Krebs: eine Krankheits- und eine Kämpfergeschichte : „Man muss Bock aufs Leben haben“

   Fotos: josefine Rosse
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Im Jahr 2007 erhielt Gabriela Blum die Diagnose Krebs. Im Juli kehrte er nun zum dritten Mal zurück.

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18. September 2015, 12:00 Uhr

Gabriela Blum hat Metastasen im Bauchraum. Bösartige, Millimeter große Tumore, die ihr die Energie rauben. „Der Krebs ist im Juli zum dritten Mal zurückgekehrt“, sagt die 62-Jährige. Sie lächelt, doch ihr Blick ist nachdenklich. Während sie aus dem Fenster schaut, nippt sie an ihrem Kaffee. „Krebs zu haben, bedeutet nicht, dass man gleich stirbt. Man muss lernen, mit der Krankheit zu leben, ohne dass sie von einem Besitz ergreift.“ Deshalb lenkt sich Gabriela Blum ab – mit Kochen, Malen, Singen und Schreiben. Vor einigen Wochen habe sie sich der Barther Autorengruppe Fabula angeschlossen, für die sie Kurzgeschichten schreibt. Gleichzeitig arbeite sie an einem historischen Roman. Ob sie Angst hat? „Natürlich. Ich habe sogar jede Menge Angst. Sie ist mein täglicher Begleiter. Ich kann abends nicht einschlafen, weil ich Angst habe und wache nachts auf, weil mich die Angst überrollt. Doch ich lasse nicht zu, dass sie mich beherrscht.“


Überlebensdrang trotz schlechter Prognose


Das erste Mal überraschte der Krebs Gabriela Blum im Jahr 2007. Die damalige Diagnose: Ovarialkarzinom. „Die Ärzte fanden einen vier Zentimeter großen Tumor an meinen Eierstöcken. Sie entfernten prophylaktisch beide Eierstöcke und einige Lymphknoten. Die Histologie ergab, dass auch die Lymphknoten von Krebs befallen waren“, erinnert sich Blum.

Laut der Deutschen Krebsgesellschaft gehört der Eierstockkrebs zu den aggressivsten Tumorerkrankungen. Diese bösartige Veränderung des Eierstocks wird bei etwa 8000 Frauen jährlich festgestellt. In mehr als zwei Drittel der Fälle wird die Erkrankung erst in einem weit fortgeschrittenen Stadium entdeckt, da erst spät Symptome auftreten. Somit ist das Ovarialkarzinom die Hauptursache für Todesfälle in Folge gynäkologischer Krebserkrankungen.

Doch Gabriela Blum wollte nicht sterben: „Ich bin ein Stehaufmännchen, eine wahre Kämpfernatur. Man muss Bock aufs Leben haben und ich habe Bock darauf.“ Knapp neun Monate bevor der Krebs in ihr Leben trat, heiratete sie ihren zweiten Mann. Sie schauten sich nach Häusern an der Ostseeküste um, wollten dort nach der Rente sesshaft werden. „An der Ostsee hat es uns schon immer gefallen. Wir haben viele Urlaube dort verbracht. Die frische Luft und das Meer beleben Körper und Geist“, findet Blum. Gesagt, getan: 2008 kaufte das Paar ein Haus in Barth und vermietete es zunächst. „Wir wohnten immer noch in Wuppertal, dort hatte ich meine Ärzte und dort durchlitt ich meine erste Chemotherapie“, so Blum.

