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Forderungskatalog an neuen Landtag : Mahnruf der Wirtschaft

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die drei regionalen Unternehmerverbände des Landes wollen dem neuen Landtag einen Katalog von elf Forderungen vorlegen

von
erstellt am 08.Sep.2016 | 21:00 Uhr

Die drei regionalen Unternehmerverbände warnen die künftige Landesregierung vor strukturellen Schwierigkeiten bei der Integration von Flüchtlingen. Zudem fordern sie mehr Augenmaß beim Ausbau der erneuerbaren Energien und sie reklamieren ernsthafteres Gehör für die kleinen und mittleren Unternehmen, etwa als Experten in parlamentarischen Anhörungen und anderen Beteiligungsverfahren.

In einem gemeinsamen Papier formulieren der Unternehmerverband Norddeutschland, Rostock - Mittleres Mecklenburg und Vorpommern insgesamt elf Forderungen an die Politiker.

So beteuern sie, Zuwanderer schneller integrieren zu wollen und bestreiten ausdrücklich mangelnde Offenheit oder Vorurteile unter ihren Mitgliedern, verweisen jedoch auf objektive Hemmnisse: „Es existieren kaum personelle Kapazitäten, die es erlauben, eine geringere Leistungsfähigkeit zu kompensieren. Einfache Tätigkeiten sind kaum noch vorhanden, in der Regel werden gut qualifizierte Fachleute benötigt. Sehr gute Kenntnisse der deutschen Sprache, spezifische Ausbildungen oder Weiterbildungen sind nötige Voraussetzungen.“

Die Landesziele bei der Energiewende sind den Verbänden zu ehrgeizig: „Nicht nur aus ökologischen und touristischen Aspekten heraus ist dringend davon abzuraten, Strom um ’jeden Preis’ zu erzeugen.“ Gemeinsam beanspruchen die drei Verbände eine eigenständige Besetzung regionaler und landesbezogener Gremien.

Die Forderungen im Detail

1. Gesellschaftliche Anerkennung von Unternehmern stärken

Das Unternehmertum in unserem Bundesland ist vielfältig und vorwiegend geprägt von Klein- und Kleinstunternehmen. Unternehmer tragen Verantwortung für ihre Mitarbeiter und deren Familien und engagieren sich überdies in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. In den Schulen und Universitäten müssen noch mehr Anstrengungen zur Vermittlung der Schlüsselkompetenzen für unternehmerisches Denken und Handeln unternommen werden. Ein insgesamt positiveres Unternehmerbild würde mittel- und langfristig den Mut und das Interesse, selbst zu gründen oder ein Unternehmen zu übernehmen und unternehmerisch tätig sein zu wollen, befördern.

2. Wertschöpfung steigern

In unserem Land werden im Jahr ca. 40 Mrd. € (BIP) erwirtschaftet, aber ca. 45 Mrd. Euro ausgegeben. Noch wird diese Wertschöpfungslücke über Förderungen aus der EU und dem Solidarpakt ausgeglichen. Aufgabe der Wirtschaftspolitik in Mecklenburg-Vorpommern muss es sein, die in drei Jahren auslaufenden Förderungen durch den Solidarpakt und das Ende der EU–Fördermittelperiode im Jahr 2021 über eine Erhöhung der Wertschöpfung aufzufangen und damit die Handlungsfähigkeit und Gestaltungsmöglichkeiten im Land zu erhalten. Der Weg dahin muss darin bestehen, die Industriedichte über eine weiterhin gute Ansiedlungspolitik zu erhöhen, Investitionsvorhaben zu fördern, den Anteil am verarbeitendem Gewerbe zu erhöhen, Forschung und Entwicklung über eine intensivere Verzahnung von Wissenschaft und Wirtschaft zu unterstützen und die Exportquote durch eine bessere Außenwirtschaftspolitik zu erhöhen.

3. Reale Wirtschaftsstruktur beachten

Die vorhandenen Wirtschaftsstrukturen mit der Vielzahl kleiner und mittlerer Unternehmen dürfen nicht aus dem Blick verloren werden. Die regionalen Verbände repräsentieren in ihrer Mitgliederstruktur die typische Unternehmenslandschaft Mecklenburg-Vorpommerns in besonderer Weise. Auf die große Anzahl kleinster, kleiner und mittlerer Unternehmen ist ein größerer Fokus als bisher zu legen, da sie bereits heute im intensiven Wettbewerb mit größeren und leistungsfähigeren Wirtschaftseinheiten um die immer knapper werdenden Ressourcen von Auszubildenden und Fachkräften stehen. Auch Kapitalpolster sowie Managementkapazitäten von KMU sind begrenzt, so dass Investitionen oder ein Eintritt in internationale Märkte wesentlich schwerer zu bewerkstelligen sind, als dies bei größeren Unternehmen der Fall ist.

