Mehr als ein Baum : Majestäten (in) der Landschaft

Die Stieleiche von Müsselmow im Naturpark Sternberger Seenland. Fotos: Roland Güttler (5)/Reinhard Klawitter/dpa
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Die Stieleiche von Müsselmow im Naturpark Sternberger Seenland. Fotos: Roland Güttler (5)/Reinhard Klawitter/dpa

Einzelstehende Riesen wie die Stieleiche von Müsselmow üben auf den Betrachter Magisches und Mystisches aus

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11. Mai 2017, 12:00 Uhr

„Alt wie ein Baum möchte ich werden / Genau wie der Dichter es beschreibt / Alt wie ein Baum mit einer Krone die weit, weit, weit, weit / Die weit über Felder zeigt…“ Wer kennt nicht diese Zeilen der Rockband Puhdys? Entstanden im Jahr 1976 und mithin längst ein (Musik-)Oldie.

„Alt wie ein Baum“ – die Müsselmower Stieleiche (Quercus robur), die geradezu majestätisch als Einzelbaum in der Landschaft thront, kann über 40 Jahre nur „lachen“. Das Leben solch eines Riesen misst Jahrhunderte, Eichen können bis zu 1000 Jahre werden, Buchen zum Vergleich nur die Hälfte.

Bei der Eiche von Müsselmow handelt es sich um die „älteste Stieleiche im Naturpark“, steht auf der im Ort aufgestellten Infotafel des Naturparks Sternberger Seenland. Von knapp 700 Jahren ist im Dorf die Rede, „es könnten aber auch 800 sein“, meint Naturparkchef Volker Brandt. Ingo Nadler, Leiter des zuständigen Forstamtes Gädebehn, zweifelt derlei Angaben an: „Bei frei stehenden Bäumen täuscht das Alter, sie können eine riesigere Krone bilden als Bäume, die im Wald wachen.“ Ergänzend fügt er hinzu: „Jeder ist stolz darauf, einen alten Baum in seinem Bereich zu haben und gibt gern einen Hunderter drauf.“

Hitliste der ältesten deutschen Bäume
  1. Tanzlinde in Schenklengsfeld, Hessen, 1275 Jahre
  2. Eibe, Balderschwang, Bayern,  1000 Jahre
  3. Kirchlinde, Zurow, MV,  900 Jahre
  4. Kaiser-Lothar-Linde, Königslutter, Niedersachsen 900 Jahre
  5. Wolframslinde, Ried, Bayern  850 Jahre
  6. Ringeiche, Ivenack, MV, 830 Jahre

Der älteste Baum Deutschland steht in Osthessen mit geschätzten 1275 Jahren. Unter den Top sechs kommt nur eine Eiche – auf Platz sechs! Es handelt sich um eine der berühmten Eichen von Ivenack im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte. Gleich 31 Bäume zwischen Ostsee und Bodensee schmücken sich mit dem Zusatz „1000-jährig“. Ob Linde, Eibe und vor allem Eichen: Keiner dieser Bäume ist wirklich so alt.

Baumexperten schätzen das Alter des Müsselmower Exemplars auf „nur“ 250 bis 350 Jahre. Sei’s drum. Solche Riesen – allein in der Landschaft stehend – haben etwas Faszinierendes an sich. Zugleich sind sie stumme Zeitzeugen. Nicht nur wegen des auch bei der Müsselmower Eiche in die Rinde eingeritzten Herzchen samt Initialen des hier einst weilenden unbekannten Liebespaares.

Die Stieleiche hat wettermäßig alle Stürme überstanden, auch die Kriege der vergangenen Jahrhunderte konnten dem Riesen mit einem Umfang von aktuell 8,18 Metern nichts anhaben. Von weitem unübersehbar, steht er 30 Meter hoch in voller Pracht und mit ausladener Krone da.

Deutschlandlied-Dichter wandelte einst hier

Unter allen Bäumen kommt hierzulande seit Jahrhunderten der Eiche eine besondere Symbolkraft zu. Standhaft, langlebig… Stieleichen gehören mit einem Stammwachstum von ein bis zwei Millimetern pro Jahr (!), zu den extrem langsam wachsenden Bäumen.

Die „Deutsche Eiche“ ist ein Jahrhunderte altes Synonym der hiesigen Kulturgeschichte. Auch Hoffmann von Fallersleben (1798 - 1874), der Dichter des Liedes der Deutschen, widmete ihr 1859 ein Gedicht.

„Wie die Eichen himmelan / Trotz den Stürmen streben, / Wollen wir auch ihnen gleichen, / Frei und fest wie deutsche Eichen / Unser Haupt erheben“, heißt es im „Bundeszeichen“.

Mit seinen „Unpolitischen Liedern“ hatte sich von Fallersleben für die Schaffung eines deutschen Nationalstaates und die Überwindung der Kleinstaaterei eingesetzt. Der streitbare Geist des Vormärz wurde darum Ende 1842 aus Preußen vertrieben und fand zwischen 1844 und 1849 unweit von Müsselmow Aufnahme bei Gutsbesitzern in Buchholz und Holdorf. Bei seinen überlieferten ausgedehnten Wanderungen dürfte er garantiert auch die Müsselower Eiche in Augenschein genommen haben. Denn so allein steht selten solch ein Exemplar.

