Ära der Petroleumlampen : Als in Boizenburg das Licht anging

In diesem Schaufenster wurde Anfang des 20. Jahrhunderts noch eine große Auswahl von Petroleumlampen gezeigt. Doch das Ende der Ära war bereits in Sicht.  Repro: Will
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In diesem Schaufenster wurde Anfang des 20. Jahrhunderts noch eine große Auswahl von Petroleumlampen gezeigt. Doch das Ende der Ära war bereits in Sicht. Repro: Will

Ohne Elektrizität zu leben, kann man sich heute kaum vorstellen. Elektrisches Licht, Elektroherde, Kühl- und Gefrierschränke, Waschmaschinen und viele andere nützliche Geräte hatten frühere Generationen nicht.

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11. Dezember 2013, 19:02 Uhr

Ohne Elektrizität zu leben, kann man sich heute kaum vorstellen. Elektrisches Licht, Elektroherde, Kühl- und Gefrierschränke, Waschmaschinen und viele andere nützliche Geräte hatten frühere Generationen nicht.

Im Boizenburger Krankenhaus wurde beim Licht von Petroleumlampen operiert. In einem Brief vom 23. Februar 1880 schrieb die Krankenwärterin M. Habermann an den „verehrlichen“ Magistrat: „Während des Winters verbrauche ich täglich auf dem Flur und in den Krankenzimmern mindestens 2 Pfund Petroleum à 15 Pfennige, sind Schwerkranke da, gebrauche ich noch mehr. Die Petroleum1ampe, welche bei Operationen gebraucht wird, erfordert 1 Pfund Öl.“

Der Boizenburger Fotograf Hans Karwatky (1866-1911) konnte nur bei Tageslicht fotografieren. In einem Inserat vom 24. Dezember 1895 gab er bekannt: „Portrait-Aufnahmen bei jedem Wetter, geöffnet von morgens 9 Uhr bis Dunkelwerden“. In einem von ihm geschriebenen, am 11. und 13. Mai 1904 veröffentlichten Feuilleton „Ut uns leiw Meckelnborg – Erläwtes un Erfurtes, Vergätnes un Vermurtes – Ut’n lütt Stadt“ erwähnt er die Petroleumlampen: „... uns ollen Petroleumfunzeln blaken wie lütte Schosteins“.

Aber auch die Ära der Petroleumlampen nahm ein Ende. 1903 1ieß der Mühlenbesitzer Ludwig Hinselmann (1850-1926) an der Rückseite der Außenmühle ein Turbinenhaus mit Generator als erstes Boizenburger Elektrizitätswerk bauen. Das war auch Gesprächsthema, wenn sich hiesige Handwerksmeister und Gewerbetreibende in der Gaststätte am Stammtisch trafen. Laut Überlieferung fiel dabei die Bemerkung: „AEG siebzig Komma sechs“. Das bedeutete Altes Evangelisches Gesangbuch, Lied Nr. 70, Vers 6. Dieser endet: „Halt’t Eure Lampen fertig und seid stets sein gewärtig, er ist schon auf der Bahn“.

Am 21. Juli 1903 konnte man in der „Elb-Zeitung“ lesen: „Im Rathause ist man zur Zeit mit der Anlage zur elektrischen Beleuchtung beschäftigt. Dieselbe wird in allen Teilen einen ansprechenden Eindruck machen und dem Inneren des Gebäudes zur besonderen Zierde gereichen.“

Eine weitere gute Nachricht brachte die „Elb-Zeitung“ am 16. Oktober 1903: „Voraussichtlich wird heute die elektrische Beleuchtung unserer Stadt beginnen und wird dieses Ereignis allseits mit Freuden begrüßt“. Bis dahin hatte es folgende Vorschrift laut „Feuer-Polizei-Reglement für die Stadt Boizenburg“ gegeben, bestätigt und unterschrieben von Großherzog Friedrich Franz II. am 9. Oktober 1845,
§ 27: „Entsteht in der Nacht ein Feuer, so sind die im Spritzenhause aufzubewahrenden großen Laternen sofort anzuzünden. Alle Eigenthümer der Häuser in der Nähe der Brandstelle, so wie die in den Straßen, durch welche das Feuer geführt wird, sind verpflichtet, Lichter vor die Fenster zu stellen und durch solche die Straße zu erhellen“.

Gleichzeitig teilte die „Elb-Zeitung“ 1903 mit: „Vorläufig sind es nur die Straßenlampen, die Licht geben werden; in kurzer Zeit, wenn die Anlagen in den Stadt- und privat an Gebäuden fertiggestellt sind, wird auch für diese der Betrieb aufgenommen werden.“ Als erster Handwerker der Elbe-Stadt bezog Tischlermeister W. Hevecke Ende 1903 Kraftstrom. In seiner Werkstatt liefen zwei Hobelmaschinen, eine Kreis- und eine Bandsäge, eine Bohr- und eine Schleifmaschine. Dadurch konnte die Produktivität um das Drei- bis Vierfache gesteigert werden.

Laut Vertrag vom 27. April 1903 mit dem Boizenburger Magistrat stand diesem ein Mitbestimmungsrecht bei der Preisfestsetzung für gelieferten elektrischen Strom während der ersten fünf Jahre (1903-1908) zu. Am 10. März 1911 berichtete die „Elb-Zeitung“: „Die Starkstromanlage des Mühlenbesitzers Hinselmann wird nun bald die langersehnte Ausdehnung ihres Betriebes auf den bei dem Staatsbahnhof gelegenen Stadtteil empfangen. Die Stangen für die Leitungen sind schon gestellt. Damit wird dann auch der vielbenutzte bisher völlig unbeleuchtete Weg nach dem 2 km entfernten Staatsbahnhof eine angemessene Beleuchtung erhalten.“

Damals erfolgte die Kraftübertragung von der Dampfmaschine auf die Dynamovorlegewelle durch Hanfseile. Das geschah auch noch im Jahre 1920. In der „Elb-Zeitung“ vom 16. Dezember 1920 informierte L. Hinselmann die Leser: „...Diese dehnen sich im Laufe der Jahre und müssen dann von einem Fachmann gekürzt und neu gespleißt werden. Diese Kürzung wurde vor einigen Wochen von einem Hamburger Spleißer vorgenommen. Nach kurzer Zeit riß eines dieser gekürzten Seile... Nachdem das erste Seil gerissen war, sind sofort drei neue Seile bei der Seilfabrik bestellt. Reserveteile werden nirgends in Reserve gehalten, da solche jahrelang halten. Gestern abend ist das erste neue und heute die weiteren zwei neuen Seile durch einen Spleißer aus Bremen montiert und ist anzunehmen, daß das Licht einwandfrei funktionieren wird.“

Ab 1. Dezember 1920 erhöhte L. Hinselmann die Strompreise und begründete dies mit der Verteuerung durch Kohlen und Löhne. Am 1. Oktober 1921 übernahm die Stadt das Hinselmannsche Elektrizitätswerk. Wer eine Petroleumlampe aufbewahrt hatte, konnte während des Zweiten Weltkrieges die Zeiten der Stromsperre damit etwas erhellen und fühlte sich zurückversetzt in die stromlose Zeit.



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