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Streiks in MV : Lohnlücke macht Ost-Arbeiter sauer

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Warnstreiks bei Nestlé, Oetker und Co.: Beschäftigte klagen Lohnangleichung an West-Niveau ein

Lohngefälle im Vorzeigewerk: Auch eineinhalb Jahre nach Produktionsstart im modernsten Kaffeewerk der Firmengruppe zahlt der Nestlé-Konzern seinen Beschäftigten im Werk Schwerin, aber auch im Kinderkostwerk in Conow (Landkreis Ludwigslust-Parchim) zum Teil deutlich geringere Tariflöhne als im Westen. Die Löhne für die Beschäftigten im Nordosten fallen teilweise mehrere hundert Euro niedriger aus als im vergleichbaren Tarifgebiet Schleswig-Holstein/Hamburg, kritisierte die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) gestern.

Dabei hatte Nestlé-Deutschland-Chef Gerhard Berssenbrügge die Fabrik in Schwerin noch vor Jahren als das modernste und produktivste Kaffeewerk Europas gepriesen. Auch die Landesregierung warb mit gut bezahlten Industriearbeitsplätzen für das Werk. Der Job-Jubel stößt den Mitarbeitern inzwischen aber immer öfter auf: Zwar biete Nestlé gute und sichere Jobs und zahle Tariflöhne. Es gebe aber keine Begründung mehr dafür, warum der Ecklohn beispielsweise für Mechatroniker in Schwerin und Conow bis zu 350 Euro geringer ausfalle als beispielsweise in einem Nest-lé-Werk in Hamburg, kritisierte Nestlé-Beschäftigter und Gewerkschaftsmitglied Frieder Bohacek gestern. Kritik auch von mehr als 100 weiteren Nestlé-Beschäftigten in Schwerin: Sie forderten gestern bei einem mehrstündigen Warnstreik die Arbeitgeber auf, bei den Tarifverhandlungen die Lohnlücken zu den West-Tarifgebieten zu schließen.

Schlechte Löhne im Osten, ausgerechnet in der Boombranche Ernährungswirtschaft sind auch 25 Jahre nach der Deutschen Einheit gang und gäbe: Dr. Oetker, Unilever, Carl Kühne KG, Emsland Stärke – Millionen haben die Global Player in modernste Werke in MV gesteckt und die Ernährungswirtschaft zu einer der profitabelsten Branchen im Nordosten entwickelt. Der Landesregierung zufolge gehört die Ernährungsbranche zu den modernsten und leistungsfähigsten Europas. Für die Beschäftigten hat sich das allerdings nicht in den Maße ausgezahlt. Mit Tariflöhnen sind sie zwar vielerorts besser gestellt als viele ihrer Kollegen in tarifungebundenen gerade kleineren Unternehmen. Nach wie vor würden in den Stammwerken im Westen höhere Löhne gezahlt, kritisierte der NGG-Geschäftsführer in MV, Jörg Dahms. Die Arbeitgeber schert das kaum: Auch nach zwei Tarifrunden verweigerten die Arbeitgeber einen Angleichungsprozess für rund 1900 Beschäftigte der Obst- und Gemüseindustrie. Eine Tarifannäherung würden sie mit dem Verweis auf niedrigere Kosten in den neuen Ländern ablehnen, erklärte Dahms. Für die Beschäftigten wird das Kostenargument indes immer weniger nachvollziehbar: Zwar würden im Osten teilweise niedrigere Mieten verlangt, die allgemeinen Kosten seien aber im infrastrukturschwachen MV mindestens ebenso so hoch oder gar höher, erklärte Bohacek.

Nestlé-Sprecher Hartmut Gahmann lässt die Kritik nicht gelten: So sei der Lohn-Abstand zu Hamburg und Schleswig-Holstein in den vergangenen Jahren bereits schrittweise verringert worden, sagte er gestern. Nestlé halte sich an Flächentarifverträge. Dabei müsse sich ein Abschluss dann aber auch an den Unternehmen in der Fläche orientieren. Das seien jedoch zumeist klein- und mittelständische Betriebe. Den Ost-Arbeitern reicht es: Nach Warnstreiks in den Werken von Kühne in Hagenow, Pfanni in Stavenhagen und im Emsland-Kartoffelwerk in Hagenow vergangene Woche sowie nach dem zweistündigem Protest bei Nestlé gestern in Schwerin wollen morgen mehrere Hundert Beschäftigte im Oetker-Pizza-Werk in Wittenburg vors Tor ziehen und eine Lohnangleichung fordern.  

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erstellt am 02.Mai.2016 | 20:45 Uhr

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