Vielleicht war es einst eine so genannte Grenzeiche. In Müsselmow wird sie noch heute Kreuzweg-Eiche genannt. Vom letzten Haus sind es 700 Meter Fußmarsch bis zum markanten Einzelbaum. Geradeaus führt der Feldweg nach Wendorf, rechts vor der Eiche geht ein weiterer nach Kritzow, ist aber nur teilweise befahrbar. Linkerhand gab es einst noch einen Weg nach Holzendorf Ausbau.

Zu DDR-Zeiten wurde dieser als Panzerstrecke genutzt. Davon zeugt nur noch die überdimensionierte (Panzer-)Brücke über das Flüsschen Göwe. Die DDR ist ebenso Geschichte wie der nach der Wende umgepflügte Weg nach Holzendorf Ausbau. An der Stieleiche prangt das altbekannte Naturdenkmalschild mit der Eule und dem Zusatz „Der Rat des Kreises“. Dem Baum ist’s egal…

Gedicht: Bundeszeichen

Melodie: Brüder, laßt uns lustig sein

Frei und unerschütterlich
Wachsen uns’re Eichen,
Mit dem Schmuck der grünen Blätter
Stehn sie fest in Sturm und Wetter,
Wanken nicht noch weichen.

Wie die Eichen himmelan
Trotz den Stürmen streben,
Wollen wir auch ihnen gleichen,
Frei und fest wie deutsche Eichen
Unser Haupt erheben.

Darum sei der Eichenbaum
Unser Bundeszeichen:
Daß in Thaten und Gedanken
Wir nicht schwanken oder wanken,
Niemals muthlos weichen.

Hoffmann von Fallersleben 1859

Kirchlinde Zurow

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Die Zurower Kirchlinde, etwas außerhalb des Naturparks Sternberger Seenland befindlich, ist der Methusalem unter den Bäumen in MV. Ihr Alter wird auf 900 Jahre geschätzt, damit wäre es der drittälteste Baum Deutschlands! Um 1800 soll sie, so die Überlieferung, in einem Gewittersturm auseinandergebrochen sein. Der Stammumfang beträgt 9,04 Meter.

Auch das Zurower Gotteshaus ist beileibe nicht eines von vielen gotischen Kirchen, wie man sie so auf dem Lande vorfindet. Durch ein „wundertätiges“ Marienbild hatte die für ein Dorf große Zurower Kirche im 15. Jahrhundert gar Bedeutung als Wallfahrtskirche.

Kirchlinde Witzin

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Bei der Witziner Kirchlinde handelt es sich um ein in den 1950er-Jahren ausgemauertes und mit Efeu überwuchertes zweistämmiges Fragment. Die Krone ist gelichtet, allerdings immer noch vital.

Da das Taufbecken vor der Linde und die Kirche auf die Zeit um 1300 datieren, kommt Baumexperte Michel Brunner für die Linde, die er als Holländische Linde oder Bastard einordnet, deshalb auf ein Alter von 700 Jahren. Andere Experten sind da vorsichtiger mit 400 bis 500 Jahren. Die Kirchlinde hat eine Höhe von 16 Metern und wurde letztmalig vor zwei Jahren mit einem Umfang von 8,57 Metern vermessen.

Fünfarmige Buche Dabel

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Die fünfarmige Buche von Dabel ist auf ihre Art schon ein besonderes Exemplar. Sie zu finden, ist nicht so einfach, doch Revierförster Jörn Schilling wies den Weg: „An der Gaststätte ,Blauer Bock‘ in Dabel der Straße nach Kukuk folgen, in einer Senke steht ein kleines Kreuz. Dann links in den Waldweg gehen, ca. 500 Meter steht die Buche direkt am Weg.“ Der gewaltige Stamm teilt sich in fünf Hauptkronenäste – darum der ungewöhnliche Name. Förster Schilling geht davon aus, dass es sich um eine so genannte Büschelpflanzung gehandelt haben könnte.

Alter: ca 250 Jahre, Stammumfang: 7,84 Meter.

Kirchlinde Holzendorf bei Müsselmow

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Ein besonders ausladendes wie knorriges Exemplar einer Kirchlinde steht auf dem Friedhof in Holzendorf bei Müsselmow. Direkt an der Friedhofsmauer befindlich, ragt ein riesiger Seitenast der 26 Meter hohen Linde über die zum Nachbarort führende Dorfstraße. Die Holzendorfer Linde sieht noch sehr vital und kraftstrotzend aus. Die beiden Hauptstämme bilden ein so genanntes „Elfenauge“. Wenn ein Baum seinen Stamm teilt, der anschließend wieder verwächst, so wird das als „Elfenauge“ bzw. auch „Engelsauge“ bezeichnet. Die Altersangaben der Kirchlinde schwanken von 250 bis 550 Jahren.






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