Kreisverband Müritz : Machtmissbrauch im Awo-Haus

Awo-Landeschef Rudolf Borchert
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Awo-Landeschef Rudolf Borchert

Ein Prüfbericht belegt, dass sich zwei Männer an der Spitze eines Awo-Kreisverbandes jahrelang bereicherten und abkassierten

Die beiden Herren an der Spitze des Kreisverbandes der Arbeiterwohlfahrt Müritz führten über Jahre hinweg ein eisernes Regime. Sie agierten wie Patriarchen. Die anderen Verbandsmitglieder waren mehr oder weniger nur Statisten. Kritische Nachfragen zu Vertragsinhalten oder Anstellungsverhältnissen wurden vom Geschäftsführer und dem Kreisvorsitzenden nicht geduldet. „Frag nicht, halt die Klappe!“ So beschreibt Rechtsanwalt Olaf Petersen den Umgangston im Awo-Kreisverband. „Das war ein geschlossenes System. Diskussionen wurden nicht zugelassen“, erinnert sich die neu ernannte Geschäfsführerin Simone Ehlert auf der gestrigen Pressekonferenz in Schwerin. Und es war ein korruptes System.

Der Ex-Geschäftsführer Peter Olijnyk und der ehemalige Kreisvorsitzende Götz-Peter Lohmann haben laut einem Bericht der unabhängigen Prüfer ihre Macht über Jahre missbraucht und sich selbst bereichert. Den Prüfbericht der Rechtsanwaltskanzlei Petersen & Schürmann über die Machenschaften Olijnyk und des Lohmann hat der Awo-Landesvorstand am Freitag in der Landeshauptstadt vorgelegt.

Demnach erhielt der frühere Geschäftsführer seit 2012 ein unverhältnismäßig hohes Jahresgehalt von 150 000 Euro brutto, dazu im Durchschnitt 30 000 Euro Tantiemen im Jahr. Außerdem musste die Awo Rücklagen für seine monatliche Betriebsrente von rund 2000 Euro bilden. Der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Lohmann seinerseits bezog aufgrund eines Beratervertrags mit einer Awo-Tochtergesellschaft demnach monatlich 5100 Euro, ohne Gegenleistungen zu erbringen. Außerdem finanzierte ihm der Verband in Waren/Müritz ein Büro als psychologische Beratungsstelle.

Über fast zehn Jahre hinweg seien keine signifikanten Tätigkeiten Lohmanns festgestellt worden, sagt Rechtsanwalt Petersen. Der Ex-Abgeordnete habe keinerlei Arbeitsnachweise erbracht, obwohl dies bei der Awo Usus gewesen sei. Seit 2006 habe Lohmann die Awo rund
700 000 Euro gekostet.

Der Kreisvorstand ist über die Verträge nicht informiert worden. Dies führt Awo-Landesgeschäfstführer Bernd Tünker auf die „perfide Technik“ der beiden Männer zurück, die immer im Duo aufgetreten seien, selbstbewusst und überzeugend agiert hätten. Es sei nachvollziehbar, dass die ehrenamtlichen Vorstandsmitglieder sich mit deren Antworten begnügten und dass abhängig Beschäftigte sich nicht auflehnten. „Das Vier-Augen-Prinzip als Schutzmaßnahme wurde systematisch umgangen“, sagt Tünker.

Zum großen Knall sei es erst gekommen, als Meinungsverschiedenheiten im Vorstand um die geplante Nachfolge Olijnyks eskalierten. Der Vorstand habe sich dann alle Verträge vorlegen lassen. Der Awo-Landesvorsitzende und scheidende SPD-Landtagsabgeordnete Rudolf Borchert sprach von einem Glaubwürdigkeitsschaden für den Sozialverband, den zu mindern es Jahre brauche. Borchert, der als früherer Kreisvorsitzender der Awo Müritz beide Männer seit Jahren gut kennt, will von all dem nichts gewusst haben. Er wies Unterstellungen zurück, er hätte von den Machenschaften in Waren wissen müssen. Er sei seit 2002 mit dem Kreisverband Müritz nicht mehr befasst gewesen, behauptete er. Und: „Ich hätte so etwas niemals akzeptiert.“ Er kündigte Vorschläge für mehr Transparenz im Verband an.

Welche rechtlichen Schritte die Awo einleiten werde, um Schadensersatzansprüche geltend zu machen, wird laut Tünker noch geprüft. Derzeit laufen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Neubrandenburg gegen Lohmann und Olijnyk wegen Untreue. Die Geschäfstführung in der Awo-Müritz hat nun Simone Ehlert übernommen. Sie wird laut Awo-Landeschef die Zeit der Patriarchen beenden.

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