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Sandsturm A19 in MV : Massenkarambolage: "Die Bilder haben sich eingebrannt"

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Als Christian Hartmann am 8. April 2011 zur Unfallstelle auf der Autobahn 19 bei Kavelstorf kommt, sieht er verbrannte Autoinsassen, vor Panik und Schmerzen schreiende Menschen, einen Schrottberg zerquetschter Autos.

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erstellt am 30.Mär.2012 | 08:29 Uhr

Bützow/Kavelstorf | Auf diese Bilder war er trotz knochenharter Ausbildung zum Rettungsassistenten nicht vorbereitet: Als Christian Hartmann am 8. April 2011 zur Unfallstelle auf der Autobahn 19 bei Kavelstorf kommt, sieht er verbrannte Autoinsassen, vor Panik und Schmerzen schreiende Menschen, einen Schrottberg zerquetschter Autos und lodernde Brände, so heiß, dass es ihm im Vorbeilaufen die Haare versengt. Hartmann ist damals 29 Jahre alt, er übernimmt die organisatorische Leitung des Rettungsdienstes nach einem der schwersten Autobahnunfälle, die Deutschland je erlebt hat.

"Ich hatte Rufbereitschaft in der DRK-Rettungswache Bützow und stand gerade auf dem Parkplatz, als der Pieper losging", erinnert er sich. Er wirft sich seine neongelbe Jacke über, zum Hosewechseln war keine Zeit. "Die Rede war von einem Massenunfall, das heißt bei uns mehr als vier Schwerverletzte." Noch auf dem Weg erreicht ihn der Anruf aus einem Rettungshubschrauber. "Christian, so einen schweren Verkehrsunfall habe ich noch nie gesehen", sagt sein Kollege. "Aber es übertraf alle meine Vorstellungen. Die Leute versuchten immer wieder über den Wildzaun zu klettern und schafften es nicht. Die waren völlig im Schockzustand", sagt Hartmann und schüttelt mit dem Kopf.

Es war Freitagnachmittag, für April ein warmer Tag mit viel Sonne. "Aber an der Unfallstelle fegte ein Sandsturm, so was hab ich noch nicht erlebt", sagt Hartmann. Die Sandkörner setzen sich in Augen, Nase, Mund, als der junge Mann die Unfallstelle abläuft. "Ich bin zwischen den Leitplanken gelaufen, immer fünf Schritte für ein Auto, so hab ich die Zahl der beteiligten Fahrzeuge geschätzt." Auf gut 70 kommt er. "In der Rettungsleitstelle werden bei solchen Unfällen immer zweieinhalb Personen pro Fahrzeug geschätzt. Danach werden die Krankenhäuser alarmiert, um genügend Betten bereitzustellen." Die Leitstelle fragt Hartmann, ob er zusätzliche Rettungsmittel braucht: Der 29-Jährige sagt ja. Die Kommunikation ist verteufelt schwer, Sand und Sturm machen Gespräche fast unmöglich. Dennoch sind binnen Minuten weitere Rettungswagen, Rettungshubschrauber und Feuerwehren aktiviert.

"Das war wirklich der Hammer. Viele Kollegen hatten auch einfach nur im Radio vom Unfall gehört und kamen vorbei, um zu helfen", darunter auch Anwohner und eine Physiotherapeutin, die gerade auf dem Heimweg ist. Für die Verletzten wurden mehrere Zelte aufgebaut, Verpflegung wurde beschafft, sogar mobile Toiletten. "Wir konnten das nicht direkt an der Unfallstelle aufbauen, dort tobte ja wirklich noch stundenlang der Sandsturm", sagt Hartmann. Sechs Rettungshubschrauber flogen ein. Eine lange Reihe Rettungswagen stand auf der Autobahn. "Die Feuerwehr vom Fliegerhorst Laage kam mit einem leistungsstarken Löschzug. Wenn wir den nicht gehabt hätten, wären die Brände nicht so schnell gelöscht worden."

Hartmann hilft dem Leitenden Notarzt dabei, die mehr als 130 Unfallbeteiligten zu untersuchen. Sie werden je nach Verletzungsgrad in fünf Gruppen eingeteilt, jeder erhält eine Sichtkarte mit einer Farbe, die die Schwere der Verletzung kenntlich macht, und mit Daten zur Person. "Die Schwerverletzten waren schnell in Krankenhäuser gebracht, die anderen haben wir zum Schluss zu einer Sammelstelle nach Güstrow gefahren."

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich schon Routine eingestellt, "darauf sind wir trainiert", sagt Hartmann. Die Leute waren dankbar für die professionell und schnell arbeitenden Rettungskräfte. "Manche wollten noch kurz an die Autos, um Wohnungsschlüssel oder Handys rauszuholen. Aber wer die Autos gesehen hat: Da war nichts mehr zu holen." Die Staatsanwaltschaft erklärt alles zum Tatort und lässt niemanden mehr an die Fahrzeuge. "Ein paar wollten dann einfach nur nach Hause, die haben sich dann die Karte vom Hals abgenommen und sind querfeldein ins nächste Dorf. Aber das war gefährlich, an keinem ging dieser Unfall spurlos vorbei", sagt der Experte.

Am Abend fährt Hartmann nach Hause zu seiner Frau, die selbst Rettungsassistentin ist, und zu seinem Sohn. Lange duschen und fallen lassen. Wachleiterin Karin Rhein bietet ihm an, ihn aus der Rufbereitschaft, die noch bis Sonntag ging, auszulösen. Das wollte er nicht. "Aber ich hätte ihn rausgenommen, wenn es noch einen Einsatz gegeben hätte", sagt die 50-Jährige. "Danach haben wir lange geredet. Und jeder überlegt auch, was hätte ich anders gemacht." Die vielen Anrufe von Rettungswachen aus ganz Deutschland, von Beteiligten des Einsatzes zeugten aber davon, dass es kaum besser ging. "Wir haben keinen der Verletzten verloren", sagt Hartmann stolz.

Für ihn vergeht seit dem 8. April 2011 keine Woche, an dem er nicht an seinen ersten schweren Einsatz denkt. Auch heute noch könnte er die Unfallstelle aus dem Gedächtnis aufzeichnen. Die Bilder haben sich eingebrannt. "Wenn ich übers Land fahre und irgendwo eine Rauchsäule sehe, pocht mir gleich das Herz schneller", sagt er. Es sei eine Erfahrung gewesen, auf die er gern verzichtet hätte. "Viele sind damals über sich hinausgewachsen", sagt Hartmann, nicht zuletzt er selbst.

 

 

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