Findlingsgärten : Als der Stein ins Rollen kam

Durch die Feldbearbeitung und durch den Wechsel der Temperaturen im Boden „wachsen“ Steine aus dem Boden.
Durch die Feldbearbeitung und durch den Wechsel der Temperaturen im Boden „wachsen“ Steine aus dem Boden.

Seit der Wende 1989/90 schießen Findlingsgärten wie Pilze aus dem Boden.

svz.de von
16. Februar 2018, 00:00 Uhr

Von wegen armes Mecklenburg-Vorpommern! Dieses Land ist steinreich. Auf ganzer Fläche verstreut befinden sich imposante Schätze, die so lange vor sich hin schlummern, bis jemand den Stein ins Rollen bringt. Und es gibt immer jemanden, der dies tut. Der die Kolosse zusammenrollt. Schildchen an ihnen befestigt und dafür sorgt, dass Menschen von ihnen erfahren. Zum Glück, denn ohne diesen Jemand gebe es keinen einzigen Findlingsgarten in MV.

Es sind die Hobby-Geologen und Steinfreunde, die sich als Einzelkämpfer oder in Vereinen organisiert um die stummen Zeugen der Eiszeit kümmern. Der erste Findlingsgarten in Mecklenburg-Vorpommern erblickte 1987 das Licht der Welt. Angelegt von der Gesellschaft für Natur und Umwelt bei Prälank, südwestlich von Neustrelitz. Mittlerweile gibt es nach Angaben des Landesamtes für Umwelt, Naturschutz und Geologie in Güstrow 26 Findlingsgärten. Die meisten davon wurden in den vergangenen 20 Jahren angelegt. Das liegt daran, dass seit der Wende 1989/90 zahlreiche stumme Zeugen der Eiszeit ans Licht gekommen sind, etwa beim Bau der Au-tobahnen. Zu den Findlingsgärten gesellen sich in MV noch drei Findlingslehrpfade und einige Naturlehrpfade, auf denen sich weitere Riesen räkeln. Geologische Naturdenkmäler schlummern auch in den Seen. Großer Stein heißt beispielsweise ein Riese mitten im Schweriner Innensee, der von den Wassersportlern respektvoll umschifft wird. Der größte Findlingsgarten im Norden befindet sich vor den Toren Rostocks in Lichtenhagen. Er misst anderthalb Fußballfelder und bietet Platz für mehr als 1000 Steine, von denen einige Millionen Jahre auf dem Buckel haben. Sie alle unterscheiden sich in Größe und Zusammensetzung, doch ihre Heimat ist dieselbe – Skandinavien und der Ostseegrund. Die Eiszeiten holten Steine aus den Tiefen der Erdkruste an die Oberfläche und schoben sie in gigantischen Gletschern in unsere Breitengrade. Obwohl die Gletscher der letzten, der Weichseleiszeit, die vor 10 000 Jahren zu Ende ging, nicht mehr so weit vorstießen, formten ihre gewaltigen Schmelzwasserströme unsere Region. In den Findlingsgärten des Landes wird diese erdgeschichtliche Epoche lebendig. Gärten wie der in Lichtenhagen taugen daher besonders gut als Freiluftklassenzimmer. Eine große Anziehungskraft besitzt die Steinsammlung in Schwichtenberg mit 2100 Findlingen. Präsentiert werden diese in einem der Aktionszentren des Nationalen Geoparkes „Mecklenburgische Eiszeitlandschaft“. Dazu gehört ein begehbares Labyrinth aus 666 Findlingen sowie die Nachbildungen von Großsteingräbern und Steinkreisen. Um tonnenschwere Überbleibsel dreht sich ebenfalls alles im Findlingsgarten Carwitz in der Feldberger Seenlandschaft. Dort kam es zu steinharten Auseinandersetzungen, als Bürgerinitiativen einen geplanten Kiesabbau verhinderten und stattdessen einen Findlingsgarten anlegten. Ein beeindruckendes Exemplar, das rund zwei Milliarden Jahre alt und 20 Tonnen schwer ist, tauften sie auf den Namen „Der Hüter“. Die größten Steine ordneten die emsigen Carwitzer in den Umrissen eines überdimensionalen Mammuts an, um damit an die Eiszeit zu erinnern.

Übersicht der Findlingsgärten in MV unter www.lung.mv-regierung.de

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