Weihnachtsfest : Als der Herzog den Nikolaus verbot

Weihnachten um 1890: Jetzt gab es auch in Mecklenburg in fast jedem Haus einen Weihnachtsbaum.
Weihnachten um 1890: Jetzt gab es auch in Mecklenburg in fast jedem Haus einen Weihnachtsbaum.

Mummenschanz mit „Rugklas“ uferte nicht selten aus. Jede Menge Aberglauben rankte sich in Mecklenburg ums Weihnachtsfest.

svz.de von
16. Dezember 2013, 11:24 Uhr

Zu Weihnachten wird natürlich in erster Linie die Geburt Christi gefeiert, aber rings um das Weihnachtsfest ranken sich unendlich viele Geschichten, Vorzeichen, Orakel und Zauberhandlungen, Spuk, Wunder, Gebote und Verbote, Sitten und Bräuche, Ess- und Trinkgewohnheiten, die im alten Mecklenburg von Dorf zu Dorf recht unterschiedlich waren.

Für die Landleute zwischen Parchim, Grabow, Ludwigslust bis nach Neubrandenburg und Güstrow war die Weihnachtszeit wichtig für die Wettervorhersage und die damit verbundenen Ernteaussichten für das nächste Jahr. Das betraf besonders die so genannten zwölf Lostage, also die Nächte von Weihnachten bis zum Drei-Königstag, an denen nach dem Volksglauben die Zukunft gedeutet werden konnte. Zu den Wetterregeln, die heute noch bekannt sind, gehören solche Vorhersagen wie: „Grüne Weihnachten, weiße Ostern“ und „Weihnachten im Klee, Ostern im Schnee“. Milde Tage zu Weihnachten wiederum sollten Kälte im Januar ankündigen.

Weniger bekannt sind dagegen Wetterregeln wie diese: „Hängt Weihnachten Eis an den Weiden, kann man Ostern blühende Zweige schneiden“. Schnee vom Weihnachtsabend, der bis zum nächsten Morgen hängen blieb, verhieß ein gutes Fruchtjahr, lange Eiszapfen deuteten auf langen Flachs und das Wetter an den „Zwölften“ sollte über jeweils jeden Monat des kommenden Jahres Aufschluss geben. Ganz übel war eine windige Silvesternacht, die wenig Hoffnung aufs neue Jahr machte. Es gab also genügend Anregungen, selbst das Wetter vorhersagen zu können.

Auch für den Januar gab es genügend Deutungsvorlagen: „Januar warm – Gott erbarm“ und „Wächst das Gras im Januar, wächst es schlecht das ganze Jahr“ waren gleich zwei Bauernregeln, die vor schlechten Ernteaussichten für den Fall milder Temperaturen am Jahresbeginn warnten.

Wie weit der Aberglaube in Mecklenburg vor etwa 150 Jahren reichte, hat Karl Bartsch in seinem 1880 erschienenen Werk „Sagen, Märchen, Gebräuche aus Mecklenburg“ zusammengefasst und lässt dabei – ähnlich wie Richard Wossidlo – viele Gewährsleute zu Wort kommen. So berichtete ein Landwirt aus Plate bei Schwerin: „Am Weihnachtsabend muss vor Sonnenuntergang sämtliches Geschirr, Feld- und Hausgerät unter Dach gebracht werden, damit Fru Waur demselben nichts tut. Auch müssen nach Sonnenuntergang sämtliche Türen von Haus und Stall verschlossen werden, sonst lässt Fru Waur einen schwarzen Hund hinein, der dort auf ein Jahr Wohnung nimmt und die Bewohner vielfach beunruhigt.“ Fru oder Mudder Waur wurde in Mecklenburg eine weibliche Sagengestalt genannt, die besonders in den „Zwölf Nächten“ mit Hunden und einem Wagen durch das Land zog; wohl abgeleitet von Wodan, dem wilden Jäger, welcher mit seinem Hengst Sleipnir im Sturmwind unterwegs war.

