Bio-Landpartie : Marienkäfer statt Chemiekeule

Trotz des vielen Regens zu Beginn des Jahres ist Daniela Schuhr mit der Apfelernte zufrieden.  Fotos: Volker BOhlmann
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Trotz des vielen Regens zu Beginn des Jahres ist Daniela Schuhr mit der Apfelernte zufrieden. Fotos: Volker BOhlmann

Daniela Schuhr setzt beim Obstanbau auf Natur pur. Ihre Mosterei gehört zu den 60 Betrieben, die morgen bei der Bio-Landpartie ihre Pforten öffnen

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22. September 2017, 12:00 Uhr

Bis zum Horizont reichen die Obstbaumreihen auf Daniela Schuhrs Hof in Malliß bei Ludwigslust. Die späten Sorten hängen noch voll mit großen roten Äpfeln. „Hilde ist die letzte“, sagt Schuhr. Die Saison neigt sich dem Ende entgegen. Ihre unzähligen Landschaftspfleger sind noch fleißig. Sie fliegen, krabbeln, schleichen und grasen zwischen den Bäumen. Da sind die Marienkäfer und Ohrenkneifer, die die Läuse von den grünen Blättern fressen. Die Kühe, die das Gras zwischen den Reihen kurz halten und der Fuchs, der die Wühlmäuse verspeist. „Das ist mehr als Bio. Unsere Bäume werden gar nicht behandelt“, sagt die 41-Jährige. Sie gehört zu den 60 Landwirten, die morgen ihre Tore zur zehnten Bio-Landpartie in Mecklenburg-Vorpommern öffnen.

„Aus 100 Kilo Obst erhält man ungefähr 50 bis 60 Liter Saft.“ Wie viele Sorten es auf ihrem Hof gibt, weiß Daniela Schuhr nicht so genau. Seestermühler Zitronenapfel, Biesterfelder Renette, Danziger Kantapfel... 60    000 Kilo Obst haben Schuhr und ihre Familie im vergangen Jahr mit ihrer mobilen Mosterei zu Saft verarbeitet. 15    000 Kilo kamen dabei von ihren eigenen Bäumen. Vor allem Äpfel, aber auch Birnen und Holunder. Über die große Nachfrage ist die zierliche Frau selbst überrascht. Die Mosterei betreibt die Krankenpflegerin nur im Nebenerwerb.

Von Käse bis Kaffee, von Büffel bis Ziege

„In diesem Jahr wird es insgesamt etwas weniger Obst geben“, befürchtet Schuhr. Schuld sei vor allem der starke Regen während der Blüte zu Beginn des Jahres. Viele in der Nachbarschaft hätten über eine schlechte Ernte geklagt. Bei Schuhr hängen die Bäume trotzdem voll. „Wir haben viele alte, robuste Sorten angepflanzt. Die sehen auch bei diesem Regen schön aus.“ Und wenn nicht: „Ein bisschen Schorf oder ein Punkt sind beim Mostobst egal. Das ist halt Natur“, meint Schuhr. Die Kunden von „Danis Saftladen“ würde so ein Makel nicht stören.

Erst vor drei Jahren hat sie das Geschäft eröffnet. „Meines Gaumens schönster Traum hängt an Danis Apfelbaum“, steht auf den Saftverpackungen im Regal. Am Sonnabend können Besucher die verschiedenen Sorten kosten und der Landwirtin beim Mosten über die Schulter schauen.

„Die Vielfalt der ökologischen Erzeuger auf der Bio-Landpartie ist wirklich großartig“, sagt Burkhard Roloff, Koordinator vom BUND-Landesverband. Besucher können auf den Höfen erleben, wie Brot gebacken, Obst gedörrt, Öl gepresst, Käse hergestellt, Schnaps gebrannt oder Kaffee geröstet wird. Manche Betriebe veranstalten an dem Tag Hoffeste, bieten Führungen oder Traktor- und Kremserfahrten, Melken und Füttern oder Reiten für Kinder an. Ziegen, Schafe, Hühner, Gänse, Rinder, Pferde, Büffel, Rotwild oder Schweine warten auf die Besucher. Agrarminister Till Backhaus (SPD) soll die Veranstaltung im Domgut Dehmen bei Güstrow, einem Produzenten von Rindern und Puten, eröffnen.

