich bewundere meine Mutter und ziehe den Hut vor ihr – aber wie es in ihr aussah, das wissen wir nicht. Sie hat nie darüber gesprochen. Beim Bauern hat sie 20 Kühe gemolken, dafür bekam sie ein Kochgeschirr voll Milch. Wir Kinder haben Ähren gesammelt und Kartoffeln, Äpfel und Hühnereier gestohlen, damit wir etwas zu essen hatten.

Gerne gesehen waren wir Flüchtlinge nicht. Die Einheimischen hatten Angst, etwas abgeben zu müssen. Aber sie wussten auch nicht, was Hunger heißt. 1953 ist der Bauer mit Familie in den Westen gegangen. Meine Mutter musste Haus und Hof verlassen, stand mit leeren Händen in der Fremde da, ohne Mann und mit vielen kleinen Kindern. Wir Kinder wurden dann irgendwann in der Dorfschule eingeschult. 1951 habe ich die achte Klasse verlassen und konnte bis 1953 die neunte und zehnte Klasse in Schwerin mit guten Noten beenden.

Da meine Mutter keine Einkünfte hatte, außer für jedes Kind 35 Mark, musste ich mir eine Arbeitsstelle suchen. Eine vernünftige Wohnung hatten wir nicht in Aussicht. Da fasste meine Mutter den Entschluss, 1955 mit der ältesten, behinderten Schwester und dem jüngsten Bruder in den Westen zu gehen.

Sie sind über Westberlin nach Hamburg. Wurden in Hamburg-Wandsbeck in einem Lager untergebracht. Vier Familien in einem Raum, nur durch Decken als Sichtschutz geteilt. Zwei Jahre haben sie dort gelebt. Meine behinderte Schwester hat dort sauber gemacht und ist einmal die Woche von Zimmer zu Zimmer und hat um Almosen gebettelt, damit sie Lebensmittel kaufen konnten. Ich habe sie einmal besucht, aber mir geschworen: hier kriegen mich keine zehn Pferde her – im Westen ist nicht alles Gold was glänzt.

Da eine Flucht in den Westen gefährlich war, hat meine Mutter mich sozusagen als Pfand zurückgelassen. Als ich diese Tatsache wahrgenommen habe, wäre ich am liebsten gestorben. So bin ich meinen Weg allein gegangen.

Krieg ist das Schlimmste, was es gibt auf der Welt – aber niemand zieht Lehren daraus. Die Machthaber brauchen ja nicht durch die Hölle zu gehen. Nachempfinden kann nur der, der all dieses Elend am eigenen Leib erfahren hat.

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erstellt am 12.Jul.2016 | 14:20 Uhr

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