4. Fachkräfte sichern – betriebliche Ausbildung stärken

Dem Erhalt und der Sicherung des Bedarfs an notwendigen Fachkräften muss angesichts der demografischen Entwicklung eine noch größere Aufmerksamkeit zukommen. Dabei sind die spezifischen Strukturen der KMU stärker zu berücksichtigen. Berufliche Aus- und Weiterbildung verknüpft mit einer Gesundheitsvorsorge in den Unternehmen erhalten notwendige Kompetenzen und persönliche Arbeitsfähigkeiten und unterstützen dabei, dass auch KMU als attraktive Arbeitgeber gesehen werden. Jedoch bedürfen viele der kleinen und mittleren Unternehmen dabei einer externen Unterstützung und Förderung.

Die jahrelang betriebene Fokussierung auf gymnasiale Schulbildung und akademische Berufsabschlüsse zeigt jetzt ihre Folgen. Die duale betriebliche Ausbildung hat an Anerkennung und Wert verloren. Mit der Zentralisierung der Berufsschulstandorte wird es den Unternehmen noch schwerer gemacht, Schulabgänger für ihre Ausbildungsplätze zu gewinnen. Je weiter entfernt die Berufsschulen vom Ausbildungsbetrieb sind, umso weniger Fachkräfte werden in diesen Berufen noch ausgebildet, was die Fachkräftesituation weiter verschärfen wird. Die Unternehmerverbände fordern, die Schwerpunkte der Berufsorientierung an Schulen neu zu ordnen und dabei auf eine weitere Stärkung der MINT-Fächer abzuzielen. Die duale Ausbildung und auch die Meisterqualifizierung sind intensiv zu unterstützen und Anreize zu schaffen, dass wieder mehr junge Leute über eine berufliche Ausbildung den Weg in die Wirtschaft finden.

5. Zuwanderer schneller integrieren

Die Unternehmerschaft in Mecklenburg-Vorpommern ist bereit, sich den Herausforderungen zur Integration von Asylbewerbern und Flüchtlingen zu stellen. Die noch meist sehr homogenen Strukturen in den Unternehmen begründen sich nicht mit einer mangelnden Offenheit gegenüber dem nicht typischen und durchschnittlichen Arbeitnehmer oder mit etwaigen von Vorurteilen geprägten Einstellungen der Unternehmerschaft.

Eine nachhaltige Integration in den Unternehmen ist eher auf Grund der Strukturen von KMU mit Schwierigkeiten und Herausforderungen verbunden. Es existieren kaum Ressourcen oder personelle Kapazitäten, die es erlauben, eine geringere Leistungsfähigkeit zu kompensieren. Einfache Tätigkeiten sind kaum noch vorhanden, in der Regel werden gut qualifizierte Fachleute benötigt. Sehr gute Kenntnisse der deutschen Sprache in Wort und Schrift, spezifische Ausbildungen oder Weiterbildungen sind nötige Voraussetzungen. Hier fordert die Wirtschaft, große Anstrengungen für einen berufsbezogenen, möglichst arbeitsintegrierten, Spracherwerb und abschlussorientierte Ausbildungen zu unternehmen.

6. Energiewende mit Augenmaß voranbringen

Mit teils sehr unterschiedlichen Positionen, die sich aus der Zugehörigkeit zur Anbieteroder Nutzerseite ergeben, verfolgen wir die ehrgeizigen Landesziele zum Ausbau der erneuerbaren Energien. Nicht nur aus ökologischen und touristischen Aspekten heraus ist dringend davon abzuraten, Strom um „jeden Preis“ zu erzeugen. Schon heute liegen wir mit ca. 20 Prozent für die Mehrheit der Wirtschaft und der Bevölkerung deutlich über den Strompreisen anderer Bundesländer. Die ungeregelte bundesweite Verteilung der Netzkosten ist ein deutlicher Standortnachteil für unser Land. Die Landesregierung ist in Kooperation mit den ostdeutschen Bundesländern aufgefordert, weiterhin offensiv die Position der ostdeutschen Wirtschaft im Bund zu vertreten.

7. Breitband ausbauen – regionale Wirtschaft beteiligen

Aus Sicht der Wirtschaft hat der Ausbau der flächendeckenden Breitbandinfrastruktur oberste Priorität und ist eine Pflichtaufgabe für die Politik und Verwaltung. Ohne Breitband entstehen existenzgefährdende Wettbewerbsnachteile. In Regionen ohne flächendeckende Breitbandversorgung wird es keine Selbstständigkeit, keine Existenzgründung und keine Weiterentwicklung von bestehenden Unternehmen geben. Mit Blick auf die Förderung durch Bund, Land und Kommunen können Investitionen in Höhe von 1,5 Mrd. Euro ausgelöst werden. Hier appellieren wir, die Ausschreibungsbedingungen so zu gestalten, dass sich auch kleine und mittlere Unternehmen aus Mecklenburg-Vorpommern beteiligen können.

