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Hochschulen : Lockruf der Ost-Unis wirkt im Westen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die neuen Bundesländer rühren kräftig die Werbetrommel für ihre Universitäten und Fachhochschulen

svz.de von
erstellt am 06.Okt.2015 | 12:00 Uhr

Im Innenhof des Jenaer Universitätsgebäudes sitzt Lukas Gräter und raucht. Er sei aus Stuttgart zum Studium nach Thüringen gekommen und arbeite jetzt an seiner Doktorarbeit, erzählt der Jurist. „Mir hat die Stadt, die Stimmung hier gefallen. Alles ist überschaubar und fußläufig zu erreichen.“ Außerdem seien die Betreuung und der persönliche Kontakt zu den Professoren gut.

Derweil sondiert eine junge Frau mit ihrer Mutter die vielen Zettelchen am Schwarzen Brett im Innern des altehrwürdigen Hochschulgebäudes. Sie würde zwar lieber daheim in Bayern studieren, rechne sich aber in Jena bessere Chancen aus, einen Medizinstudienplatz zu ergattern, erzählt sie. Zudem sei Jena gut zu erreichen und die Miete günstiger als in Regensburg. Ob die Uni-Stadt im Osten oder Westen liege, spiele doch keine Rolle.

Einerseits unterscheiden die Nach-Wende-Kinder als Abiturienten heute wohl ohnehin nicht mehr so sehr zwischen Ost und West. Andererseits kann man, was die Anziehungskraft der Hochschulen in den neuen Ländern betrifft, „von einer Erfolgsgeschichte sprechen“, betont Gunnar Berg von der Wissenschaftler-Institution Deutscher Hochschulverband (DHV). Und der Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks (DSW), Achim Meyer auf der Heyde, sagt: „Da gehen Studenten gerne hin. Rostock, Cottbus, Greifswald – es ist attraktiv, in den neuen Bundesländern zu studieren.“ Die Unis in Ostdeutschland haben in den vergangenen Jahren in der Gunst von Abiturienten aus dem Westen rasant zugelegt. Nicht nur weil durch doppelte Abiturjahrgänge und das Ende der Wehrpflicht insgesamt viel mehr junge Menschen an die Hochschulen strömen. Der Osten kann mit niedrigeren Lebenshaltungskosten und teils sehr guten Studienbedingungen punkten. „Es gibt dort bessere Betreuungsrelationen – ein großer Vorteil aus studentischer Sicht“, sagt Meyer auf der Heyde. „Es gibt zum Teil hervorragende Bibliotheken, es gibt schöne Wohnheime und tolle Mensen.“ Zudem haben die Ost-Länder auf Studiengebühren verzichtet.

Nach Angaben der gemeinsamen Hochschulmarketing-Kampagne von Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern hat sich der Anteil westdeutscher Studenten innerhalb von sechs Jahren um 62 Prozent erhöht. An einigen Orten wie dem sächsischen Mittweida, aber auch Jena, Halle-Wittenberg oder der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Dresden waren es zum Wintersemester 2014/15 sogar mehr als doppelt so viele. Über den Kurzmitteilungsdienst WhatsApp, mit Touren in Schulen oder speziellen 3-D-Filmen wurde für die Hochschulen im Osten getrommelt.

An der Universität Jena, die für sich als „Studentenparadies“ wirbt, stammten zuletzt 59 Prozent der Erstsemester aus West-Bundesländern – aus Thüringen nicht einmal jeder Vierte (23,5 Prozent). Nach Daten des Statistischen Bundesamtes hat sich die Zahl der „Westler“ an Ost-Hochschulen in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdreifacht, ihr Anteil kletterte von 14 auf 44 Prozent. Jenas Uni-Präsident Walter Rosenthal sieht das Zuwachs-Potenzial fast ausgereizt.

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