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Preis für Zivilcourage in Schwerin : Löwenherz im Stadtbus

vom

Auszeichnung für die Zivilcourage von Sarah Hinrich: Die 18-jährige Schülerin hielt vergangene Woche in einem Stadtbus in Schwerin einen gewalttätigen Mann auf, der ein siebenjähriges Kind schlagen wollte.

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erstellt am 10.Nov.2011 | 12:16 Uhr

Das war Rettung in letzter Minute: Die Schülerin Sarah Hinrich hielt vergangene Woche in einem Stadtbus einen gewalttätigen Mann auf, der ein siebenjähriges Kind schlagen wollte. „Sonst hätten wir vielleicht auch so einen schlimmen Fall wie in München oder Berlin bekommen“, sagte Polizeichef Siegfried Stang. Er ehrte gestern die junge Frau in Neubrandenburg für ihr mutiges Eingreifen. Was bisher nicht bekannt war: Die 18-Jährige erlitt selbst eine Wirbelsäulenfraktur am Hals, geht aber inzwischen wieder zur Schule. „Ich würde es aber wieder machen“, sagte die Schülerin vor Journalisten. Sie hatte selbst die Polizei gerufen, die den einschlägig vorbestraften Täter fasste. Er ist geständig.

Der 46-jährige hatte sich von einem sieben Jahre alten Jungen genervt gefühlt, er wollte ihn schlagen. Die Schülerin hatte sich schützend davorgestellt – und bekam dafür Beschimpfungen, einen Tritt in den Bauch und einen harten Faustschlag ins Gesicht. Von den meist älteren Fahrgästen griff niemand ein. „Ich dachte, der Busfahrer kommt, aber der kam nicht“, sagte Hinrich. Die Schülerin konnte die Polizei rufen, die den Mann an der nächsten Haltestelle festnahm. „Er hat ein psychisch gestörtes Verhältnis zu Kindern“, sagte Stang.
Die Nahverkehrsunternehmen im Nordosten setzen auf verschiedene Methoden, solche Vorfälle und Vandalismus zu verhindern oder aufzuklären. In Neubrandenburg, Rostock und Schwerin überwacht Videotechnik Busse und Bahnen. In Schwerin und Neubrandenburg fahren seit längerer Zeit Polizisten in Bussen mit – in Uniform.

„Das nutzt beiden Seiten“, sagt Holger Hanson, Chef der Stadtwerke Neubrandenburg, zu denen der Nahverkehr gehört. 13 000 Fahrgäste täglich befördern seine Busse. Die Zahl der Straftaten ist in zehn Monaten seit der „Mitfahr-Regelung“ um knapp 20 Prozent gesunken. Bei so einem Fall musste aber noch kein Beamter eingreifen. „Die Anwesenheit Uniformierter wirkt wohl abschreckend“, sagte Stang.

Ähnliche Erfahrungen hat Norbert Klatt von der Nahverkehr Schwerin GmbH. „Bei uns fahren Polizisten seit mehr als 10 Jahren in Bussen und Bahnen mit, vor allem das Verhältnis zueinander ist besser geworden.“ Trotzdem sollten Fahrgäste, die solche Gewaltvorfälle beobachten, möglichst schnell den Notrufknopf drücken, um den Fahrer zu alarmieren. Dieser habe direkten Kontakt zur Polizei.

Auch die Vandalismusschäden seien stark gesunken. In Schwerin betragen sie noch 50 000 Euro im Jahr, meinte Klatt. In Neubrandenburg freut sich Hanson, dass sie von jährlich 270 000 Euro vor neun Jahren „jetzt fast auf Null gesunken sind“. Bei der Rostocker Straßenbahn AG wurden jährlich 800 Scheiben zerstört, bevor die Videotechnik kam. 2010 gingen nur noch 66 Scheiben zu Bruch.

Die Videokamera in dem Bus, in dem die 18-Jährige vor einer Woche mitfuhr, hatte auch diesen Vorfall gefilmt. „Das ist ein wichtiger Beweis“, sagt Kriminalpolizist Hanno Lüders. „Mir ist wirklich übel geworden, als ich diese Aufnahmen anschaute“, schilderte Stadtwerkechef Hanson seine Empfindungen. Man könne der jungen Frau gar nicht genug danken.

Die letzte schlimme Gewalttat dieser Art ist im Nordosten noch nicht lange her: Am Himmelfahrtstag starb auf dem Bahnhof Warnemünde ein Mann, nachdem er von Betrunkenen attackiert worden war. Ein in dem Zuge heiß diskutiertes Alkoholverbot im öffentlichen Nahverkehr hätte in Neubrandenburg auch nicht geholfen, sind sich Klatt und Hanson sicher. „Unsere Fahrer sind angewiesen, Betrunkene gar nicht erst mitzunehmen“, so Hanson. Wie das in diesem Fall war, müsse noch geklärt werden. „Bei uns ist Essen und Trinken in den Fahrzeugen generell verboten, das gilt auch für Alkohol“, meinte Klatt.
Sarah Hinrich ist inzwischen schon wieder mit dem Bus gefahren: „War aber kein gutes Gefühl“, sagt sie.

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