Die Idee der Landpartie: Die Gäste können einen Eindruck davon erhalten, woher ihre Lebensmittel kommen. Die Besucher können zum Beispiel am Morgen Tiere auf dem einen Gehöft ansehen und Mittag auf einem anderen essen und Kaffee auf einem dritten Hof trinken“, erklärt Roloff. Oft sind Verbraucher unsicher, ob hinter einem Bio-Siegel wirklich bio steckt. Die Landpartie biete noch mehr Transparenz.

Die Bio-Landpartie – eine Erfolgsgeschichte

Vor zehn Jahren startete die Aktion mit sechs Höfen im Land. Inzwischen hat sich die Teilnehmerzahl verzehnfacht. Die Veranstalter rechnen mit bis zu 8000 Besuchern. Bio rücke immer mehr in den Fokus der Menschen, meint auch Roloff: „Der ökologische Landanbau ist die Gegenwart und die Zukunft.“

In MV hat sich nach Angaben des Agrarministeriums die Anbaufläche für Bio-Obst in den vergangen 15 Jahren vervierfacht. Derzeit werden 135    827 Hektar und damit 10,1 Prozent der Landwirtschaftsfläche ökologisch bewirtschaftet. Im Bundesschnitt sind es rund sieben Prozent. 1141 Betriebe der Land- und Ernährungswirtschaft in MV sind öko-zertifiziert. Dennoch ist laut Roloff noch Luft nach oben. Das Problem: „Die Bio-Betriebe können nur ganz schwer an Fläche kommen“, meint der Experte. Die konventionellen Landwirte hätten finanziell mehr Möglichkeiten. Roloff plädiert daher für ein Bio-Jungbauern-Programm, bei dem junge Bio-Landwirte 100 Hektar erhielten, um wirtschaftlich zu sein.

Daniela Schuhr hatte Glück. Ihr Grundstück gehörte bereits ihren Urgroßeltern. Die Streuobstwiese vor ihrer Haustür pflanzten einst die Nachbarn an. Schuhr konnte nicht mit ansehen, wie das Obst auf der Wiese im Herbst vergammelte und pachtete kurzerhand das Land. In Kassel ließ sie sich zur Streuobst-Beraterin ausbilden. In dieser Funktion ist sie inzwischen beim Streuobstverein Voelkel tätig. Im vergangenen Jahr pflanzte sie 1000 weitere Bäume auf ihrem Grundstück. Die Nachfrage sei groß, sagt die „Saftladen“-Betreiberin und blickt über ihre Apfelplantage. „Wenn man regional kaufen kann, weiß man eben, was man hat.“

Der Bio-Siegel-Check

Ob Konsumenten regionale, saisonale und umweltfreundliche Produkte kaufen, entscheidet sich meistens direkt an der Ladentheke. Viele fühlen sich aber gerade dort oftmals überfordert: Durch die Flut an Siegeln und Zertifizierungen sowie durch Skandale haben sie Überblick und Vertrauen verloren. Was sie sich wünschen, sind einfache, transparente und ehrliche Informationen. Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) hat daher eine App für Smartphones entwickelt, die den Durchblick im Labeldschungel erleichtern soll. Mit der App „Nabu-Siegel-Check“ soll der Verbraucher auf einen Blick sehen, ob Lebensmittel ökologisch empfehlenswert sind oder eher nicht. Dazu muss er die Logos auf der Verpackung einfach abfotografieren. Anschließend erhält er Informationen über das Kennzeichen und darüber, welche Lebensmittel gut für Umwelt, Klima und Natur sind.

Das Prinzip der App ist ganz einfach: Ein grüner Daumen nach oben steht für ein aus ökologischen Gesichtspunkten empfehlenswertes Produkt, erklärt der Nabu auf seiner Webseite. Ein gelber Daumen deutet auf ein gutes Produkt hin, bei dem der Umweltvorteil aber besser ausfallen könnte. Dazu zählen zum Beispiel die Siegel „Ohne Gentechnik“ oder „Naturland Wildfisch“.

Rote Daumen nach unten signalisieren, dass es sich laut Nabu um keine umweltfreundliche Ware handelt. Einige Siegel, deren Ansprüche an das Produkt über die geltenden Standards hinausgehen, sind an zwei grünen Daumen zu erkennen.

In der Datenbank der Handy-Anwendung wurden Kennzeichnungen berücksichtigt, die bundesweit im Supermarkt oder im Handel zu finden sind und bei denen Kunden einen ökologischen Nutzen vermuten könnten. Aktuell befinden sich rund 55 Logos in der Datenbank, die laufend aktualisiert wird.

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