Arbeitsmarkt : Lockmittel für Lehrlinge

Tablets, Fitnesstudio-Beiträge, Tankgutscheine: Firmen in MV werben mit einer Vielzahl von Extras um die Gunst der Lehrstellenbewerber.
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Tablets, Fitnesstudio-Beiträge, Tankgutscheine: Firmen in MV werben mit einer Vielzahl von Extras um die Gunst der Lehrstellenbewerber.

Unternehmen haben mittlerweile einen ganzen Katalog von Maßnahmen, mit denen sie die junge Leuten von einer Ausbildung überzeugen wollen.

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01. September 2017, 05:00 Uhr

Gute Zeiten, schlechte Zeiten: Während mittlerweile jeder dritte Jugendliche einen Ausbildungsplatz in seinem Wunschberuf bekommt, haben Betriebe immer größere Probleme, ihre Lehrstellen besetzt zu bekommen. Nahezu jedes zweite Unternehmen (43 Prozent) hatte im vergangenen Jahr weniger geeignete Bewerber als Ausbildungsplätze. In fast einem Drittel aller potenziellen Ausbildungsbetriebe (29,23 Prozent) gingen überhaupt keine Bewerbungen ein, ergab die jüngst vorgestellte Ausbildungs- und Azubi-Umfrage der drei Industrie- und Handelskammern (IHK) im Land.

Wer beim Werben um Azubis nicht leer ausgehen will, schafft Anreize für die jungen Leute: So bekommen sie – wie ihre ausgelernten Kollegen - in einer Reihe von Betrieben Urlaubs- und Weihnachtsgel. Fast zwei Drittel der Ausbildungsbetriebe im Land zahlen mittlerweile Zuschüsse zur Monatskarte oder zum Führerschein, damit ihre Auszubildenden die Kosten durch die oft sehr weiten Wege zur Berufsschule kompensieren können. Ein Drittel der IHK-Betriebe im Land gewährt seinen Auszubildenden einen höheren Urlaubsanspruch als gesetzlich vorgesehen.

Am Gewinn beteiligt

Am Gewinn beteilt werden, genauso wie die Abteilungsleiter oder die erfahrenen Kollegen? Für die Auszubildenden der Dockweiler AG in Neustadt-Glewe ist das selbstverständlich. Die Gewinnbeteiligung, die sich am Betriebsergebnis bemisst, wird auch für sie vierteljährlich gezahlt – wenn sie bestimmte Leistungsparameter erfüllen. „Dabei können dann noch einmal anderthalb Monatsgehälter zusätzlich rauskommen“, verdeutlicht die Ausbildungs-Verantwortliche Zara Gottschalk die Dimension. Auch Weihnachts- und Urlaubsgeld werden gezahlt.

Attraktiv wird die Ausbildung bei dem Unternehmen in Neustadt-Glewe auch durch eine Reihe von Zusatzleistungen: So werden Fahrtkosten zur Berufsschule in Wismar und zu Lehrgängen in Schwerin bezuschusst. Halbjährlich zahlt die Firma seinen Auszubildenden Büchergeld. Als besonderes Bonbon gibt es für die Dockweiler-Azubis jährlich Ausflüge zu besonderen Kunden. „Im letzten Jahr haben wir uns den Forschungsreaktor Wendelstein 7-X angesehen“, erzählt Gottschalk.

Heute beginnen fünf junge Menschen eine Lehre in Neustadt-Glewe. Bis vor zwei Jahren startete das Ausbildungsjahr bei der Dockweiler AG schon im August – „aber wegen des späten Ferienbeginns haben wir das verschoben“, erklärt Zara Gottschalk – auch das ein Entgegenkommen, mit dem der Betrieb punktet. Gottschalk verschweigt nicht: „Während wir bei den Ausbildungsplätzen für Industriekaufleute immer genug Bewerbungen bekommen, ist das bei den geweblichen Berufen – also bei den Konstruktions- und Zerspanungsmechanikern – schon schwieriger.“ Das Unternehmen wirbt gezielt in den Schulen der Umgebung für sich. Siebentklässler besichtigen an Praxistagen nicht nur das Unternehmen, sie dürften auch schon selbst ein Werkstück anfertigen. „Wir erklären ihnen, dass wir Schülerpraktika und auch Ferienjobs anbieten. Gerade die sind dann bei vielen ausschlaggebend dafür, dass sie sich bei uns bewerben“, weiß Gottschalk.

