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Werftenpleite : Lieferanten drohen Land mit Klagenflut

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Der Landesregierung droht für den Fall einer Pleite der P+S Werften eine Klageflut von Zulieferern der Volkswerft Stralsund und der Peene-Werft Wolgast wegen des Verdachts der Insolvenzverschleppung.

svz.de von
erstellt am 23.Aug.2012 | 06:26 Uhr

Stralsund | Rebellion am Werfttor: Vier Tage nach der Insolvenzankündigung der P+S-Werften in Stralsund und Wolgast schwindet bei Zuliefern und Lieferanten das Vertrauen in den Schiffbau an Strelasund und Peene. Wegen fehlender Lieferungen drohen inzwischen auf der Werft die technischen Gase zum Schweißen auszugehen, berichtete gestern ein junger Schiffbauer in Stralsund. Die Werft hüllt sich in Schweigen: keine weiteren Einzelheiten weder zu den Verhandlungen mit den Kunden noch zur Finanzlage und dem Verwirrspiel um die Insolvenzankündigung von Werftchef Fuchs. Unternehmenssprecherin Britt Fischer-Jahn teilte nur knapp mit: "Wir arbeiten selbstverständlich."

Allerdings: Für weitere Arbeiten wird das Geld knapp. Die letzten Millionen aus dem 152-Millionen-Euro-Rettungspaket seien Mitte Juli überwiesen worden, teilte Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) gestern im Wirtschaftsausschuss des Landtages mit. Die Auszahlung einer weiteren 19-Millionen-Euro-Darlehensrate hatte das Land im August gestoppt. Die Finanzlage der Werften sorgt indes für Verwirrung: Noch am Montag hatte Werftchef Fuchs angekündigt, wegen drohender Zahlungsunfähigkeit, am Mittwoch Insolvenz anmelden zu müssen. Bislang hat Fuchs den Gang zum Konkursrichter aber wegen Verhandlungen mit Kunden und Lieferanten verschoben. Viel Zeit bleibt ihm nicht. Inzwischen fragen sich Werftkenner, mit welchem Etat Fuchs angesichts der erklärten Finanznot die Arbeiten überhaupt noch aufrecht erhalten kann. Zudem stehen bis Ende kommender Woche Lohnzahlungen für 1800 Beschäftigte in Millionenhöhe an.

Der Landesregierung droht derweil für den Fall einer Werftpleite eine Klageflut von Zulieferern wegen des Verdachts der Insolvenzverschleppung. Die Unternehmen werfen dem Wirtschaftsministerium vor, sie nicht ausreichend über die tatsächliche Lage informiert zu haben. Der geschäftsführende Gesellschafter der Doberaner Kältetechnik-Gruppe KLH, Harald Selck, kündigte gestern für heute an, juristische Schritte gegen das Land einzuleiten. Auch andere Firmen prüften entsprechende Klagen, sagte er. Er fühle sich vom Ministerium getäuscht. "Uns wurde zugesichert, dass die Werft für die nächsten drei Jahre gesichert sei. Wir haben darauf vertraut, dass das Ministerium vor der Freigabe der Millionen-Beihilfen die Situation der Werften genau geprüft hat."

Minister ließ mehr Fragen offen, als geklärt werden konnten

Und nun stelle sich plötzlich heraus, dass angeblich keine Rechnungen mehr beglichen werden könnten. Eine fällige Rechnung über 680 000 Euro sei vergangene Woche von den P+S Werften nicht beglichen worden. Insgesamt beliefen sich die Außenstände seiner Firma bei P+S auf einen siebenstelligen Betrag. Die Kritik wies das Ministerium gestern zurück: Die Zulieferer seien stets informiert worden, so Ministeriumssprecher Gerd Lange. Gestern wollten Firmenvertreter des Kooperationsverbundes Maritime Zulieferer-Allianz in Rostock bei einem Krisentreffen mit Wirtschaftsstaatssekretär Stefan Rudolph ihren Forderungen Nachdruck verleihen. Beim Treffen habe das Land den Zulieferern Hilfe zugesagt. So könne das Land die Firmen mit Darlehen von bis zu 500 000 Euro unterstützen, sagte Lange.

Nach Einschätzung des Verbandes Deutscher Maschinen und Anlagenbau würde eine Pleite der P+S Werften auch zum Aus für mehrere kleine Zulieferer führen. Indes bleibt es für die Opposition im Landtag ungeklärt, auf welcher Grundlage das Land im Juni die Entscheidung für ein 152-Millionen-Euro teures Rettungspaket getroffen hat. Auch nach dem Bericht von Minister Glawe gestern im Wirtschaftsausschuss "bleiben mehr Fragen offen als geklärt werden konnten", sagte Linken-Fraktionschef Helmut Holter. Glawe habe nicht erklären können, warum das Land wochenlang erklärt habe, es gebe ein zukunftsfähiges Konzept, der neue Werftchef aber schon nach wenigen Tagen zu einem anderen Ergebnis gekommen war. Offensichtlich habe die Regierung "nicht tief genug geprüft".

Kritik auch bei den Grünen: Es deute "immer mehr darauf hin, dass die Landesregierung den Prozess der wirtschaftlichen und finanziellen Entwicklung der Werften nur unzureichend begleitet hat, obwohl sie in den Aufsichtsgremien vertreten war", erklärte Grünen-Fraktionschef Jürgen Suhr. "Die Landesregierung vollführt einen regelrechten Eiertanz zu allen Vorgängen, die im Dunkeln liegen", so Holter. So sei nach wie vor ungeklärt, warum das Land in der schwierigen Situation den Sitz des Landes im Werft-Beirat nach dem Rücktritt des Werftenbeauftragten des Landes, Ex-Staatssekretär Rüdiger Möller, wochenlang unbesetzt und wichtige Einfluss- und Informationsmöglichkeiten ungenutzt lasse. Möller hatte sich am 9. August, als sich die Finanzkrise erneut zuspitzte, offenbar auf Druck des Landes aus dem Gremium verabschiedet. Der Grund: Er wollte offenbar die Berufung des neuen Werftchefs Fuchs verhindern. Der Sitz im Beirat soll "demnächst" wieder besetzt werden, hieß es im Wirtschaftsministerium.

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