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Mecklenburg-Vorpommern

19. November 2017 | 22:38 Uhr

"Lustiges" Konzert mit traurigen Folgen

vom

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erstellt am 18.Nov.2011 | 10:30 Uhr

Ribnitz-Damgarten | Nach vierzig Jahren haben Johanna Hinze und Anna Schmidt einen Skandal dorthin gebracht, wo er hingehört: in eine Zeitung. Für ihre Recherche über einen folgenreichen Kirchenbesuch im Jahr 1970 wurden die beiden Gymnasiastinnen aus Ribnitz-Damgarten nun von höchster Stelle belohnt. Beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten gewannen sie als beste Teilnehmer aus Mecklenburg-Vorpommern einen zweiten Preis.

Im Sommer 1970 trafen sich die Schüler der ehemaligen 12b der Erweiterten Oberschule (EOS), wie das heutige Gymnasium Ribnitz-Damgarten damals hieß, in Marlow bei einem ihrer Klassenkameraden. Sie wollten das gerade bestandene Abitur noch einmal im privaten Kreis feiern. Da alle 27 Schüler sehr pünktlich erschienen waren, nutzten sie die Zeit für einen Besuch eines "etwas anderen" Kirchenkonzerts. Der junge Pastor Hansjürgen Rietzke versuchte, mit Popmusik um Besucher für das Marlower Gotteshaus zu werben. Als die Klasse wieder im Garten ihres Mitschülers saß, traf ihr Klassenlehrer Christoph Achenbach ein. Er bedauerte bei der "lustigen halben Stunde", wie ein Schüler das Konzert nannte, nicht dabei gewesen zu sein.

Lehrer und Schulleiter müssen gehen

Die aus heutiger Sicht harmlose Episode änderte wenige Tage später das Leben zweier Lehrer und mehrerer Schüler. Wenige Tage nach dem Klassenfest wurde Achenbach zum Rat des Kreises für Inneres, die staatliche Schnittstelle zur Stasi, beordert und verhört. Dem Lehrer wurde vorgeworfen, dass es unverantwortlich sei, wenn EOS-Schüler eine Kirche besuchen. Seine sozialistische Erziehung habe offenbar versagt. Drei Tage vor dem Ende der Sommerferien zitierte ihn Schulrat Ingward Jung zu sich. Achenbach wurde, weil er es an "revolutionärer Wachsamkeit" habe mangeln lassen, an die Polytechnische Oberschule (POS) der Stadt versetzt. Das reichte der sozialistischen Staatsgewalt allerdings nicht. Auch Schulleiter Klaus Petermann musste die Schule verlassen. Er wurde Leiter der Volkshochschule.

Die EOS sei nun einmal die "Kaderschmiede der Partei" gewesen, berichtete Christoph Achenbach den beiden Schülerinnen. Wer aufgenommen werden wollte, musste nicht nur genügend Einsen und Zweien vorweisen, sondern die Beurteilung der Lehrer musste ihnen auch eine klare ideologische Einstellung und ein klares Bekenntnis zum Sozialismus bescheinigen. Was nicht heißt, so Achenbach, dass alle EOS-Schüler überzeugte Sozialisten waren. Aber in der Beurteilung musste es stehen. "Die Schüler hatten sich offenbar darauf eingestellt", sagt Anna Schmidt. Sie war "erschrocken, wie sehr man sich ideologisch anpassen musste, um eine gute Ausbildung zu bekommen." Die 18-jährige und ihre gleichaltrige Freundin Johanna waren von ihrer Geschichtslehrerin auf den Fall Achenbach aufmerksam gemacht worden. Ein halbes Jahr lang befragten sie Zeitzeugen, lasen Bücher über die politische Situation in der DDR der 1970er-Jahre, ließen sich Akten von der Stasi-Unterlagenbehörde kommen und suchten im Stadtarchiv von Ribnitz-Damgarten. "Das Archiv war wenig ergiebig", sagt Anna, "denn Vorfälle wie der Fall Achenbach wurden nicht dokumentiert".

