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Pendler aus dem Ruhrgebiet nach Mecklenburg : Mal in Schwerin, mal auf Schwerin

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Ein Liegeplatz für den Ruhestand sollte es sein. Auf jeden Fall etwas am Wasser. Als sich die Rheinländerin Lisa Bensch vor einigen Jahren auf die Suche machte, saß sie in einem Fachwerkhaus am Rande von Dortmund.

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erstellt am 27.Apr.2012 | 08:49 Uhr

Schwerin | Ein Liegeplatz für den Ruhestand sollte es sein. Auf jeden Fall etwas am Wasser. Als sich die Rheinländerin Lisa Bensch vor einigen Jahren auf die Suche machte, saß sie in einem denkmalgeschützten Fachwerkhaus am Rande von Dortmund. 260 Quadratmeter Wohnfläche, 700 Quadratmeter Gartengrundstück. Mit Teich. Nach dem Auszug der beiden Kinder war es längst zu groß geworden für sie und ihren Mann Rolf, der als selbstständiger Architekt in Castrop-Rauxel arbeitet. Heute gehört den Eheleuten Bensch eine moderne Penthouse-Wohnung am Ziegelinnensee im Zentrum von Schwerin - und sie pendeln zwischen Ruhrgebiet und Westmecklenburg.

Castrop-Rauxel und Schwerin? Da war doch was? Vor vier Wochen standen sich die beiden Städte auf den Seiten dieser Zeitung gegenüber, um das Klischee von Aufbau Ost contra Abschwung West da ran zu demontieren. An jenem Tag hatte die Nachbarin bei den Benschs geklingelt und den Neu-Schwerinern aus Castrop-Rauxel die Doppelreportage - "Was für ein Zufall!" - auf den Tisch gelegt. Rolf Bensch konnte es kaum glauben: Sein ferner Bürgermeister und Freund, Johannes Beisenherz, hier zu Lande in den Medien? "Und dann sogar noch ein Bild von einem meiner Häuser dabei", sagt er. Seit mehr als 30 Jahren wirkt er als Architekt in seiner Heimatstadt. Zwei Jahre Zeit will er sich noch nehmen, bevor er das Büro ganz seinem Nachfolger überlässt.

Derzeit kommt Rolf Bensch schnell mal ins Stolpern, wenn er von "zu Hause" spricht. Zu Hause ist einerseits die Nummer 1, Holzhafen, in der Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern. Zu Hause ist andererseits eine Zwei-Zimmer-Wohnung in der Altstadt von Castrop. Zu Hause ist für ihn in und auf Schwerin, ein kleiner feiner Unterschied. In Kilometern: 450. In Schwerin liegt - natürlich - in Mecklenburg-Vorpommern. Auf Schwerin, wie es im Ruhrpott heißt, steht Rolf Bensch regelmäßig im Probenraum, als Bassgitarrist einer Soulband. Der Stadtteil von Castrop-Rauxel, der heißt wie die Hauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern, erhielt seinen Namen von der dortigen Zeche "Graf Schwerin", zu einer Zeit im vergangenen Jahrtausend, als Gruben noch nach Kriegsherren benannt wurden.

Erstes Ziel die Halbinsel Fischland-Darß

"Sieben Zechen gab es mal in Castrop-Rauxel", sagt Rolf Bensch. Als Opel im Ruhrgebiet ein Werk eröffnen wollte, haben die damaligen Stadtväter "denen nicht einmal einen Termin gegeben". Wozu auch? Die Wirtschaft lief schon ohne Autobauer auf Hochtouren. Lang, lang ist’s her. Heute, 25 Jahre, nachdem die letzte Zeche schloss, zittert die Stadt Castrop-Rauxel mit dem Nachbarn Bochum und den Opel-Werkern um Arbeitsplätze für einige Hundert Pendler.

Im Jahr 2005 kamen Lisa und Rolf Bensch zum ersten Mal in den Nordosten, um Urlaub zu machen auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst. Es gefiel ihnen so gut, dass sie sich prompt eine Ferienwohnung zulegten, damit sie jederzeit wiederkommen konnten. Und sie kamen oft wieder, einige Male im Jahr. "Wir haben Rostock und Warnemünde erkundet und die Altstadt von Stralsund - wunderschön", sagt Lisa Bensch.

