Boizenburger Elb-Zeitung : Als die Bilder laufen lernten

In der Gaststätte Flora-Garten fanden Stummfilmvorführungen statt.  Repro: Will
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In der Gaststätte Flora-Garten fanden Stummfilmvorführungen statt. Repro: Will

Vom Foto bis zum Tonfilm war es eine kontinuierliche Entwicklung – aus dem Archiv der Boizenburger Elb-Zeitung ist sie abzulesen

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26. November 2015, 10:54 Uhr

Im Jahre 1839 stellte Louis Daguerre in Paris seine Erfindung vor. Schon bald darauf machten reisende Daguerrotypisten das Verfahren auch in Mecklenburg bekannt. Der Mechanicus J.J. Bachmann aus Zürich warb im „Boizenburger Wochenblatt“ Nr. 45 vom 27. November 1841 während eines kurzen Aufenthalts in der Elbe-Stadt um Kunden. Er bot Daguerrotyp-Apparate zum Kauf an und „gegen ein billiges Honorar“ Unterweisung in deren Behandlung.

Drei Jahre später kam Hofopticus D. Kohn aus Schwerin auf der Durchreise nach Boizenburg. Im „Boizenburger Wochenblatt“ Nr. 32 vom 20. April 1844 informierte er, dass er Apparate zur Anfertigung Daguerroscher Lichtbilder dabei habe und beim Verkauf einen jeden ohne Vorkenntnisse lehre, Lichtbilder zu machen.

Einige Jahrzehnte später faszinierten bereits „lebende Photographien“ die Menschen. Die „Elb-Zeitung“ Nr. 80 vom 5. Oktober 1897 kündigte „das größte Wunder dieses Jahrhunderts“ an. In dem Bericht vom 8. Oktober 1897 erfährt der Leser, dass die von Direktor Rothenburg vom Hansa-Theater in Hamburg mit dem Kinematographen vorgeführten lebenden Photographien allseitiges Interesse fanden. Zu jedem Bild gehörte eine große Serie von Bildern, welche sich auf einem 50 Meter langen Streifen befanden und die in so schneller Folge gezeigt wurden, dass sie „den Eindruck des vollen Lebens und der Wirklichkeit hervorriefen“.

Die Boizenburger Ortsgruppe des Deutschen Flottenvereins veranstaltete am 5. März 1904 eine abendliche Vorführung neuester lebender Photographien aus dem Bereich der Kriegs- und Handelsflotte. Die „Elb-Zeitung“ empfahl den Besuch der Vorführung und schloss die Information mit den Worten: „Selbstverständlich befinden sich alle Schiffe in voller Fahrt und gleiten an dem Auge des Beschauers wie in der Wirklichkeit vorüber.“

Einige Jahre danach faszinierten Stummfilme die Menschen. In Boizenburg, das1914 nur 4239 Einwohner hatte, fanden die Stummfilm-Vorführungen zunächst in der Gaststätte „Flora-Garten“ unter dem Namen „Boizenburger Lichtspieltheater“ statt. Im 1. Weltkrieg zeigte man Neues vom Kriegsschauplatz, am 7. März 1915 lief die Abendvorstellung „Ein Wiedersehen in Feindesland“. Das Programm wurde als „Kriegsepisode aus den heutigen Tagen in drei Akten“ angekündigt.

In den Nachkriegsjahren wurden Stummfilme im Schützenhaus unter dem Namen „Welt-Kino“ und in Hesses Gasthaus am Markt unter dem Namen „Zentral-Theater“ aufgeführt. Manche Programm-Ankündigungen enthalten den Zusatz „Tadellose Musik, warmer Saal“. Am Wochenende und an Feiertagen fand nach der Film-Vorführung ein „Freies Tanzkränzchen“ statt. Am 16./17. Oktober 1920 lief der dritte Teil des Films „Die Herrin der Welt“. In der Ankündigung heißt es: „Auch diese III. Abteilung spielt in China, daher riesig interessant. Jeder Besucher, wenn er auch die ersten Abteilungen nicht gesehen, begreift sehr leicht“. Ab Ende Juli 1925 zeigte das „Welt-Kino“ zusätzlich zum Programm auch „Reklame-Diapositive“.

Am 21. August 1920 wurde der Film „Schnobby’s Brautfahrt“ vom Welt-Kino mit dem Hinweis angekündigt: „Durch eine Neuheit sind von jetzt an die Bilder von hervorragender Schönheit und Klarheit. Wenn dies mir auch große Unkosten verursachte, so sehe ich vorläufig noch von einer Preiserhöhung ab. Extra große Künstlermusik zu diesem Film. Um den großen Andrang am Sonntag zu entlasten, bitte ich möglichst schon am Sonnabend zu kommen“. Die Stummfilme waren damals eine willkommene Abwechslung und hatten viele Zuschauer.

Für den Lichtspieltheater-Besuch von Jugendlichen galten besondere Vorschriften. Darüber informiert die „Elb-Zeitung“ vom 23. November 1920: „Aus Anlass von Vorkommnissen ist darauf hinzuweisen, daß auch Jugendliche über 16 Jahre nicht ohne Einschränkung zu den für Erwachsene stattfindenden Vorstellungen zugelassen werden dürfen. Nach dem Erlaß vom 2. November 1920 dürfen Kinder unter 6 Jahren überhaupt nicht zur Vorführung von Bildstreifen und Jugendliche unter 16 Jahren nur zur Vorführung solcher Lichtspiele zugelassen werden, die für Kinder besonders veranstaltet werden ...“

Der erste Tonfilm lief in Boizenburg am Sonntag, 30. November 1930, im „Welt-Kino“, dem Saal des Schützenhauses. Gezeigt wurde der Film „Das lockende Ziel“ mit Richard Tauber. Über den Verlauf der ersten beiden Vorführungen war man außerordentlich zufrieden. Es klappte alles vorzüglich. Auch die Musikübertragung war tadellos. So erfuhren die Leser der „Elb-Zeitung“ am 9. Oktober 1931: „Der neu eingebaute Lautsprecher gewährleistet eine ausgezeichnete einwandfreie Tonwiedergabe.“ Im Beiprogramm wurde die tönende Wochenschau gezeigt.

Als 1932 das Kino in der Reichenstraße mit dem Namen „Boizenburger Lichtspiele“ mit den Filmvorführungen begann, hörten die Gaststätten damit auf. Nach Umgestaltung des Saals wurde das Kino 1936 in „Kammerlichtspiele“ umbenannt. So vergingen die ersten hundert Jahre nach Erfindung der Fotografie. Das einige Jahre geschlossene Kino in der Reichenstraße wurde nach einem Umbau am 13. Dezember 2002 wieder eröffnet.

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