Mit Kindern richtig sprechen : „Mama, Papa, was ist das, Terror?“

In vielen Familien bekommen Eltern derzeit heikle Fragen gestellt. Fotos: ums/BilderBox.com/Archiv
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In vielen Familien bekommen Eltern derzeit heikle Fragen gestellt. Fotos: ums/BilderBox.com/Archiv

Wie sollten Eltern derzeit am besten das Thema Krieg und Gewalt mit ihren Kinder besprechen?

svz.de von
24. November 2015, 19:42 Uhr

Bilder des Terrors gehen dieser Tage um die Welt. Zurückhaltung herrscht schon lange nicht mehr bei der Präsentation der Gräueltaten. Wo wir Erwachsenen bereits Mühe haben, diese Informationen zu verdauen, wie muss es dann erst unseren Jüngsten gehen?

„Das Problem ist eigentlich, dass die Jugend heutzutage uneingeschränkten Zugang zur Medienwelt hat. Viele Kinder wissen noch nicht, wie sie damit kontrolliert umgehen sollen. Sie werden einfach übermannt von diesen Eindrücken“, erklärt Dr. Eckhard Zierep, Diplompsychologe.

Eltern sind in der Regel für ihre Kinder Helden. Aber wie soll man seinen Sprösslingen erklären, dass es auf dieser Erde auch Gewalt und Böses gibt? Einem aber die Hände gebunden sind, es verhindern zu können. Was also ist besser? Schweigen, oder doch offen und ehrlich über die Geschehnisse reden? „Schweigen beunruhigt noch viel mehr. Die Kinder sehen diese Fotos oder Filmausschnitte und können sie nicht verarbeiten, wenn niemand mit ihnen darüber spricht“, mahnt der 49-Jährige. Denn, was man nicht verstehe, ängstige einen ja noch viel mehr. Zierep warnt davor Sätze anzubringen wie: „Das verstehst du nicht, dafür bist du noch zu klein.“

Dass man seinen Nachwuchs vor so viel Grausamkeit in der Welt schützen wolle, verstehe er nur zu gut. „Als Eltern befindet man sich immer in einem Spannungsfeld. Durch die UN-Kinderrechtskonvention von 1989 haben die Jüngsten das Recht auf Bildung und Information. Gleichzeitig aber auch auf Schutz“, betont Zierep im SVZ-Gespräch.

Gemeinsam Nachrichten schauen

„Ich würde vorschlagen, dass Eltern mit ihren Kindern gemeinsam Nachrichten schauen und hinterher darüber reden. Es gibt extra Nachrichtenkanäle für die Kleinen. Dort werden auch keine grausamen Bilder gezeigt“, schlägt der gebürtige Berliner vor. Jedoch warnt er davor, bei Gesprächen mit Kindern die eigene Angst zu zeigen. Man müsse es ihnen sachlich und in Ruhe erklären. Mit Teenager jedoch solle man reinen Tisch machen. „Sie sind alt genug, um am politischen Geschehen teil zu nehmen und darüber zu diskutieren“ sagt der Experte, der schon seit fünf Jahren in der Caritas-Familienberatungsstelle in Hagenow arbeitet. Was aber gar nicht gut wäre, sei, wenn Eltern nun den Umgang mit Flüchtlingskindern oder Freunden verbieten würden. „Oder den Besuch auf dem Weihnachtsmarkt ausfallen lassen, aus Angst vor einem Anschlag. Natürlich hat Angst eine Schutzfunktion, aber der Alltag birgt noch viel mehr Gefahren“, erklärt der Diplompsychologe weiter. Man könne seinem Nachwuchs vorher verständlich machen, dass er immer in der Nähe der Eltern bleiben und sich vor großen Menschenansammlungen fernhalten solle. Oder bei Gefahrensituationen sofort Polizisten aufsuchen müsse. Eben Hilfestellungen geben, was für den E-Fall wichtig sei.

Selbst der „Berufsverband der Psychologen“ schreibt in einer Pressemitteilung, dass man sich von den jüngsten Geschehnissen nicht übermannen lassen sollte. „Es gilt, trotz Ängstlichkeit Entscheidungen über Aktivitäten zu treffen, diese umzusetzen und sich somit als handlungsfähig zu erleben“, so Präsident Prof. Dr. Michael Krämer.

Gelebte Integration in Wittenburg

Meike Dederichs, Jugendarbeiterin im Kommunikationszentrum des Internationalen Bundes Wittenburg, erzählt, welche Auswirkungen der Terror in unserer Gesellschaft in der Begegnungsstätte hätten. „Wir leben hier die Integration. Alle, egal welcher Nation, sind uns willkommen. Man darf nicht immer gleich davon ausgehen, dass alle potentielle Terroristen sind“, erklärt die 52-Jährige. Und betont: „Der Sport verbindet hier sehr. Neulich haben wir spontan einen Fußball gespendet bekommen und die Flüchtlingskinder sowie die Einheimischen haben sofort angefangen, miteinander zu spielen und sich die Regeln nebenbei mit Händen und Füßen erklärt“, erinnert sie sich. Im Haus gäbe es eine Regel: „Jeder gibt sich hier die Hand, denn wir sind alle gleich“, bemerkt das selbsternannte Urgestein des Jugendtreffs und zeigt auf die Gruppenbilder, die an der Wand hängen. Darauf sind Jungen und Mädchen unterschiedlichen Alters und Nation zu erkennen. „Wir machen öfter Ausflüge. Das werden wir nicht einfach beenden, nur weil sich Terror und Gewalt in der Welt verbreiten“, betont Meike Dederichs. „Diejenigen, die hier her kommen, kennen sich und haben keine Angst voreinander.“ Auf die Frage, ob es schon Auseinandersetzungen wegen der Geschehnisse in Paris gegeben hätte, schüttelt sie heftig den Kopf. „Die einheimische Bevölkerung verdächtigt unsere Syrier nicht und verbindet die Anschläge auch nicht mit ihnen. Denn sie lernen durch diesen Kontakt, über den Tellerrand hinaus zu schauen, zu tolerieren, zu akzeptieren und zu unterscheiden. Hier muss sich keiner ängstigen und fürchten.“

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