Gutes Lehrlingsgehalt noch aufstocken

„Dieses Jahr hatten wir eine gute Bewerbungslage“, betont Ralf Wachsmuth, der für die Debeka Versicherungen die Ausbildung in MV koordiniert. Voraussichtlich 26 junge Frauen und Männer werden heute in die Ausbildung zum Kaufmann bzw. zur Kauffrau für Versicherungen und Finanzen in einer der neun Geschäftsstellen in MV oder der Schweriner Landesgeschäftsstelle starten.

Was macht das Unternehmen so attraktiv, dass es im Unterschied zu vielen anderen keine Sorgen bei der Besetzung von Ausbildungsplätzen hat? In Ralfs Wachsmuth Augen sind das – neben einer sehr stark praxisbezogenen Ausbildung, bei der von Anfang an bestimmte Karriereziele angesteuert werden – eine Vielzahl von Punkten. Dazu gehört, dass die Debeka nach Tarif und damit sehr gut bezahlt: Auszubildende erhalten im 1. Lehrjahr eine Grundvergütung von 928 Euro im Monat, im 2. Lehrjahr sind es 1003 und im 3. sogar 1087 Euro. Außerdem werden bereits den Auszubildenden Vermögenswirksame Leistungen in voller Höhe bezahlt. Und damit noch nicht genug: „Durch Fleiß und Leistung können sie ihr Lehrlingsentgelt noch weiter aufstocken“, erklärt Wachsmuth: „Wenn sie eigene Verträge vermitteln, bekommen auch unsere Auszubildenden dafür schon eine Provision.“ Dass sie vom ersten Tag der Ausbildung an einen ebensolchen Dienst-Laptop bekämen, wie die Kollegen, die bereits ausgelernt haben, sei selbstverständlich. Bei Eignung werde allen Lehrlingen im Anschluss an die Ausbildung ein fester Arbeitsplatz angeboten.

Außer der Reihe frei

Parchim „Mach was Anderes! Mach was Abgefahrenes!“ Zu Jahresbeginn wird dieser Werbesport wieder über die Parchimer Kinoleinwand flimmern. Die Volker Rumstich Transport GmbH wirbt damit um junge Leute – Mädchen ebenso wie Jungen – die sich zum Berufskraftfahrer ausbilden lassen. „Auch auf Facebook und Youtube versuchen wir Azubis zu gewinnen“, erklärt Katja Rumstich, die Tochter des Firmeninhabers. Denn auch das Parchimer Unternehmen – 13 bis 15 der insgesamt rund 70 Mitarbeiter sind Auszubildende – muss sich strecken, um seine Lehrstellen besetzt zu bekommen. „Es gibt nun mal weniger Schulabgänger“, so Rumstich. Sie habe aber auch den Eindruck dass die meisten jungen Leute sich nicht mehr die Hände schmutzig machen wollten und nach Bürojobs mit geregelter Arbeitszeit suchten. Trotzdem fangen im Parchimer Transportunternehmen heute vier junge Männer die Ausbildung zum Berufskraftfahrer an – zwei davon sind Migranten.

Viele Interessenten finden über Schülerpraktika den Weg in das Transportunternehmen – und merken schon in dieser Zeit, wie familiär es in dem eigentlich ja gar nicht so kleinen Betrieb zugeht. Den Wust von Anträgen – von Berufsausbildungsbeihilfe bis zu Fahrtkostenzuschüssen und wenn nötig anderen Sozialleistungen – und die damit verbundenen Behördengänge erledigt Katja Rumstich auf Wunsch zusammen mit den jungen Mitarbeitern. „Ab dem zweiten Lehrjahr bekommen unsere Auszubildenden Tankgutscheine, weil sie dann meist mit dem eigenen Auto zur Berufsschule oder zur Arbeit kommen“, erzählt Katja Rumstich. Auch für gute Noten gibt es als Bonus z. B. einen Tankgutschein – oder auch einen freien Tag außer der Reihe. Den gewährt die Firma Auszubildenden auch vor anstehenden Prüfungen.

