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Flucht, Vertreibung, Neuanfang : Als die Verteilungskämpfe begannen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Flüchtlinge waren nach dem Krieg auf finanzielle Hilfe angewiesen

svz.de von
erstellt am 29.Jul.2017 | 00:00 Uhr

Es ist nicht einfach, sich die Situation in Deutschland nach 1945 vorzustellen. Zu verstehen, wie das Leben war, nachdem plötzlich all die Millionen Flüchtlinge kamen. Tatsächlich war die Integration der Vertriebenen ungeheuer schwierig. Schließlich war die deutsche Gesellschaft komplett zusammengebrochen. Die Städte waren zerstört, allgegenwärtiger Mangel prägte den Alltag. In dieses Chaos hinein stießen die Vertriebenen. Gezeichnet von Erschöpfung, Krankheit, schlimmen Erlebnissen und nur mit dem, was sie auf dem Leib trugen.

Das war für die Alteingesessenen, die selbst ums Überleben kämpften, zu viel. Trotz der Hilfsbereitschaft vieler Menschen kam es schon bald zu Verteilungskämpfen.

Das Problem konnte die Bevölkerung nicht alleine lösen. Die Politik war gefragt. In den westlichen Besatzungszonen errichtete man beispielsweise vielerorts sogenannte Nissenhütten. Das waren einfache Unterkünfte aus Wellblech und Ziegelsteinen, die beheizbar waren. In den 50er- und 60-er Jahren entstanden in der Bundesrepublik dann viele Neubausiedlungen.

Unbeweglicher in Sachen Wohnraumpolitik zeigte sich die Sowjetische Besatzungs-zone, obwohl diese mit vier Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen den größten An-teil von Menschen aufnehmen musste. Wohnungsneubau war in der DDR kaum möglich. So setzte man gleich nach dem Krieg und auch nach 1950 auf die Umverteilung bereits bestehenden Wohnraums. Einzig das Neubauernprogramm und die Errichtung von 95 000 Häusern kam Vertriebenen und Einheimischen zugute. Allerdings hatte man für die Neubauten zuvor bereits bestehenden Wohnraum, nämlich hunderte Gutshäuser, abgerissen. Für die Vertriebenen gab es eine Zeit lang den „Wohnbedarfkredit“ und somit bis zu 1000 Mark pro Haushalt für Mobiliar und Hausrat. Hinsichtlich der finanziellen Unterstützung von Flüchtlingen sah es nicht besser aus. Unmittelbar nach dem Krieg versuchten Besatzungsmacht und SED noch, die Notlage der Vertriebenen mit besonderer Sozialfürsorge aufzufangen. Arbeitsunfähige und Bedürftige erhielten eine einmalige Finanzunterstützung in Höhe von 300 Reichsmark für Erwachsene und je 100 Reichsmark für deren Kinder. Ausgeschüttet wurden bis 1949 in der Sowjetischen Besatzungszone über 400 Millionen Mark für diese Vertriebenensoforthilfe. Beinahe jeder zweite Vertriebene bekam eine Unterstützung.

Doch in der DDR blieb es bei dieser Einmalzahlung. Anders sah es in Westdeutsch-land aus. Hier wurde seit dem Soforthilfegesetz von 1949 eine ähnliche „Unterhaltshilfe“ fortlaufend gewährt. Das waren bis 1952 etwa 4,2 Milliarden Mark.

Als größte sozialpolitische Transferleistung vor der Wiedervereinigung 1990 gilt das Lastenausgleichsgesetz, das 1952 auf den Weg gebracht wurde und die teilweise finanzielle Entschädigung der Vertriebenen regelte. Jene Deutschen, denen trotz des Krieges ansehnliches Vermögen verblieben war, hatten in 120 vierteljährlichen Raten die Hälfte dieses Vermögens abzugeben zugunsten jener, die durch Vertreibung ihr Eigentum verloren hatten. Das Ganze zog sich also über 30 Jahre hin. Fraglos stieß das Lastenausgleichgesetz nicht auf Begeisterung der einheimischen Bevölkerung. Im Gegenteil. Die meisten bezahlten die Abgabe nur widerwillig. Dennoch war die Belastung für die Westdeutschen relativ gering. Dank der brummenden Wirtschaft konnten sie die Summe meist aus Zinsen und Grundstückserträgen finanzieren.

Trotz der katastrophalen Voraussetzungen gelang die Integration der Flüchtlinge besser als gedacht – und das in der DDR sowie in der Bundesrepublik.
 

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