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Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : Als der Himmel schwarz von Flugzeugen war

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Helmut Prosenc rettete als 13-Jähriger seine Mutter und die vier Geschwister

Da kommt ja unser Lebensretter! Diese Worte hörte Eveline Prosenc oft, wenn sie mit ihrem Mann Helmut ihre Schwiegermutter besuchte. In der Tat hatte ihr Helmut als Dreizehnjähriger seine Familie vor einem furchtbaren Schicksal bewahrt. Was sich damals, im Jahr 1944, zugetragen hat, hat Eveline Prosenc aufgeschrieben. Ihr Mann ist inzwischen verstorben. Ihm zuliebe stellt die Schwerinerin die Geschichte zur Verfügung.

Helmut und seine Mutter hatten es geschafft. Von Ostpreußen waren sie 1944 nach Bayern geflohen. In Straubing hatten sie eine Bleibe gefunden. Täglich ging der Junge los, um für seine Mutter und seine vier Geschwister, darunter ein sechs Monate altes Baby, etwas zu essen aufzustöbern. Geduldig reihte er sich mit Lebensmittelmarken in die langen Schlangen vor den Geschäften ein. Helmut entpuppte sich als guter Geist der Familie. Er half der Mutter, wo er konnte. Auch heute war er wieder unterwegs. Er sah zum Himmel und fragte sich, wie oft wohl wieder Fliegeralarm sein würde. In den letzten Tagen heulten die Sirenen bis zu fünfmal täglich. Stundenlang verbrachten sie in den Luftschutzkellern. Die Menschen waren es leid, immer wieder in den oft weit entfernt liegenden Keller zu gehen. Auch Helmuts Mutter hatte beschlossen, das nächste Mal in der Wohnung zu bleiben. Die kleineren Kinder und das Baby kamen im Keller nicht zur Ruhe, es war jedes Mal eine Tortur für sie.

Am späten Nachmittag heulten wieder die Sirenen: Fliegeralarm! Helmut sah zum Himmel und erschrak. Er war schwarz von Flugzeugen. Heute war es anders als sonst, das spürte er. Der Gedanke, dass die Mutter mit den Kindern nicht in den Keller gehen wollte, durchzuckte ihn. Er rannte nach Hause. Das Baby und der zweijährige Bruder schliefen schon. Die Mutter wollte sie nicht wecken. Sie war müde und kraftlos von den täglichen Anstrengungen und Sorgen.

Helmut jedoch gab nicht auf, er zog die Kleinen an, legte das Baby in den Wagen, setzte den Kleinen dazu und überzeugte die Mutter. So schnell sie konnten, strebten sie dem Keller zu. Dort saßen die Menschen dicht gedrängt auf Holzbänken. Es war ein ohrenbetäubender Lärm, ein Beben und Zittern. Die Kinder weinten. Die Erwachsenen standen da, stumm vor Angst, manche beteten laut zu Gott.

Nach einer endlosen Zeit wurde die Tür aufgerissen und der Luftschutzwart sagte mit halberstickter Stimme, man könne nun den Keller vorsichtig verlassen. Hustend, voller Staub und Dreck, wankten die Menschen nach draußen. Aber welch ein Anblick bot sich ihnen? Dort, wo einmal die Straße war, befanden sich jetzt rauchende Krater und Schlünde. Die Häuser brannten. Mit dem Kinderwagen war kein Durchkommen. Die Mutter nahm das Baby auf den Arm, Helmut den kleinen Rudi. Die beiden Schwestern hielten sich an Mutters Rock fest.

Mit panischer Angst und Entsetzen kletterten Helmut und die anderen über Geröllberge. Alles sah so schrecklich anders aus. Sie waren noch nicht weit gekommen, da trafen sie ihren Vermieter. Der teilte ihnen mit, dass von ihrem Haus nur noch ein großer Krater übrig war. Helmut sagte: „Oh Gott, Mama, da haben wir ja nun auch noch das Letzte verloren.“ Da drückte die Mutter ihn an sich und sagte: „Lass mal, mein Junge, wir hatten noch Glück, was vielen Menschen heute nicht beschieden war. Wir sind Dank dir noch am Leben!“

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