Die Geschichte der Hugenotten : Als Bergholz französisch wurde

In der Bergholzer Kirche feiert die Französisch-Reformierte Gemeinde noch heute regelmäßig Gottesdienste.  Fotos: Grossert
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In der Bergholzer Kirche feiert die Französisch-Reformierte Gemeinde noch heute regelmäßig Gottesdienste. Fotos: Grossert

Kleines Museum erzählt in Bergholz die Geschichte der Hugenotten

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11. März 2016, 09:03 Uhr

Zwischen Pasewalk und Löcknitz liegt auf einer Anhöhe das Dorf Bergholz. Direkt neben der Kirche befindet sich in einem unscheinbaren, zweistöckigen, grau verputzten Gebäude die Heimatstube des Ortes. Die Chefin des Museums, Kerstin Werth, verrät: „Immer, wenn ich Radfahrer an unserem Museum vorbeikommen sehe, gehe ich hinaus und lade sie in unsere Ausstellung ein“. Glück für die Radwanderer, dann hier wird ganz unvermutet im Kleinen ein Kapitel „große Geschichte“ erzählt.

April anno 1687: Ein Treck aus Planwagen schiebt sich, von Berlin über Angermünde und Prenzlau kommend, über die Hügel von Brüssow Richtung Bergholz. Im Dorf leben nur noch 13 Familien. Die Verwüstungen des 30-jährigen Krieges sind allgegenwärtig. Der Treck mit 266 französischen Protestanten ist in Bergholz am Ziel. In Frankreich wegen ihres protestantischen Glaubens vom katholischen Klerus und vom König bedrängt, folgen die Ankömmlinge dem Ruf des brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm. Er hat knapp zwei Jahre zuvor das Edikt von Potsdam erlassen. Es sichert den französischen Einwanderern Glaubensfreiheit und weitgehende Privilegien zu.

Die Verwaltung im nahen Löcknitz weist den Franzosen „freie Stellen“ zu. Die größte Gruppe der als Hugenotten bezeichneten Einwanderer, „37 Familien mit insgesamt 122 Personen, darunter 21 Bauern“, bleiben in Bergholz. So ist es in den „Acts du Consistoire francois a’ Bergholz“, den Aufzeichnungen der französischen Pastoren, zu lesen. Das Dorf wird zu fast drei Vierteln französisch. Die anderen Refugiés werden auf die umliegenden Dörfer verteilt. Die Hugenotten gründen eine eigene Französisch-reformierte Gemeinde. Die Bergholzer Kirche wird von ihnen und den deutschen Protestanten zu unterschiedlichen Zeiten genutzt. Der französische Gottesdienst ist am Vormittag, der deutsche Gottesdienst am Nachmittag. Ein Pfarrhaus und eine französische Schule werden gebaut. Das liegt mehr als 300 Jahre zurück. Was ist seither geschehen?

Die Heimatstube zeigt Gemälde und viele alte Fotos der Hugenotten-Familien, der Kirche und der Häuser des Dorfes. Auf einem Foto ist ein Wohnhaus zu sehen, das mit dem Giebel zur Straße steht. Die schräg zulaufende Dachetage ist aus Holz und hat eigenartige längliche Öffnungen. Sie sind mit schmalen Fensterläden versehen. „Auf den Dachböden wurde Tabak getrocknet“, erklärt die Museumsleiterin. Die Öffnungen dienten zur Belüftung. Die wallonischen Bauern brachten Kenntnisse über den Anbau von Tabak und Seidenraupenzucht nach Bergholz.

Zu Ballen gepresster, getrockneter Tabak, Zigarrenschachteln und ein Tabakschneider sind in der Ausstellung zu entdecken. „Eine Frau aus unserem Geschichtsverein hat den Tabakballen gefunden. Er hing noch unter dem Dach ihrer Scheune“, erzählt die Museumsleiterin. Bis vor etwa 20 Jahren wuchs auf den Feldern der Gegend die subtropische Pflanze mit den großen rosa Blüten.

Das Museum wurde 2003 vom Verein Bergholzer Dorfgeschichte e.V. auf dem Dachboden der französischen Schule, über den Räumen der Gemeindevertretung, eingerichtet. „Bergholz war einer der letzten Orte, in denen die deutsche und die französische Schule zusammengelegt wurden. Das war 1922“, so Kerstin Werth. „Aber der Unterricht erfolgte nicht mehr in französisch.“ Nach 1800 setzte die sprachliche Eindeutschung in Bergholz ein. Nur die Predigten wurden noch in französisch gehalten. Selbst diese soll kaum noch jemand verstanden haben, erzählt man sich. 2010 zog die Heimatstube in das leerstehende Haus der ehemaligen deutschen Schule um.

Nicht alle Hugenotten blieben in Bergholz. Einige zogen in andere Orte wie Pasewalk weiter. Auch die Hugenotten, die 1700 nach Bützow kamen, sollen aus anderen Gegenden Deutschlands zugezogen sein. 1719 folgten einige Bauern der Einladung des dänischen Königs Friedrich IV., sich in Fredericia niederzulassen. Er versprach Privilegien. 1730 verbot Dänemark die Einfuhr brandenburgischen Tabaks. Ab 1843 wanderten Bergholzer Hugenotten nach Nordamerika aus und gründeten dort ein neues Bergholz.

Im Museum sind auch Trachten und Gegenstände aus dem Alltag der Einwanderer zu sehen. Kerstin Werth erklärt die Handhabung des Wofeleisens. Wofeln sind ein traditionelles Gebäck, das aus Hefeteig hergestellt, zwischen Weihnachten und Neujahr als Neujahrsgruß an die Nachbarn verschenkt wurde. Das Backen erforderte besonderes Geschick, da das mit Teig bestückte Wofeleisen direkt in das Feuerloch eines Kachelofens gehalten und rechtzeitig gewendet werden musste.

Die französische Herkunft einiger Bergholzer ist heute noch an wenigen Familiennamen und an den zwei unterschiedlichen Gottesdiensten in der Kirche erkennbar.

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