Pressezensur in örtlichen Zeitungen

Und in der örtlichen Zeitung fanden sie dank der in der DDR herrschenden Pressezensur auch keine Hinweise. Gerade deshalb druckten sie ihre Erkenntnisse als eigene Zeitung, die sie beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten einreichten. "In ihrer Darstellung … machen die Schülerinnen deutlich, dass das Fallbeispiel nicht allein eine hohe biografische Relevanz hatte, sondern Aufklärung leisten kann über totalitäres Staatshandeln in der DDR insgesamt", urteilte die Jury.

Von über 1100 Beiträgen aus dem gesamten Bundesgebiet landeten Anna und Johanna unter den 20 besten. Denn sie beleuchteten nicht nur den Wendepunkt in Achenbachs Biographie. Einigen der Schüler der 12b, so erfuhren Anna und Johanna, wurde ihre Lessing-Medaille aberkannt. Diese höchstmögliche Auszeichnung für Schüler hatten sie für ein besonders gutes Abiturzeugnis erhalten. Anderen wurde mit Konsequenzen für ihren weiteren Lebensweg gedroht. Die Familie von Schulleiter Petermann wurde auf einmal gesellschaftlich gemieden - "gemobbt" würde man heute sagen. Petermanns zogen "freiwillig" in eine Neubausiedlung um.

Der Protest einiger Eltern gegen die Versetzung Achenbachs hatte keinerlei Wirkung. Der Pädagoge sei wegen "Lehrermangels" an die POS beordert worden, so die offizielle Begründung. Anna und Johanna fanden heraus, dass der Mangel an "revolutionärer Wachsamkeit" auch anderen Lehrern zum Verhängnis wurde. Eine Lehrerin in Marlow nahm den Vater einer Schülerin mit auf den Ausflug ihrer sechsten Klasse. Ihr Verhängnis: Der Vater war Pastor. Für den Kreis- und den Bezirksschulrat Grund genug, die Lehrerin zu entlassen. Staatliche Schule und die von den Oberen sowieso drangsalierte Kirche durften sich eben nicht zu nahe kommen. Ebenso leuchteten die beiden Schülerinnen das politische Umfeld aus. In den Zeiten des Kalten Krieges fürchtete die DDR, "konterrevolutionäre" Kräfte könnten aufbegehren - wie zwei Jahre zuvor in der Tschechoslowakei. Erschreckend findet Anna, dass die Stasi sogar unter Schülern Spitzel anwarb und Lehrer ihre Schüler für den Staat beobachteten.

"So wurde 1970 der Besuch eines Kirchenkonzerts zu einem westlichen und damit feindlichen Ereignis hochstilisiert und abgestraft", folgerten Anna und Johanna. Achenbach, parteilos und Kirchgänger, stand möglicherweise schon länger auf der "Abschussliste" der Schulbehörde.

Ex-Funktionäre schweigen noch immer

Einige ihrer heutigen Lehrer "haben sich sehr über unsere Arbeit gefreut", berichtet Anna. Sie kannten ihn noch als Kollegen oder waren einst Schüler von Achenbach. Anna: "Viele wussten, dass da einmal etwas vorgefallen war, aber niemand wusste Details." Bedauerlich findet sie die mangelnde Reaktion der damaligen Funktionäre auf ihre Bitten um Auskunft. "So bleibt unsere Darstellung leider einseitig."

Christoph Achenbach war von 1991 bis 1998 Direktor des Gymnasiums in Ribnitz-Damgarten. "Der zeitliche Abstand zur Versetzung 1970 ist groß, manches sehe ich inzwischen gelassener", sagt der 74-jährige Pensionär. Für ihn sei es interessant, "dass die heutige Generation das Thema aufgreift und wie sachlich sie damit umgeht." Beruflich sei seine Versetzung "nicht erfreulich gewesen", finanziell spüre er sie noch heute an der Höhe seiner Rente. Härter traf ihn allerdings, als seine Mutter im Alter von 80 Jahren in Duisburg in ein Pflegeheim kam, und er sie nicht besuchen durfte. "Da missachtete die DDR menschliche Werte."

An ihrem Geschichtsprojekt "bin ich gewachsen", sagt Anna. "Wir haben mit Leuten schwierige Themen besprochen. Bei einigen hatten wir Angst, alte Wunden aufzureißen."

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