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Behindertenhilfe : Als „Ballastexistenzen“ abgestempelt und beseitigt

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Aus der Onlineredaktion

Nach 1945 stand die Behindertenhilfe in Deutschland vor einem Scherbenhaufen

svz.de von
erstellt am 05.Aug.2017 | 00:00 Uhr

Im Umgang mit körperlich und geistig behinderten Menschen erreichte Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus einen absoluten Tiefpunkt in Sachen Menschlichkeit. In unvorstellbaren Ausmaßen wurden behinderte Frauen und Männer, aber auch Neugeborene mit Erbfehlern, Blinde, Taube und Epileptiker aus dem Alltag gelöscht. Sie passten nicht in das von den Nazis bevorzugte Bild eines Herrenvolkes. Die arische Rasse sollte keinerlei Makel aufweisen. Hitler, der selbst nicht gerade seinem ari-schen Menschenbild entsprach, machte sich nach seiner Machtergreifung alsbald daran, die Bevölkerung mit Plakaten und Propagandafilmen davon zu überzeugen, wie teuer diese „Schmarotzer“ für die Allgemeinheit seien. Vorerst sorgte das „Ge-setz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ (14. Juli 1933) dafür, dass Behinderte keine Kinder bekamen. Abertausende Zwangssterilisationen folgten. Im Oktober 1939 starten die Nazis das grausame Euthanasie-Programm - die „Aktion T4“. Koordiniert wird die Selektion der Opfer und ihr Abtransport in Vernichtungsanstalten wie Hadamar, Grafeneck und Sonnenstein über die in der Berliner Tiergartenstraße 4 (T4) eingerichtete Zentralverwaltung. In den Anstalten werden die Erwachsenen vergast und anschließend verbrannt, um die Todesursache vor den Angehörigen zu verschleiern. In vielen Heilanstalten entstehen Kinderfachabteilungen, in denen behinderte Mädchen und Jungen für medizinische Versuche missbraucht werden. Sie erhalten Medikamente oder man lässt sie verhungern. Im Sommer 1941 rücken dann auch die alten Menschen in den Focus des Euthanasie-Programms. Auf Grund kirchlichen Protests wird das Morden offiziell gestoppt. Doch das Töten geht heimlich weiter. Schätzungsweise 200 000 Menschen fallen dem Wahn bis 1945 zum Opfer. Der Krieg ist vorbei, die menschenverachtende Ideologie der Nazis sitzt jedoch noch fest in den Köpfen. Behinderte bleiben im Alltagsbewusstsein der Bevölkerung vorerst Vollidioten, Schwachsinnige und Krüppel. Ärzte und Hebammen empfehlen, derartige Kinder in Heime zu stecken. Tatsächlich steht die Behindertenhilfe, die vor der Nazizeit auf gutem Wege war, vor einem Scherbenhaufen. Familien, die ein behindertes Kind haben, werden sozial geächtet. Die Scham der Eltern ist häufig so groß, dass viele ihren Nachwuchs versteckt halten. Staatliche Hilfen, Frühförderung und Schulpflicht gibt es schon gar nicht. Viele behinderte Erwachsene, aber auch Kinder, leben in psychiatrischen Anstalten, wo sie oft nur verwahrt werden. Der pädagogische Horizont erweiterte sich erst in den 1950er-Jahren in beiden Teilen Deutschlands. Das lag auch an den steigenden Geburtenzahlen, die wieder mehr behinderte Kinder mit sich brachten. Erstmals forderten in den Niederlanden und Skandinavien Eltern Rechte und Chancen für Behinderte. In Westdeutschland war der 23. November 1958 ein großer Tag, an dem sich der Verein „Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind e.V.“ gründete. Bis heute hat sich viel getan. Zahlreiche Menschen mit geistigen, körperlichen und seelischen Einschränkungen nehmen ganz selbstverständlich am gesellschaftlichen Leben teil und haben ihren Platz in der Arbeitswelt gefunden.

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