Dennoch dachte das Paar nicht sofort an Mecklenburg-Vorpommern, als es anfing, sich nach einem "Alterswohnsitz" umzuschauen. "Zig Wohnungen haben wir angeguckt." Rolf Bensch holt tief Luft, um all die Stationen aufzuzählen: Münster, Greven an der Ems, Essen, Krefeld, Düsseldorf, Köln… Das Richtige war nicht dabei. "Was am Wasser ist, das kannste nicht bezahlen. Und waste bezahlen kannst, das ist nicht am Wasser", sagt er. Aber Wasser sollte sein. "Ich liebe das Wasser", sagt seine Frau. "Ich bin am Rhein aufgewachsen." Anfang 2009 stieß sie im Internet auf ein Wohnungsbauprojekt in Schwerin, mitten in der Stadt, direkt am See. Ein Volltreffer?

Der Blick aufs Wasser und ein Motorboot

Rolf und Lisa Bensch mieteten sich im Speicherhotel, direkt neben dem Bauplatz, ein, in der 5. Etage. "Um zu testen, wie es aussieht von dort oben", sagt Rolf Bensch. Obwohl ein grauer Februartag nicht gerade der beste Termin war, konnten sie sich abends am Blick aufs Wasser und über die Silhouette der Schweriner Innenstadt erfreuen. Am nächsten Morgen hing der Nebel so dick vorm Fenster, "daste nicht mal mehr das Ufer erkennen konntest". Dennoch stand für das Ehepaar fest: "Hier is’ schön. Dat machen wir."

Ende 2010 zogen sie ein. Weihnachten in Schwerin. Die Kinder kamen zu Besuch. "Für sie ist das ja immer ein bisschen wie Urlaub hier", sagt Lisa Bensch. Sie schätzt die Ruhe in Schwerin, wo sie die meisten Wege zu Fuß oder mit dem Rad zurücklegt, anders als im Ruhrgebiet, wo ohne Auto gar nichts geht und gleich mehrere Autobahnen die Städte-Knäuel zerschneiden. Ihr Mann genießt mit dem Auge des Architekten die "wunderschönen denkmalgeschützten Häuser", denen weder Krieg noch das "Nichtstun im Sozialismus" den Garaus machen konnten. "So etwas findest du ja kaum im Ruhrgebiet." Rolf Bensch, Jahrgang 1950, erinnert sich noch an die Schuttberge, die der Krieg ihnen vor die Haustür getürmt hatte. Sein Vater besaß 1955 "das erste Auto der ganzen Straße". "Bei der Fahrt haben wir oft die Dortmunder Vorstädte gesehen, zerbombt und zerstört."

In Schwerin hat sich Rolf Bensch vor Kurzem ein Boot gekauft, "so’n kleines Motorboot". In einer Woche käme er damit bis nach Castrop-Rauxel. Die Stadt rühmt sich eines Yachthafens. Ein Yachthafen am Rhein-Herne-Kanal. Im Land der 1000 Seen eher eine bescheidene Empfehlung. Aber immerhin.

Lisa und Rolf Bensch, die das Wasser lieben, haben es jetzt unmittelbar vor der Haustür. Ganz wie gewünscht. Von ihrer Terrasse aus schauen sie auf drei Seen und den Pfaffenteich. "Wir haben das so richtig entschieden", sagt Lisa Bensch.

Hintergrund
Zuzüge in Zahlen> Mecklenburg-Vorpommern gilt als gute Adresse für einen Wohnsitz im Alter. Einer Studie im Auftrag des Wirtschaftsministeriums zufolge hatten sich zwischen 1995 und 2005 mehr als 40 000 Menschen nach ihrem aktiven Arbeitsleben im Nordosten niedergelassen. Sie kamen hauptsächlich aus Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen, Brandenburg, Berlin und Nordrhein-Westfalen. Das hatte das TransferNetzwerks Community Medicine, ein Projekt der Universitätsklinik Greifswald und des BioCon Valley MV ermittelt.

> Nach der letzten Jahresabrechnung des Statistischen Landesamtes waren von den knapp 31800 Menschen, die 2010 ins Land zogen, fast 12 Prozent 55 Jahre und älter.

> Im Jahr 2010 haben insgesamt 124 Frauen und Männer ihren Wohnsitz von Nordrhein-Westfalen nach Schwerin verlegt. Mehr kamen nur aus Berlin/Brandenburg (315), Schleswig-Holstein (314), Niedersachsen (243) und Hamburg (208).

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