Wie einfach und bescheiden das Weihnachtsfest in Mecklenburg einst begangen wurde, ist aus den Mitteilungen in den „Beiträgen zur mecklenburgischen Heimatkunde“ (Heft 1) zu entnehmen. So berichtete der 94-jährige Schmiedemeister Koch aus Marnitz: „In meiner Schulzeit (1842 bis 1849) gab es nirgends hier Weihnachten einen Tannenbaum. Am Heiligabend legten wir unsere Mützen auf den Tisch und dann legte unsere Mutter Äpfel und Nüsse und Semmelpuppen vom Bäcker hinein. In einem Apfel steckten jedes Jahr zwei Schillinge. Am Heiligen Abend war keine Feier in der Kirche. Diese kam erst bei diesem Pastor auf (seit 1912). Wir sangen dann zu Hause Weihnachtsgesänge. Lichter wurden dabei nicht angesteckt. Um 1850 wurde hier und da ein Tannenbaum geschmückt bei den Reichen. 1860 gab es in allen Häusern dann Weihnachtsbäume. Solange ich weiß, sang man nach dem letzten Blasen der Nachtwächter am Weihnachtsmorgen vor den Fenstern der Leute: Lobt Gott, ihr Christen.“ Dieses Weihnachtslied wurde 1554 gedichtet.

In Wustrow/Fischland erfuhr der Germanist Karl Bartsch , dass hier das Weihnachtsfest in der Nacht von ein bis zwei Uhr gefeiert und von der Kirchenglocke eingeläutet wurde. Die Einwohner standen dann auf, tranken Kaffee und aßen Stollen und legten sich dann wieder schlafen. In der Gegend um Wismar war es Sitte, zu Weihnachten Grünkohl zu essen und in Hohenfelde nahe Bad Doberan gab es in der Weihnachtsnacht Schwarzsauer, eine Art Blutwurst.

Wilhelm Zachow aus Parchim erzählte von seinen Weihnachten um 1860 in Suckow: „Min Vadder wir blos Discher (Tischler), wie künnen uns in min Schauljohren noch keenen Dannenboom maken, blos de Buern hadden eenen, de würd Rosinenboom nennt, wil dat he mit Rosinen behängt wir, de up’n Band treckt wiren, ok Figen würden anhängt. Vor Wihnachten güng de Semmelfru rüm un verköfte „Haaspuppen“, de wiren ut Weitenmehl und Water und wiren anmalt... De Puppen würden ubhängt bet Fastelabend, den würden se in de Melk brokt.“

Dieses Gebäck hatte hierzulande eine lange Tradition und wird in den alten Bräuchen immer wieder erwähnt, so auch bei Karl Bartsch. Lehrer Struck aus Waren wusste Folgendes: „Die Kinjes-Poppen (Kind-Jesu-Puppen), ein Gebäck aus Honig- oder Semmelteig, sind zu Weihnachten bei allen Bäckern zu haben. Männer, Frauen, Hasen, Hirsche, Pferde und vor allen Schweine stellt dieses Gebäck dar.“

Die Aventszeit und Weihnachten in Mecklenburg war – wie auch anderswo – häufig mit allerlei Mummenschanz verbunden und uferte in recht grobe und derbe Schelmereien und Schmähungen aus. Rugklas, was soviel wie rauer Nikolaus bedeutet, kam Furcht erregend in derbem Pelz, in Erbsstroh und Heu gewickelt als Schreckgespenst daher. Es ging so weit, dass Herzog Gustav Adolf am 28. November 1682 in Schwerin ein Edikt herausgab: „Demnach nunmehro die Adventszeit und das darauf folgende Heilige Christ-Fest herbey kombt, da dem gemeinen Gebrauch nach vermummte Personen unter dem Namen des Christkindeleins auff Gassen umbherlaufen, in die Häuser entweder willig eingeruffen werden, oder sich auch in dieselben hineindrängen dergestalt, dass den Kindern eingebildet wird, als wäre es das wahre Christkindlein... so haben wir ...beschlossen, dass solche repräsentativ skandalose mit allen ärgerlichen Zeremonien in unseren Herzogtümern und Landen, bey ernster Strafe gänzlich abgetan und durchaus bei Adel und Unadel verboten seyn soll“.


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