8. Nachhaltige Entwicklungen fördern

Die Zukunftsfähigkeit unseres Landes ist eng mit den globalen Herausforderungen verknüpft und stützt sich deshalb auf eine starke Wirtschaft, die im Einklang mit der besonderen naturräumlichen Ausstattung Mecklenburg-Vorpommerns steht. Eine kluge Nachhaltigkeitspolitik muss deshalb gewährleisten, dass dem Schutz natürlicher Ressourcen in allen Branchen verstärkt Rechnung getragen wird.

Hierzu tragen die wachsende Nutzung autochthoner Potenziale, der Ausbau wirtschaftlicher Nahverflechtung mit den Metropolen Hamburg, Berlin und Stettin und eine kluge, ansiedlungsfördernde Anpassung der Daseinsvorsorge in den ländlichen Räumen bei.

9. Staatswirtschaft unterbinden

Die Unternehmerverbände fordern die Landesregierung auf, sich dafür einzusetzen, dass es auf kommunaler Ebene keine Renaissance der Staatswirtschaft gibt. Die Gründung öffentlicher Unternehmen, die der Privatwirtschaft Marktanteile entziehen, verstößt klar gegen marktwirtschaftliche Prinzipien. Der Staat soll sich vorwiegend über Steuern und Gebühren finanzieren. Tätigkeiten, mit denen die Kommunen an dem vom Wettbewerb beherrschten Wirtschaftsleben ganz überwiegend mit dem Ziel der Gewinnerzielung teilnehmen, sind nicht zulässig. Die Verbände fordern faire Wettbewerbsbedingungen ohne Einschränkungen der unternehmerischen Freiheit.

10. Bürokratieabbau ernsthaft voranbringen

Nach wie vor ist es nötig, wirksame Beiträge zum Bürokratieabbau zu leisten. Eine Reduzierung der Überregulierung des Behördenhandelns, ein Abbau von Stellen, Vorschriften und Gesetzen, aber auch die Schaffung einer erhöhten Transparenz behördlichen Handelns sind gerade für KMU zwingend. Während Großunternehmen eigens Mitarbeiter zur Erledigung der bürokratischen Pflichten beschäftigen können, sind kleinere Betriebe damit oft überlastet. Die mit dem Inkrafttreten des Mindestlohngesetzes eingeführten Dokumentations-, bzw. Aufzeichnungspflichten sind hierbei nur ein Beispiel. Die Bürokratie steht auch Start-ups im Weg. Potenzielle Gründer/innen müssen aufwendig Regularien und Zuständigkeiten erfragen, die Vorgänge erweisen sich oftmals als langwierig und sehr kompliziert. Es mangelt an einer optimalen Zusammenarbeit von zuständigen Stellen.

11. Dialog mit regionalen Wirtschaftsvertretern stärken

Gemeinsam beanspruchen die drei mitgliederstärksten und in ihrer jeweiligen Region führenden Verbände eine eigenständige Besetzung regionaler und landesbezogener Gremien. Die Struktur der Regionalverbände stellt eine Mitwirkung aller Arbeitgebervertreter unabhängig von ihrer Größe und ihrer Branchenzugehörigkeit sicher und garantiert eine repräsentative und allgemeingültige Interessenwahrnehmung.

Während Fachverbände und überwiegend kommunal orientierte Handels- und Gewerbevereine sehr spezifische Interessen vertreten, verfügen die regionalen Unternehmensverbände durch ihre jahrelange Tätigkeit über die fachliche Kompetenz, um diese anspruchsvollen Tätigkeiten im Interesse der jeweiligen Einrichtung mit der gebotenen Fürsorge und der entsprechenden Reputation ausführen zu können.

Landesweit über 1.500 Unternehmen mit ihren rund 50.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind das Rückgrat der drei Regionalverbände. Sie bilden zugleich das Potential couragierter, an der Entwicklung des Landes und ihrer jeweiligen Region interessierter Arbeitgeberpersönlichkeiten. Die drei Verbände stehen mit ihrem Haupt- und Ehrenamt stellvertretend dafür.

Auf die Zusammenarbeit mit unseren Verbänden können Sie bauen! Fordern Sie uns! Viel Erfolg für die Herausforderungen der nächsten Jahre und Mut für langfristige Lösungen für Entwicklung unseres Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern.

Quelle: Unternehmerverband Norddeutschland Mecklenburg-Schwerin e. V.

>> Alles rund um die Landtagswahl finden Sie in unserem Dossier.

 

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