Krisentreffen in Güstrow : Linke vor der Zerreißprobe

Torsten Koplin, Karen Larisch, Wenke Brüdgam, Tobias Müller, Sandro Smolka (v.l.)

Torsten Koplin, Karen Larisch, Wenke Brüdgam, Tobias Müller, Sandro Smolka (v.l.)

Eine Partei auf der Suche nach einer Strategie. Gesamtmitgliederversammlung in Güstrow sucht Wege aus dem freien Fall

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24. März 2018, 05:00 Uhr

Verblüffende Eingeständnisse: Wenn die Linkspartei heute in Güstrow zur Mitgliederversammlung zusammenkommt, um über eine Erneuerung zu beraten, wird es zunächst um einige Wahrheiten gehen, die für den einen oder anderen schwer verdaulich sein werden. Landesvorsitzender Torsten Koplin aus Neubrandenburg hat ein Strategiepapier vorgelegt, in dem er analysiert, dass sich die Partei auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit befinde. Die Linke in MV sei in der Defensive, so Koplin, sie habe auf die drängensten Zukunftsfragen keine Antworten, zum Thema Flüchtlinge gebe es konträre Positionen, bei der Grundsicherung sei man sich uneins – die Partei denke nur noch in Wahlrhythmen. Man muss wohl eher sagen, die Parteiführung.

Koplins Papier ist schonungslos. Die Zeit der Nabelschau der letzten Monate und der Querelen um das neue Vorsitzendenduo soll endlich beendet werden. Koplin, der mit seiner neuen Ko-Vorsitzenden Wenke Brüdgam aus Rostock nach dem Wahlparteitag im November einen Fehlstart hingelegt hatte, sagt vor der heutigen Gesamtmitgliederversammlung: „Ich bin es leid, ständig nach hinten zu schauen. Wir müssen wieder mehr Politik machen.“ Das wird der Fraktionsvorsitzenden im Landtag, Simone Oldenburg, nicht gefallen. Sie stellt sich genau wie Koplin im Landtag täglich der Politik.

Der Landesvorsitzende schlägt in seinem Diskussionspapier eine Strategie für die Partei vor: „Kurzfristig, bis Ende 2019, geht es darum, den freien Fall zu stoppen.“ Zugleich will er die Linke bei den Kommunal- und Europawahlen im nächsten Jahr auf dem aktuellen Niveau halten. Dazu zählt Koplin einen Oberbürgermeister- bzw. Landratsposten und einen Bürgermeister. Schwer genug. 2016 verlor die Linke das Oberbürgermeisteramt in Schwerin. Ende Mai droht der Verlust des Landratsamtes in Vorpommern-Greifswald, wo Barbara Syrbe nicht wieder antritt. Mittelfristig bis 2021 will Koplin den Landesverband konsolidieren. Er mahnt: „Die Linke wird als etablierte Partei gesehen. Davon müssen wir weg. Wir müssen aktiv werden.“

Koplin fordert eine „Rückbesinnung auf den außerparlamentarischen Kampf“. Und bis 2016 will der Vorsitzende eine „deutliche Verschiebung der politischen Kräfteverhältnisse nach links“. Erst danach sieht er die Möglichkeit eines Regierungseintritts. 2006 hat die Linkspartei die Regierungsbeteiligung verloren. Seitdem regieren SPD und CDU im Land. „Ich hoffe auf viele kritische und strategische Hinweise zum Diskussionspapier“, sagt der Landtagsabgeordnete vor dem heutigen Treffen.

Als besonders ehrgeiziges Ziel fordert der Vorsitzende von seinen Mitstreitern, dass jedes Mitglied in den kommenden zwei Jahren einen weiteren Genossen gewinnt. So könnte sich die Mitgliederzahl von 3700 verdoppeln, und die Linke wäre wieder die größte Partei im Land. Aber selbst in den eigenen Reihen sei diese Vorgabe höchst umstritten, sagt Koplin.

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