 Unterstützung beim Umzug, Organisation von Nachhilfe, gemeinsame Freizeitangebote, die Kostenübernahme für Schulungen – die Liste der Hilfen für Azubis, die Katja Rumstich aufzählt, wird immer länger.

 

Ellen Grull, Leiterin des Bereichs Aus- und Weiterbildung bei der IHK Neubrandenburg, hat bei der Auswertung der Ausbildungsumfrage entdeckt, dass alle Unternehmen bei der Frage nach „sonstigen Anreizen“ für Azubis mindestens ein, häufig sogar mehrere Extras angeführt haben: Die Palette reicht von Tablet oder Notebook für die Ausbildung, Handy, Firmenwagen, Azubi-Car, Fitnesstudio-Beiträgen, Shopping-Card, Tanzkursen und Tankgutscheinen über Zusatzurlaub oder Boni bei guten Noten, Freistellungen am Geburtstag bis hin zur Übernahme von Umzugskosten oder Auslandsaufenthalten für die Azubis. Ein Unternehmen hätte in der – anonymen – Abfrage sogar angegeben, dass es Auszubildenden die Besteigung des Kilimandscharo ermöglicht hätte.

„Wir stellen fest, dass der Katalog dieser Maßnahmen immer größer wird“, so Torsten Haasch, Hauptgeschäftsführer der IHK Neubrandenburg. Für die Unternehmen gingen die Lockmittel für Lehrlinge mittlerweile richtig ins Geld, müssten sie doch als geldwerte Vorteile versteuert werden.

Davon, wie kreativ Unternehmen mittlerweile sind, um Auszubildende zu gewinnen und ans Unternehmen zu binden, weiß auch Angela Budzisch, Leiterin des Fachbereiches Ausbildung bei der IHK Rostock zu berichten: So werbe zum Beispiel Mc Donald's über soziale Netzwerke um Berufsnachwuchs. Das Neptun Hotel in Warnemünde nennt Budzisch beispielhaft für Unternehmen, die ihrem Fachkräftenachwuchs Handwerksmaterial zur Verfügung stellen – im konkreten Fall sind es Messertaschen für Köche. Das Umweltservice-Unternehmen Veolia motiviert seine Auszubildenden mit halbjährlichen Leistungsvereinbarungen. Die Rostocker Messe- und Stadthallengesellschaft fördert die betriebseigene Azubi-Band. Und im Best Western Hotel organisieren Auszubildende in Eigenregie einen Lieferantenabend.

Auch die Schweriner Kammer kann auf eine Vielzahl von Anreizen in Mitgliedsbetrieben verweisen. Urlaubs- und Weihnachtsgeld gehören ebenso dazu wie das frühzeitige Anbahnen beruflicher Perspektiven.

„Wichtig ist vielen vorbildlichen Betrieben, dass der bzw. die Auszubildende erkennt, er bzw. sie wird wertgeschätzt durch Fordern und Fördern“, betont Angela Budzisch. Wie auch ihre Schweriner Kollegen verweist sie darauf, dass derartiges Engagement besonders die Top-Ausbildungsbetriebe kennzeichnet. Die IHK verleihen dieses Qualitätssiegel an Betriebe, die sich bei der Berufsorientierung, Aus- und Weiterbildung und in der Fachkräftesicherung besonders hervortun. „Besondere Anreizsysteme sind dabei immer ein Kriterium“, betont Matthias Schmidt von der IHK Schwerin. In diesem Jahr sind allein in ihrem Bereich 40-Top-Ausbildungsbetriebe ausgezeichnet worden. Die oben vorgestellten gehören dazu.

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