Wenn sie an die Zeit zurückdenkt, treten Tränen in ihre Augen. Sie blinzelt sie weg, lächelt wieder. „Die Therapie zeigte Erfolg, meine Tumormarker gingen zurück. Ich habe gedacht, ich habe es geschafft, habe diese fiese Krankheit überstanden. Fast fünf Jahre später sollte sich herausstellen, dass dem nicht so war.“

2013 entdeckten die Ärzte Auffälligkeiten an Gabriela Blums Leber. Untersuchungen zeigten, dass sich zwischen der Leber und dem Zwerchfell ein Tumor festgesetzt hatte. „Ein Teil des Zwerchfells musste entfernt werden, da sich dort bereits Metastasen gebildet hatten“, erklärt die 62-Jährige. „Mein behandelnder Arzt sagte damals zu mir, dass nur eine von zehn Personen diese Form des Krebses überlebt. Ich habe mir immer gesagt: dann bin ich eben diese eine Person.“ Blum überstand die OP, ging im Anschluss in die Reha. Die Chemotherapie, die folgte, brach sie ab. „Mein Körper reagierte sehr intensiv auf die Behandlung. An meinen Händen löste sich Haut ab und meine Blasenfunktion war stark beeinflusst“, erzählt Blum.

Bei der Entscheidung, die Chemotherapie zu beenden, wurde sie von dem Schicksal Cornelia Kuppes beeinflusst. Kuppe erhielt 1999 die Diagnose Eierstockkrebs. „In einem damals inoperablen Stadium. Ich hatte mich in die Schulmedizin begeben und ein halbes Jahr Chemotherapie gemacht, sodass dann eine Operation möglich wurde“, berichtet Kuppe. „Ein Jahr später hatte ich ein Rezidiv und entschied mich nach der OP gegen eine weitere Chemotherapie.“ Kuppe sah die Ursache ihrer Erkrankung auch in der Psyche, also begann sie zu sich selbst zurückzufinden und an sich zu glauben. „Heute kann ich sagen, ich liebe mich selbst an erster Stelle. Ich übe weiter jeden Tag daran, meiner inneren Stimme zu folgen, mich mit meiner Seele zu verbinden und meinen Weg zu gehen“, betont die 56-Jährige. Dazu gehöre das Malen, aber vor allem auch das Schreiben. Kuppe hat bereits zwei autobiografische Bücher veröffentlicht. Um anderen Krebspatienten beim Umgang mit ihrer Erkrankung zu helfen, gibt sie außerdem Einzelcoachings. Auch Gabriela Blum und ihr Mann nahmen an so einem Seminar teil: „Cornelia hat unsere Entspannung befördert. Wir fühlten uns gut aufgehoben. Ich beschloss, nicht mehr zu arbeiten, übergab meinen Lohnsteuerhilfeverein endgültig an meinen Sohn.“ Der Umzug nach Barth stand an. „Ich möchte die Zeit, die mir noch bleibt, an der Küste verbringen. Man muss den Tatsachen ins Auge sehen. Ich werde nicht ewig leben. Gerade deshalb versuche ich das Hier und Jetzt bewusst wahrzunehmen“, versucht sich Blum zu erklären.


Neue Kraft dank gutem Netzwerk


Der Schulmedizin hat die 62-Jährige noch nicht ganz abgeschworen. Derzeit ist sie am Onkologischen Zentrum der Universitätsklinik Rostock in Behandlung. Im Dezember 2014 wurden in ihrem Bauchraum zwei weitere Tumore entdeckt, die operativ entfernt werden konnten. „Dieses Mal mussten die Mediziner ein Stück vom Dünndarm herausnehmen. Ich versuchte mich schnell wieder zu mobilisieren. In unserem Haus warteten noch Kisten, die ausgepackt werden wollten.“ In dieser Zeit erfuhr Blum auch von dem Verein Gemeinsam mehr Mut, der von der in Rostock lebenden Jazz-Sängerin und Brustkrebs-Patientin Jacqueline Boulanger geführt wird. „Immer wenn ich nicht mehr weiß, wie es weitergehen soll, treten Menschen oder Dinge in mein Leben, die mir neue Kraft geben“, sagt Gabriela Blum. Durch den Verein hat sie einen Chi-Gong-Kurs gefunden – und Menschen, die ähnlich empfinden wie sie. „Die Diagnose im Juli hat mich aus der Bahn geworfen. Die Geschwüre im Bauchraum können nicht entfernt werden. Falls ich irgendwann nicht mehr bin, hat mein Mann in der Gruppe auch ein Netzwerk, das für ihn da ist.“

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