Bekannter Zeichner aus MV : Lieber Joachim John…

Franz Kafka, 1992, Feder, Tusche
3 von 5
Franz Kafka, 1992, Feder, Tusche

Ein Brief und ein Geschenk zum heutigen 85. Geburtstag des größten Zeichners des Landes

23-11368278_23-66108191_1416392711.JPG von
20. Januar 2018, 16:00 Uhr

Lange habe ich überlegt, was ich Ihnen zu Ihrem 85. Geburtstag schenken könnte. Vorgestern das Glas selbst eingekochter Marmelade – nun ja. Beethovenmusik spielte, als ich Sie in Ihrem alten Bauernhaus in Neu Frauenmark bei Gadebusch besucht habe. Es ging Ihnen nicht gut. Seit zwei Wochen waren Sie nicht mehr im Atelier, die Tusche ist ausgetrocknet. Aber schon in den ersten Minuten zeigten Sie mir Bücher, die ich unbedingt lesen sollte. Das eine: „Weltverwunderung“ von Friedrich Dieckmann. Der Berliner Autor ist wie Sie Mitglied der Akademie der Künste Berlin-Brandenburg. Ich weiß gar nicht, ob Ihnen bewusst ist, wie sehr dieser Titel – „Weltverwunderung“ – auch Ihr riesiges Werk beschreibt. Ihre Verwunderung über die Welt, der Sie in tausenden Zeichnungen und Grafiken ein Gesicht gegeben haben. Dieser Welt, wie sie war und ist, in all ihrer Schönheit und Dummheit, ungerecht, lüstern, maßlos, immer gleich und immer gleich anders.

Auf dem Tisch lag auch das Manuskript eines Kataloges für eine Ausstellung ab Februar in Putbus. Dort werden in der Orangerie über 50 Blätter von Ihnen gezeigt, die Sie „Neue Zeichnungen“ nennen. Neu, weil Sie sich, wie ich finde, mit diesen Bildern noch einmal neu erfunden haben, nicht mehr vordergründig erzählen, vielmehr musikalisch zeichnen oder zeichnend komponieren. Ich lese diese Bilder als Traumerzählungen aus einem Reich jenseits von Berechnung, Sinn und Botschaft. Entstanden in einem Spiel, das die „Wunder der sichtbaren Welt“, wie Sie mal gesagt haben, hinter sich gelassen, aufgehoben hat.

 Streifen 6, 2013, Stiftung Mecklenburg
Streifen 6, 2013, Stiftung Mecklenburg
 

Beim Blättern in diesem Katalog wusste ich plötzlich, was ich Ihnen schenken würde, selbst wenn Sie immer wieder gesagt haben, Ihre Arbeiten von gestern interessierten Sie kaum noch, weil Ihr Interesse allein dem gelte, was Sie morgen machen.

„Ich will mein Zeug von früher nicht mehr sehen“, haben Sie erst vorgestern gegrantelt, als Sie davon erzählten, dass am Montag drei Kunstwissenschaftler kommen würden, um Bilder für eine Berliner Ausstellung auszusuchen. Die Hauptstadt will Sie im Frühjahr mit dem Egmont-Schaefer-Preis für Zeichnung auszeichnen.

Franz Kafka, 1992, Feder, Tusche
Franz Kafka, 1992, Feder, Tusche

Sei’s drum. Weil niemand in diesem Land die Idee hatte, Sie zu Ihrem 85. Geburtstag mit einer Ausstellung zu ehren, schenke ich Ihnen eine fiktive Galerie, voll mit Ihren Bildern. Und als Traumkurator bestimme allein ich, welche Bilder dort hängen werden.

Im Eingangsbereich stelle ich mir eine ganze Wand mit Selbstporträts vor. Hunderte dieser kleinen, flüchtigen Zeichnungen, mit denen Sie Kataloge signieren oder Briefen und Karten ein Gesicht geben, dicht an dicht gehängt. John als Zweifler, Grübler, Ironiker, aufschauend zum bewunderten Beckmann, verzerrt, verbeugend, grinsend, grüßend. Doch immer unverwechselbar John.

Joachim John, Aufsteigende Fische, 2012, Feder, Tusche auf Papier
Joachim John, Aufsteigende Fische, 2012, Feder, Tusche auf Papier
 

Sodann suche ich mir als alter Zirkusfreund eine frühe Zeichnung aus den 70er-Jahren aus, vielleicht die Zirkusprinzessin auf dem Löwen. In einen Raum mit Landschaften werden sich Radierungen mecklenburgischer und italienischer Landschaften abwechseln. Aus der Folge zu Machiavellis Renaissance-Komödie „Mandragola“ versuche ich so viele deftige erotische Blätter wie möglich zu hängen. Commedia dell’arte auf Papier. Theater, Ihre alte Liebe. Leider werde ich von den Panoramabildern, die Sie für das Schweriner und das Cottbuser Theater gemalt haben, nur Fotos zeigen können. So viel Platz gibt es selbst in meiner Traumgalerie nicht. Für einige Zeichnungen aus Theaterproben reicht es dann aber doch: Her mit Horst Rehberg als König Lear!

„Die Revolution ist die Maske des Todes…“ (Heiner Müller), 1988, Tusche, aquarelliert
„Die Revolution ist die Maske des Todes…“ (Heiner Müller), 1988, Tusche, aquarelliert
 

Was noch? Etwas Politisches. Anders ist John gar nicht zu denken. Also die Marianne mit der Jakobinermütze, Allegorie der Freiheit, wie Sie sie immer wieder gezeichnet haben, und einige Blätter zur Französischen Revolution. Dazu passen dann sehr schön die deutschen Nachwendeblätter: Hans-guck-in-die-Luft auf der Berliner Mauer oder der Untergang des Bootes „Utopia“ in einem Meer voller Ungeheuer.

Der letzte Raum meiner Ausstellung wird rein autografisch, dort zeige ich einige der Briefe und Karten, die Sie mir in den vergangenen 25 Jahren geschrieben haben, kleine Kunstwerke, in denen Sie gewitzelt oder geschimpft, mich auf junge Künstler aufmerksam gemacht oder mir Fehler um die Ohren gehauen haben. Oft endeten diese Schreiben mit dem Gruß, den ich Ihnen auch heute an Ihrem runden Geburtstag sagen möchte: con affetto – in Zuneigung.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen