zur Navigation springen

Serie: Krankenkassen-Frust : Logopädie auf Dauer zu teuer?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Zehn Jahre lang durfte die schwerbehinderte Sophia behandelt werden – jetzt lehnt die Kasse die Therapie ab

Beinahe zehn Jahre lang war es ein fester Termin im Kalender von Stefanie Hub und ihrer Tochter. „Immer dienstags um 15 Uhr war Sophia in Dömitz bei der Logopädin“ , erzählt die Mutter. Doch im Spätherbst letzten Jahres, ziemlich genau zu der Zeit, als Sophia zwölf Jahre alt wurde, war damit plötzlich Schluss. Die Innungskrankenkasse (IKK) Nord, bei der das Mädchen über seinen Vater versichert ist, lehnte es ab, die Behandlung weiter zu bezahlen. Begründung: Nach den vorliegenden Befundberichten sei die Fortführung dieser Langzeit-Therapie nicht nachvollziehbar.

Sophia hatte bis dahin eine „Behandlung außerhalb des Regelfalls“ bekommen. Der Regelfall wäre eine ärztliche Verordnung über eine bestimmte Zahl von Therapiesitzungen. „Das hieß, dass wir eine extra Genehmigung von der Krankenkasse brauchten“, erläutert die Mutter. „Die zu bekommen war aber so lange auch kein Problem, noch im August war die Verordnung problemlos verlängert worden.“

Dass Sophia seit November nicht mehr von der Logopädin betreut wird, hat fatale Folgen. „Sie spricht wieder viel schlechter, kann den Mund nicht richtig schließen, der Speichelfluss ist stärker geworden…“, zählt Stefanie Hub auf. Das Ganze mache sie so wütend, dass sie schon überlegt hätte, die Kinder einfach ins Auto zu laden und nach Flensburg zum Sitz der für sie zuständigen IKK-Nord-Niederlassung zu fahren, erzählt die Mutter. „Denn wer Sophia sieht, der erkennt auch, was los ist.“

Nur in den ersten 22 Monaten seines Lebens konnte das Mädchen sich wie andere Gleichaltrige entwickeln. In dieser Zeit lernte es zu laufen, zu sprechen, liebte es, Bücher anzuschauen. Doch der Schein trog, Sophia war nicht so gesund wie ihre Altersgefährten. „Ihre linke Schädelnaht hatte sich vorzeitig verschlossen“, erzählt die Mutter, die mit Sophia und deren beiden jüngeren Geschwistern in Tewswoos lebt. „Dadurch bestand die Gefahr, dass sich der Hirndruck unnatürlich steigerte. Außerdem begann Sophias Köpfchen, sich zu verformen“, erklärt sie. Nur eine Operation konnte Abhilfe schaffen.

Die Eltern entschieden sich, für diesen großen Eingriff in eine Hamburger Klinik zu gehen. Doch aus Gründen, die bis heute ungeklärt sind, ging dort etwas schief, war Sophias Gehirn einige Zeit nicht ausreichend durchblutet. Das hat irreparable Schäden hinterlassen.

Die Eltern brauchten lange, um zu realisieren, was das bedeutet. „Heute sind wir trotz allem froh, dass Sophia am Leben teilnehmen kann und kein Extrempflegefall ist“, meint ihre Mutter. Aber sie hadert damit, dass sie sich alle Informationen darüber, wer oder was ihrem Kind helfen kann, mühsam erkämpfen muss. „Freiwillig sagt keiner, was ihr zusteht.“

Worüber ärgern Sie sich? Schreiben Sie uns!
Obwohl die meisten Krankenkassen satte Rücklagen gebildet haben, knausern sie bei den Leistungen. Haben Sie auch diese Erfahrung gemacht? Dann schreiben Sie uns an medienhaus:nord, Redaktion, Kennwort: Krankenkassen-Ärger, Gutenbergstraße 1, 19061 Schwerin oder per Mail ebenfalls unter diesem Kennwort an redaktion@medienhausnord.de. Bitte geben Sie in jedem Fall Ihre vollständige Anschrift, den Namen Ihrer Krankenkasse und eine Telefonnummer für eventuelle Rückfragen an.

Noch heute läuft das juristische Verfahren über die Anerkennung des Behandlungsfehlers. Die IKK hat es angestrengt, erzählt Stefanie Hub, weil sie die Behandlungskosten erstattet haben will. Sie selbst und ihr Mann, von dem sie mittlerweile getrennt lebt, hätten sich das gar nicht leisten können. Trotzdem hofft die junge Mutter darauf, dass vielleicht mit einem Urteil auch Sophia ein Schmerzensgeld zugesprochen wird. „Dann könnten wir sie viel besser fördern. Und auch um ihre Zukunft als Erwachsene, die sie möglicherweise in einer Werkstatt für Behinderte verbringen muss, bräuchte ich mir nicht mehr ganz so viele Gedanken zu machen.“

Zurzeit geht Sophia in Ludwigslust in die Schule an der Bleiche, eine Förderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung. Wenn andere Kinder nachmittags herumtollen oder sich erholen können, hat das Mädchen Termine beim Physio- oder Ergotherapeuten. „Ein straffes Programm“, meint ihre Mutter – anschließend sei Sophia meist total erschöpft.

Doch alle, auch Sophia selbst, wissen, wie wichtig diese Therapien sind. Gegen den ablehnenden Bescheid der Krankenkasse habe sie deshalb auch gleich Widerspruch eingelegt, erzählt die Mutter. Dennoch blieb der begutachtende Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) dabei: Die beantragte Maßnahme sei sozialmedizinisch nicht notwendig, heißt es im Widerspruchsbescheid.

„Und dann stehen darin lauter Widersprüche: Dass die sprachheilpädagogische Förderung in der Schule ausreiche – andererseits beklagt die Kasse aber, dass ihr keine Beschulungsinformation vorliegt“, erläutert die Mutter. „Sie schreiben auch, dass ihnen kein aktueller Pflegebericht vorliegt – dabei hat Sophia, die zu 100 Prozent schwerbehindert ist, seit langem die Pflegestufe II und wird dafür auch regelmäßig vom MDK begutachtet.“ Pflegeversichert sei das Kind – natürlich – bei der IKK Nord. „Mir drängt sich der Verdacht auf, dass wir ihnen einfach zu teuer geworden sind“, meint Stefanie Hub.

Auch IKK-Nord-Sprecherin Angelika Stahl verweist auf fehlende Unterlagen. „Die hat die Kasse doch beim Kinderarzt angefordert“, wundert sich Stefanie Hub. Dass die IKK uns mitteilte, Sophia könnte sofort wieder zur Logopädie gehen, wenn eine Verordnung vorliege, sei Augenwischerei, so die Mutter. Denn solch eine Verordnung sei immer zeitlich begrenzt, Sophia aber bräuchte die Logopädie dauerhaft.

Nun muss der Widerspruchsausschuss der IKK entscheiden. Angelika Stahl zufolge wird das allerdings nicht vor Juni passieren.

zur Startseite

von
erstellt am 06.Mai.2016 | 05:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen