Kritik an Kirchenbuße : Als die Sünderbank leer blieb

In diesen Kirchenbänken saßen die ehrbaren Leute – wer gefehlt hatte, musste für alle sichtbar ins Abseits auf die Sünderbank.
1 von 2
In diesen Kirchenbänken saßen die ehrbaren Leute – wer gefehlt hatte, musste für alle sichtbar ins Abseits auf die Sünderbank.

Herzog Christian Ludwig wandte sich im 18. Jahrhundert gegen die öffentliche Kirchenbuße

svz.de von
21. Oktober 2017, 00:00 Uhr

„Du sollst nicht ehebrechen“ lautet das sechste Gebot. Wer dagegen verstieß, musste lange damit rechnen, in der Öffentlichkeit bloßgestellt zu werden – zum Beispiel im Gottesdienst seiner Kirchgemeinde. Deshalb war es etwas völlig Neues, als Herzog Christian Ludwig zu Mecklenburg am 27. April 1753 die „Abstellung der Kirchenbuße der Übertreter des sechsten Gebots“ verfügte und eine entsprechende Landesverordnung veröffentlichen ließ.

So mancher Zeitgenosse dürfte erleichtert aufgeatmet haben. Denn der strenge Moralkodex, der auf die Sünderbank in der Kirche führte, betraf nicht nur den eigentlichen Ehebruch, sondern auch nichteheliche sexuelle Kontakte. Solche Vergehen, so sie an die Öffentlichkeit kamen, wurden beim Gottesdienst vom Geistlichen der Gemeinde verkündigt. Die Delinquenten wiederum hatten ein öffentliches Sündenbekenntnis abzulegen, in dem ihre Einsicht und künftige Besserung offenbar wurde. Erst dann konnten sie die Absolution empfangen und nun mit den übrigen Gemeindemitgliedern, doch gewöhnlich als Letzte, am Abendmahl teilnehmen. Außerdem war eine Geldstrafe an die Kirche zu zahlen. Noch 1708 hatte Herzog Friedrich Wilhelm die Einrichtung einer Sünderbank in jeder Kirche befohlen, auf welcher der Sünder dann die geforderte Abbitte zu leisten hatte.

Herzog Christian Ludwig war dagegen zu der Erkenntnis gekommen, dass die Kirchenbuße „dem Laster der Unzucht nicht gewehret, noch überhaupt der damit abgezielte gute Endzweck erreichte werde“. Im Gegenteil: Der Herzog begründete seine Verordnung damit, dass oft noch größere Verbrechen die Folge seien, sollte jemand versuchen, der Kirchenbuße zu entgehen. Damit bezog er sich auf das Verbrechen des Kindsmords, ein Mittel, mit dem sich „zum öftern leichtfertige aus unzüchtigem Beyschlaf gebährende Persohnen ... versündigen“ würden.

Die Kirche von Wulfsahl:  Eine funktionierende Dorfgemeinschaft, zusammengehalten durch die Kirchgemeinde, war wichtig.
Hennies
Die Kirche von Wulfsahl: Eine funktionierende Dorfgemeinschaft, zusammengehalten durch die Kirchgemeinde, war wichtig.
 

Aus diesem Grund schaffte der Herzog Sünderbank und öffentliche Kirchenbuße „in allen Fällen unerlaubter fleischlicher Vermischung von nun an gänzlich und für stets“ ab, um größere Übel zu verhindern. Alle Superintendenten und Prediger in den Städten und auf dem Lande wurden angewiesen, sich nach dieser Verordnung „aufs genaueste für die Zukunft“ zu richten.

Das bedeutete jedoch lange nicht, dass jeder nach Lust und Laune schalten und walten konnte. Die strengen Moralvorstellungen blieben bestehen – auch wenn die Strafe der Kirchenbuße nicht mehr verhängt wurde. Der Herzog empfahl den Geistlichen stattdessen, die „Sünder“ ohne das „äusserliche öffentliche Buß-Sitzen, zum Beicht-Stuhl und Abendmahl“ anzunehmen, vorausgesetzt, sie hatten wahre Zeichen einer inneren Buße spüren lassen, Besserung gelobt und die herkömmliche Gebühr an den Beicht-Vater entrichtet.

Der Herzog dachte realistisch und offensichtlich wirtschaftlich. Wir wissen nicht, wie oft ein Fehltritt in den Gottesdiensten öffentlich wurde. Die soziale Gemeinschaft im Dorf war eine existentielle Grundlage für die Leistungen der Landbewohner. War der soziale Frieden wiederholt gestört, blieben Auswirkungen auf Arbeitsleistungen und Abgaben nicht aus. Daran konnte der Herzog kein Interesse haben. Moral-erzieherische Sanktionen erwirkten offensichtlich gegenteilige Effekte, so dass durch des Herzogs Verordnung die rügenden Worte des Pfarrers in das eher private Umfeld des Pfarrhauses verlagert wurden. Die Strafgebühr blieb bestehen. Als Fazit bleibt zu sagen: Die christlichen Werte galten für die meisten Menschen weiterhin unstrittig. Es zeigt sich mit der zitierten herzoglichen Verordnung aber, dass im 18. Jahrhundert ein allmählicher Wandel im Umgang zwischen den Geschlechtern, in den Beziehungen der Dorfgemeinschaft und in der christlichen Werteannahme durch die Gläubigen stattfand.

Das bedeutet: Außerehelicher Sexualverkehr fand häufiger statt, gleichzeitig rückte dies in der Wahrnehmung aber mehr in die Privatsphäre: Der Seitensprung wurde eine Angelegenheit der betroffenen Personen und nicht mehr des gesamten Dorfes. Die Ahndungen von Verstößen mussten in eine andere Form umgewandelt werden, um Schlimmeres – wie zum Beispiel Kindsmord oder Unfrieden unter den Dorfbewohnern – zu vermeiden. Auch dem Herzog war es nicht verborgen geblieben: Die Menschen und ihre Beziehungen veränderten sich.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen